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Heft 22: Weltanschauung

Ein Einlassen auf die Grundfragen ermutigt uns, Abschied zu nehmen von der Vorstellung eines Menschen, der alles beherrschen und kontrollieren kann.
Das Heft als PDF (2,9 MB) – Dezember 2018
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Heft 22: Weltanschauung

Ökologie ist keine Ersatzreligion

Die Auseinandersetzung mit den Grundfragen des Lebens und Zusammenlebens hält nicht vom Aktivwerden für die Energie-, Mobilitäts- und Agrarwende ab. Sie hält vielmehr davon ab, den Umbruch noch länger hinauszuschieben.

Text: Martin Held und Markus Vogt

Bei der beginnenden Großen Transformation geht es um nichts weniger als den historisch einzigartigen Übergang von der Nichtnachhaltigkeit zu einer nachhaltigen, dauerhaft zukunftsverträglichen Entwicklung. Damit sind tiefgreifende technologische, ökonomische, gesellschaftliche und politische Veränderungen angesagt. Und damit ist die Stellung von uns Menschen in der Welt berührt. Aufgeworfen sind persönliche Sinn- und gesellschaftliche Grundfragen nach dem common good – dem, was uns bei aller Vielfalt und Interessenunterschieden verbindet und trägt.

Hinterfragen müssen wir auch das Selbstverständnis von uns Menschen, das Menschenbild. Vielen fällt es schwer, Abschied zu nehmen von der Vorstellung eines Menschen, der alles beherrscht und kontrolliert. Diese lange Zeit attraktive Vorstellung ist aber weder sonderlich klug noch entspricht sie der Selbstetikettierung homo sapiens. Sie ist vermessen.

Der Mensch ist Teil der Natur, erlebt sich aber auch als sittliches Subjekt, dessen Tun und Lassen gerade nicht einfach von den naturgegebenen Handlungsantrieben vorgegeben ist, sondern in Auseinandersetzung mit kulturellen Vorstellungen bestimmt werden muss. Als sittliches Subjekt erlebt er sich auch als ein Gegenüber zur Natur. So liegt es nahe, Natur und Kultur als Dualismus zu verstehen.

Von Großtechnik zu lassen fällt schwer

In der Großen Transformation zur Nachhaltigkeit geht es darum, diesen Dualismus zu überwinden. Freiheit und Kultur fangen nicht dort an, wo Natur aufhört. Angesagt ist keine Emanzipation von den "Fesseln der Natur". Vielmehr sollten wir den expansiven Raubbau an den natürlichen Lebensvoraussetzungen beenden und zu einer verantwortlichen Kohabitation von uns Menschen mit der äußeren Natur kommen.

Das bedeutet nicht, "die Natur" zu sentimentalisieren, sondern das Verständnis für die Zusammenhänge der Naturkräfte samt den Wirkungsketten der menschlichen Einflussnahme zu verbessern. Die Transformation von Lebens- und Wirtschaftsstilen fällt jedoch doppelt schwer. Schwer fällt es vielen von uns, neugewonnene Möglichkeiten – etwa das Fliegen – nicht exzessiv zu betreiben, sondern als etwas Kostbares zu begreifen.

Es fällt auch schwer, die Klimakrise nicht durch großtechnische Projekte beheben zu wollen. Die großtechnologische Umsetzung des sogenannten Carbon Capture and Storage (CCS) zur Begrenzung des globalen Temperaturanstiegs ist dafür ein prototypisches Beispiel: Die Anwendung der CO₂-Speicherung in einer Größenordnung, um das Weltklima zu stabilisieren, setzt fehlerfreie, nahezu allumfassende Kenntnisse über die Wirkungszusammenhänge und vollständige Kontrollierbarkeit voraus. Das kann es nicht geben. Angesichts der dramatischen Änderungen des Klimas ist es verständlich, auf derartige technologische Wunder zu setzen. Aber es ist vermessen.

Szientismus – der Glaube, allein aus naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und daraus ableitbaren Technologien alle Fragen lösen zu können – steht dagegen in der Gefahr, "die Ökologie" als eine Art Ersatzreligion zu verstehen. Das erschwert es, die normativen Konflikte der Nachhaltigkeitstransformation in der gebotenen Intensität zu debattieren.

Einsicht in die Grenzen der Einsichtsfähigkeit

Bei Katastrophen und tragischen Ereignissen taucht der Ruf nach Trost durch Religion auf. Tatsächlich liegt die Bedeutung von Religionen für die Transformation jedoch nicht in vordergründiger Instrumentalisierung passend erscheinender religiöser Versatzstücke (ein einfaches Beispiel: statt Evolution sagt man Schöpfung).

In umgekehrter Perspektive können Auseinandersetzungen um die Große Transformation zur Nachhaltigkeit religionsproduktiv sein, werden doch Fragen nach den Grenzen menschlicher Aktivitäten in neuer Schärfe aufgeworfen: nach dem Sinn des Lebens, ethischen Maßstäben und der Motivation zum aktiven Handeln. In der Transformationsdebatte wird dies inner transition genannt.

Ist das nicht alles zu abgehoben, etwas zu groß, zu bedeutungsschwanger aufgeladen? Nein, im Gegenteil geht es bei der anstehenden Nachhaltigkeitstransformation auch um die Einsicht in die Grenzen der Einsichtsfähigkeit von uns Menschen.

Dafür steht der für viele altmodisch klingende Begriff der Demut – in dem zugleich Mut steckt. Eine Auseinandersetzung mit diesen Grundfragen lenkt nicht ab, hält nicht vom Aktivwerden für die Energie-, Mobilitäts- und Agrarwende ab. Sie hält vielmehr davon ab, den Umbruch noch länger hinauszuschieben. Ein Einlassen auf diese Grundfragen ermutigt uns, ernsthaft um die heute notwendigen Schritte von der Nichtnachhaltigkeit zu einer nachhaltigen Entwicklung zu streiten. Es stärkt uns, neue Wege zu gehen.

666545 original R by CFalk pixelio.deNicht das buchstabengetreue Studium führt auf einen nachhaltigen Weg, sondern das Hinausgehen in die Welt mit allen Sinnen. (Foto: C. Falk/​Pixelio)

Martin Held war Studienleiter für Wirtschaft und nachhaltige Entwicklung an der Evangelischen Akademie Tutzing. Er ist Koordinator des Gesprächskreises "Die Transformateure – Akteure der Großen Transformation".

Markus Vogt ist Professor für Christliche Sozialethik an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er ist Berater der ökologischen AG der Deutschen Bischofskonferenz.