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Heft 22: Weltanschauung

Ein Einlassen auf die Grundfragen ermutigt uns, Abschied zu nehmen von der Vorstellung eines Menschen, der alles beherrschen und kontrollieren kann.
Das Heft als PDF (2,9 MB) – Dezember 2018
Die Infografik als PDF (2,0 MB)

Heft 22: Weltanschauung

Protest mit den Füßen

Ihre Motivation ist die Bewahrung der Schöpfung, ihre Ziele sind durchaus politisch: Die Klimapilger gehen von Bonn bis Katowice in Polen und demonstrieren für Klimagerechtigkeit und den Kohleausstieg.

Text: Friederike Meier

Es gibt Hoffnung. Das ist die Botschaft, die Kaplan Anish Mundackal in der katholischen Kirche von Hoyerswerda in Sachsen den Klimapilgern mit auf den Weg gibt. Er zeigt dafür auf ein Bild von Adam und Eva vor dem verdorrten Baum des Lebens. Aus dem Baum sprießt ein neuer grüner Zweig. "Wenn Sie heute durch unser Braunkohlerevier gehen und die Kraftwerke sehen, sollen Sie trotzdem Hoffnung haben", sagt der Kaplan.

Friederike MeierDie Klimapilger (hier in der Lausitz) sind nicht nur auf der Suche nach Selbstfindung, sondern haben eine Botschaft: Für die Bewahrung der Schöpfung und für ein einfaches, solidarisches Leben. (Foto: Friederike Meier)

Die Klimapilger, das sind heute um die 15 Menschen. Von Hoyerswerda aus wollen sie die knapp 30 Kilometer bis zu dem Dorf Schleife gehen – hinein in das Lausitzer Braunkohlerevier im nördlichen Sachsen an der Grenze zu Brandenburg.

Einige von ihnen sind schon zwei Monate unterwegs. Denn die Pilger wollen von Bonn – dem Ort der letzten Klimakonferenz – nach Katowice in Polen gehen, wo in diesem Jahr die Klimaverhandlungen stattfinden. Ihre Forderungen: Mehr Klimagerechtigkeit, ein Kohleausstieg und ein ambitioniertes Regelwerk für das Pariser Klimaabkommen.

Um neun brechen die Pilger auf. An Straßen entlang geht es raus aus Hoyerswerda in den Wald. Einige verteilen Flyer an Passanten, andere vertiefen sich in Gespräche mit ihren Mitpilgern.

Mit Menschen am Weg sprechen, sparsam leben, sich auf das Wesentliche besinnen, darum geht es für Wolfgang Löbnitz beim Klimapilgern. Der 65-jährige ist Teil des Organisationsteams und in diesem Jahr seit Düsseldorf dabei. "Beim Pilgern finde ich zu mir selbst und zu meinem Glauben", sagt er. Außerdem will er darauf hinweisen, dass die Schöpfung bewahrt werden muss. "Man muss Technologie nutzen, wenn sie da ist, aber man darf es nicht übertreiben", sagt Löbnitz, der selbst Ingenieur ist.

Kraftorte und Schmerzorte

Für ihn hat das Pilgern auch noch einen ganz praktischen Effekt: "Es zeigt mir, wie sehr ich mich einschränken kann", erzählt er. Die Pilger lebten sehr sparsam. "Und wir sind trotzdem zufrieden und haben viel Spaß." Sie übernachten entweder in Gemeindesälen oder bei Mitgliedern der Kirchengemeinden zuhause. Unterstützt wird der Pilgerweg von einem ökumenischen Bündnis aus 40 Organisationen.

Es ist aber keineswegs so, dass alle, die mitgehen, religiös sind. Viele wollen ein politisches Zeichen für den Kohleausstieg setzen und fühlen sich beim Pilgern wohler als bei Aktionen wie "Ende Gelände". Bisher haben am Pilgerweg schon über 1.000 Menschen teilgenommen, bis zu 200 auf einmal.

Am Bernsteinsee, dem Restsee eines DDR-Braunkohletagebaus, gibt es geschmierte Brote, die Pilger strecken die Füße aus, die Sonne scheint. Nach einer halben Stunde geht es weiter, denn der Zeitplan ist straff. Trotzdem versuchen die Pilger die Umgebung, die sie durchwandern, zu genießen. "Manchmal gehen wir auch eine Zeit schweigend, vor allem an Kraftorten", sagt Löbnitz. Kraftorte sind für ihn Orte, die guttun, wie ein schöner Wald oder auch die Kirchen, in denen alle Tagesetappen mit einer kurzen Andacht beginnen.

Das Gegenstück dazu sind Schmerzpunkte, wie laute Straßen, hupende Autos oder eben Tagebaue. "Dort kann man darüber nachdenken, was man persönlich dagegen tun kann", erklärt Löbnitz. Schmerzorte sehen die Pilger viele, denn der Weg ist absichtlich so geplant, dass er alle deutschen Braunkohlereviere durchquert.

Durch das Lausitzer Braunkohlerevier geht es nun nach Berlin. Dort wollen die Pilger Ende November ihre Forderungen an Wirtschaftsminister Peter Altmaier überreichen. Vorher wollen sie direkt vor dem Wirtschaftsministerium einen Gottesdienst veranstalten. Denn: Es gibt Hoffnung.