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Heft 22: Weltanschauung

Ein Einlassen auf die Grundfragen ermutigt uns, Abschied zu nehmen von der Vorstellung eines Menschen, der alles beherrschen und kontrollieren kann.
Das Heft als PDF (2,9 MB) – Dezember 2018
Die Infografik als PDF (2,0 MB)

Heft 22: Weltanschauung

Nachhaltigkeit als ethisches Prinzip

Albert Schweitzers Formel von der "Ehrfurcht vor dem Leben" enthält den Kern einer neuen Ethik. Hans Jonas führte den Gedanken weiter: Ist die "Unversehrtheit" der Welt gefährdet, müssen Wirtschaft und Wissenschaft Zügel angelegt werden.

Text: Ulrich Grober

Leben ist mehr als das nackte Überleben. Es geht immer auch um die Freiheit des Menschen – und um seine Würde. Im Verlauf einer langen Entwicklung wurde die Menschenwürde in unterschiedlichen Kulturen und spirituellen Systemen für "heilig" erklärt. Oder anders ausgedrückt für "unantastbar". So formuliert es unser Grundgesetz in seinem Artikel 1. Damit legt es fest: In der Hierarchie unserer Werte steht die Menschenwürde ganz oben. Sie ist das Fundament der Menschenrechte.

RS18581 NachhaltigkeitWie lassen sich Menschenwürde und die Achtung vor allem Lebendigen vereinen? Albert Schweitzer und Hans Jonas haben früh Vorschläge dazu gemacht. (Foto: Surajith S. Adoor/​Pexels)

Nach der historischen Erfahrung des Zivilisationsbruchs durch Weltkriege und Völkermord nahm die neu gegründete Weltgemeinschaft, die UNO, mit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 ihre Arbeit auf. Der Schutz menschlicher Würde, Freiheit und Rechte wurde universal. Er rückte in den Kern einer weltumspannenden Ethik.

Die große Beschleunigung

Doch die Fähigkeiten und Kräfte, die es Homo sapiens ermöglicht hatten, den Naturgewalten die Stirn zu bieten und die Gaben der Natur in stetig wachsendem Maße zu nutzen, entfalteten eine eigene Dynamik. Die fortschreitende Aneignung der Erde und ihrer Schätze durch den Menschen mittels Energie, Wissenschaft und Technik führte zwar zu einem immer höheren Grad an materiellem Wohlstand, an Sicherheit und Komfort. Doch sie stürzte den Planeten in eine ernste Krise. Die Reichweite menschlichen Handelns vergrößerte sich sprunghaft. Sowohl räumlich: Sie wurde global. Als auch zeitlich: Sie erstreckte sich in eine ferne Zukunft hinein.

Diese Entwicklung bekam ab den 1950er Jahren noch einmal einen ungeheuren Schub. Historiker sprechen von der "großen Beschleunigung". Die billige Energie aus den fossilen Brennstoffen Kohle, Erdöl und Erdgas ließ die Wachstumskurven steil nach oben gehen: Bevölkerungswachstum, Bruttosozialprodukt, Wasserverbrauch, Kunstdüngereinsatz, Verkehrsaufkommen, CO₂-Emissionen, die Raten von Fischfang und Holzeinschlag. Eine neue Lebensweise nahm Gestalt an. Zuerst in den USA, dann in den anderen westlichen Staaten, schließlich in den Schwellenländern des Südens: die Konsumgesellschaft.

Statt auf die sparsame und schonende Nutzung der natürlichen Ressourcen war sie auf den möglichst hohen Verbrauch ausgerichtet. Die Ausbreitung dieser historisch noch nie dagewesenen Muster von Produktion und Konsum auf alle Regionen der Erde hält bis heute an. Sie gefährdet die Zukunft der Menschheit.

Respekt vor allem, was lebt

Schon in den Anfängen gab es ernste Warnungen vor dem Weg in eine globalisierte Konsumgesellschaft. So arbeitete Albert Schweitzer, der große Humanist, Arzt und Theologe, schon seit Langem am Entwurf einer Ethik, die den Herausforderungen der heraufziehenden Industrie-Konsum-Zivilisation gerecht werden sollte. Seine Grundidee: den Respekt vor der Würde jedes Menschen auszuweiten auf die Achtung vor der Würde jeder lebendigen Kreatur und vor dem, was das Leben trägt.

"Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will." Der einfache Satz bringt ein naturverbundenes Lebensgefühl zum Ausdruck: die Lust am prallen Leben in allen seinen Erscheinungsformen. Aber darüber hinaus enthält er den Kern einer neuen Ethik. Schweitzer selbst fasste sie schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts in die Formel: "Ehrfurcht vor dem Leben".

Der Faden dieses Denkens riss nicht mehr ab. 1979 erschien "Das Prinzip Verantwortung – Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation". Der deutsch-amerikanische Philosoph Hans Jonas führte darin das Nachdenken über die Klärung unserer Werte weiter.

Seine Diagnose: In seiner gesamten bisherigen Geschichte sei der Mensch machtlos gewesen, das "festgesetzte Gleichgewicht" in der Natur und die "zeugenden Kräfte" zu stören oder die "Natur dieser Bereiche" zu verändern. Nun aber habe die technologische Entwicklung die "Unversehrtheit" der Welt selbst akut gefährdet. Also müssten der Macht von Wissenschaft und Wirtschaft Zügel angelegt werden.

Verantwortung, der neue Imperativ

Die "Integrität der natürlichen Ordnung im Ganzen" und die ganze "Fülle der Lebenswelt" auf Dauer zu sichern muss nach Jonas ins Zentrum der "Lehre vom rechten Verhalten", also der Ethik, rücken. Diese müsse die "globale Bedingung menschlichen Lebens und die ferne Zukunft, ja die Existenz der Gattung berücksichtigen". Wo die "Anwesenheit des Menschen in der Welt" nicht mehr ein fraglos Gegebenes sei, müsse sie zum "Gegenstand der Verpflichtung" gemacht werden. "Dass es eine Welt für die kommenden Geschlechter der Menschen gebe", also "in alle Zukunft ... eine solche Welt geben soll", die für Menschen bewohnbar ist – das ist das "allgemeine Axiom", die nicht weiter zu hinterfragende Grundannahme.

Der neue Imperativ, den Jonas daraus ableitet, lautet: "Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden." Die "Permanenz", die Dauerhaftigkeit "echten menschlichen Lebens", also eines Lebens in Würde, "auf Erden", in einer intakten Biosphäre – Hans Jonas formuliert hier Nachhaltigkeit als ein ethisches Prinzip, und zwar als das wichtigste, das wir in der gegenwärtigen kritischen Epoche der Menschheitsgeschichte haben. Seine Botschaft ist heute aktueller denn je.

Der Publizist Ulrich Grober ist Experte für Nachhaltigkeit. Sein Buch "Die Entdeckung der Nachhaltigkeit" von 2010 gilt als Standardwerk. Text nach: "Vom Wert der Nachhaltigkeit – Traditionen und Visionen einer Leitidee", Hessische Landeszentrale für politische Bildung, Wiesbaden 2017