Heft 22: Weltanschauung

"Die Menschen sind nicht Eigentümer der Erde"

Die kritische Auseinandersetzung mit dem Naturverständnis bei Karl Marx und Friedrich Engels kann uns helfen, die Antriebskräfte der heutigen umfassenden Krise des Erdsystems besser zu verstehen.

Text: Michael Müller

Die Philosophen und Gesellschaftstheoretiker Karl Marx und Friedrich Engels versuchten vor 150 Jahren wissenschaftlich zu begründen, dass es unter kapitalistischen Produktionsbedingungen unvermeidlich zu einer Revolution kommen muss. Sie übernahmen dafür von Georg Wilhelm Friedrich Hegel die historisch-dialektische Denkweise, die sie zur Erklärung der Triebkräfte in den materiellen Bedingungen und sozialen Auseinandersetzungen nutzten.

Marx‘ große Leistung ist die weitsichtige Beschreibung kapitalistischer Verwertungszwänge. Er deutete die Entfaltung der Produktivkräfte als notwendiges Durchgangsstadium und versuchte mit dem "Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate" dem aufbrechenden Widerspruch zwischen der Entwicklung der Produktivkräfte und den Produktionsverhältnissen eine analytisch fassbare und empirisch überprüfbare Gestalt zu geben.

Marx sah darin den entscheidenden geschichtsbildenden Faktor. Seine Grundüberzeugung war, dass erst die Entfaltung der Produktivkräfte die "materiellen Elemente für die Entwicklung der reichen Individualität" schaffe. "Eine Gesellschaftsformation geht nie unter, bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind", so seine Erkenntnis, "und neue höhere Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben im Schoß der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind."

Die Annahme des vorübergehenden Charakters der kapitalistischen Produktionsweise und die daran geknüpfte Erwartung einer proletarischen Revolution unterschätzte freilich die Anpassungsfähigkeit marktwirtschaftlicher Systeme und überschätzte die Handlungsbereitschaft kollektiver Akteure.

"Wir beherrschen nicht die Natur – wir gehören ihr an"

In den kommunistischen Staaten hat später im Namen des Marxismus ein platter Produktivismus nicht nur ein autoritäres System gefördert, sondern auch schlimme Umweltzerstörungen angerichtet. Das heißt aber nicht, dass Marx und Engels für ökologische Fragen blind waren, wie ihnen oft unterstellt wurde.

Sie gingen davon aus, dass das gesellschaftliche Sein des Menschen eingebettet ist in das universelle Sein der Natur, die zu erhalten ihnen bei Strafe des eigenen Untergangs auferlegt ist. "Selbst eine ganze Gesellschaft, eine Nation, ja alle gleichzeitigen Gesellschaften zusammengenommen sind nicht Eigentümer der Erde", heißt es in Karl Marx‘ Hauptwerk "Das Kapital". Vielmehr sei die Erde "den nachfolgenden Generationen verbessert zu hinterlassen".

"Bei jedem Schritt", schrieb Friedrich Engels in "Dialektik der Natur", "werden wir daran erinnert, dass wir keineswegs die Natur beherrschen, wie ein Eroberer ein fremdes Volk beherrscht, wie jemand, der außerhalb der Natur steht – sondern, dass wir mit Fleisch und Blut und Hirn ihr angehören und mitten in ihr stehen und unsere ganze Herrschaft darin besteht, ihre Gesetze erkennen und sie richtig anwenden zu können."

Marx und Engels hatten keinesfalls ein ungebrochen deterministisches Verhältnis zur Idee des technisch-ökonomischen Fortschritts, der, wie es im "Kapital" heißt, "die Springquellen allen Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter".

Auch wenn der Leser oft den Eindruck gewinnt, dass sich der klassische Marxismus – methodologisch gerechtfertigt durch Francis Bacon und René Descartes – erst einmal der Dynamik der Naturbeherrschung ausliefert, sind bei Marx und Engels, "seltener zwar und häufig an entlegenen Orten, Ansätze einer 'ökologischen' Kritik des destruktiven Aspekts" der industriellen Moderne zu finden, wie Alfred Schmidt in seiner Untersuchung über den Begriff der Natur bei Marx herausarbeitet.

Zerstörungspotenzial unterschätzt

"Fortschritt hier, Rückschritt dort" – Marx sah durchaus die "entgegengesetzten Bewegungen". Vor dem historischen Hintergrund des 19. Jahrhunderts lag allerdings sein Schwerpunkt verständlicherweise auf der sozialen Frage, um Armut und Elend, Unterdrückung und Abhängigkeit zu überwinden. Die Entfaltung des wirtschaftlichen Wachstums sah er als notwendige Etappe zur Befreiung des Proletariats.

Diese Wirtschaftsweise reproduziert sich aber durch den Verzehr ihrer natürlichen, sozialen und kulturellen Umwelt, zu deren Erhaltung sie selbst wenig oder nichts beiträgt. Die heutige umfassende Krise des Erdsystems war für Marx und Engels nicht vorstellbar. Dass die Gesellschaft durch die Unterwerfung und Ausbeutung der Natur ihre eigene Fortexistenz untergräbt, haben sie unterschätzt.

Karl Marx hatte recht, dass es politischer Gestaltung zur Zivilisierung der Ökonomie bedarf. Die Ideologie der Deregulierung und Liberalisierung widerspricht der Idee von Gesellschaft. Deswegen repräsentiert die Politik, erst recht ihr heutiges Personal, nicht die Gesellschaft als Ganzes, sondern in beschränkter Wahrnehmungsperspektive nur Teilsysteme und Einzelinteressen. Die Betonung liegt immer auf Differenz, nicht auf Einheit.

Erst eine sozial-ökologische Transformation der Produktionsweise und Gesellschaftsordnung kann zur Grundlage eines neuen Fortschritts werden.

karl marx 454010 640Wer platten Marxismus zu Recht ablehnt, sollte trotzdem ihre ökonomische Analyse kennen: Karl Marx (links) und Friedrich Engels vor dem Berliner Schloss. (Foto: Jens Junge/​Pixabay)

Der SPD-Vordenker und ehemalige Umweltstaatssekretär Michael Müller ist Bundesvorsitzender der Naturfreunde und Mitherausgeber des Magazins Klimareporter°.

Schlagworte: Wirtschaft, Wachstumskritik, Theorie, Politik, Weltanschauung