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Heft 5: Wachstum

Eine Raupe hat nur ein Ziel: fressen und wachsen. Doch irgendwann spürt sie, dass mehr Wachstum nichts bringt, und wird zum Schmetterling. Dem Kapitalismus steht diese Erkenntnis noch bevor.
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Heft 5: Wachstum

Firmen, die nicht wachsen wollen

Eine Postwachstumsökonomie gibt es nicht nur in der Theorie. Schon heute versuchen Unternehmen dem Zwang zum ewigen Wachstum zu entkommen – mit einigem Erfolg. Auch wenn die Wege und Motive zum Teil recht unterschiedlich und die Grenzen zur Nachhaltigkeit fließend sind.

Text: Susanne Götze

Das Wachstum des deutschen Bruttoinlandsprodukts oder der Weltwirtschaft aus sozialen oder ökologischen Gründen zu kritisieren ist einfach. Viel spannender wird die Debatte, wenn es um die Akteure des Wachstumspokers geht: die Unternehmen.

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Vom Nachdenken zum Handeln: Dieses Monument steht in Katars Hauptstadt Doha. Die Welt versucht unser Wachstumsmodell zu kopieren. (Foto: Nick Reimer)

Auch wenn es nachhaltige Unternehmen – oder jene, die es vorgeben – mittlerweile in großer Zahl gibt, haben diese nicht unbedingt etwas dagegen zu expandieren. Das Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) in Berlin hat in einer Studie deshalb jene Unternehmen unter die Lupe genommen, die sich explizit als wachstumskritisch bezeichnen. Die Wissenschaftler fanden heraus, dass viele Firmen ihre wachstumskritische Haltung vor allem mit ökologischen und sozialen Prinzipien begründen. Dabei geht es einerseits um regionale Wertschöpfung und ökologische Produktionsweisen, andererseits aber auch um den gesellschaftlichen Nutzen der Produkte. Nicht Quantität steht obenan, sondern Qualität.

Etwas Ähnliches schlägt der renommierte französische Wachstumskritiker Serge Latouche in seinem gerade erschienenen Buch "Es reicht!" vor. Auch Latouche plädiert dafür, die Wirtschaft mit einer Mischung aus Schrumpfung und Regionalisierung neu zu organisieren.

Die Wachstumsforscher des IÖW sehen aber auch die Sozialpolitik in den – sämtlich inhabergeführten – Unternehmen als entscheidend an. So müssten sich diese bewusst gegen die gängige kapitalistische Ausbeutungslogik stellen, die mit dem Wachstum verbunden ist.

"Wir verzichten auf einen Teil unseres Gewinns"

Bei der bayerischen Brauerei Neumarkter Lammsbräu garantieren beispielsweise die Verträge mit Zulieferern, dass die Bauern der Region mit festen Preisen und stabilen Abnahmemengen rechnen können. Auch im Unternehmen selbst werde ständig an der Mitarbeiterzufriedenheit gearbeitet, meint Unternehmenschefin Susanne Horn. So würden Kinderbetreuungsmöglichkeiten angeboten und familiengerechte Verträge aufgesetzt. Zudem sorge man dafür, "dass die Angestellten einen Bezug zu ihrem Produkt haben".

Doch ist soziale oder ökologische Nachhaltigkeit auch immer gleich wachstumskritisch? "Ja – weil wir schlicht auf einen Teil unseres Gewinnes verzichten", sagt Horn. "Wir wirtschaften unseren ohnehin schon geringeren Profit nicht nur in die eigene Tasche, sondern setzen auch viel Geld für nachhaltige Projekte ein." So gebe man der Gesellschaft und der Umwelt etwas zurück.

"Im Idealfall handeln diese Unternehmen insgesamt vernünftig, und zwar durch den Dreisatz von Effizienz, Konsistenz und Suffizienz, der sie zu einem 'Besser statt Mehr' führt", erläutert Studien-Leiterin Jana Gebauer vom IÖW. Unter anderem erhöhen die Unternehmen Qualität, Langlebigkeit und Wiederverwendbarkeit ihrer Produkte. Und sie verbinden den Verkauf mit Beratung, Reparaturangeboten und der aktiven Einbeziehung der Konsumentinnen, so die Unternehmensforscherin.

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Sieht aus wie ein ganz normaler Betrieb, ist aber ein Postwachstumsunternehmen: Lammsbrauerei in Neumarkt in der Oberpfalz. (Foto: Dalibri/Wikimedia Commons)

Viele der vom IÖW untersuchten Unternehmer gaben aber auch an, aus Gründen der Entschleunigung nicht mehr wachsen zu wollen. Sie wollen sich besser um die Mitarbeiter kümmern, lieber das gute Klima im Team erhalten, als noch mehr Stress zu produzieren – oder haben einfach keine Lust, auch noch am Abend im Büro zu sitzen.