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Heft 5: Wachstum

Eine Raupe hat nur ein Ziel: fressen und wachsen. Doch irgendwann spürt sie, dass mehr Wachstum nichts bringt, und wird zum Schmetterling. Dem Kapitalismus steht diese Erkenntnis noch bevor.
Das Heft als PDF (4,7 MB) – April 2015

Heft 5: Wachstum

Das Kaufnix-Spiel

Jeden Monat neue Klamotten, jedes Jahr ein neues Handy, alle paar Jahre ein neues Auto. Ohne Shoppen geht es nicht in der kapitalistischen Konsumgesellschaft. Oder doch? Im Projekt "Ein Jahr ohne Zeug" erproben Zeitgenossen ein privates Gegenmodell.

Text: Joachim Wille

Die Idee zu dem Projekt "Ein Jahr ohne Zeug" hatten die Berliner Christiane Schwausch und Ben Toussaint 2013. Es handelt sich um ein Gesellschaftsspiel der besonderen Art, bei dem die Mitspieler in einen freiwilligen Konsumstreik treten. Ziel der Initiatoren ist es zwar auch, die Umwelt zu schonen. Hauptsächlich aber geht es darum, ein Bewusstsein zu schaffen für die oft unmenschlichen und ökologisch schädlichen Bedingungen, unter denen viele Produkte hergestellt werden – wie das für Textilien in Bangladesch, Handys in China oder Tropenholz-Möbel in Indonesien zutrifft. Und es sollen Modelle für ein anderes Konsumverhalten ausgetestet werden.

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Müllberge wie diese Reste einstiger Plastikgegenstände sind ein Motiv für den Konsumverzicht. (Foto:
Martin Abegglen/flickr.com)

Die Regeln sind einfach: Die Mitspieler dürfen 365 Tage kein "Zeug" kaufen, also Gebrauchsgüter wie Klamotten, Handys, Möbel – und zwar weder neu noch gebraucht. Zwei "Joker" für den Notfall allerdings gibt es. Sie dürfen eingesetzt werden, wenn etwas (subjektiv) Lebensnotwendiges kaputtgeht und nicht anders beschafft werden kann als durch Kauf. Ob es nun der MP3-Player ist, der Milchschäumer oder ein neues Bestseller-Buch. Die Joker sollen allerdings vor allem dazu anregen, genau zu prüfen, ob das jeweilige Produkt für einen selbst wirklich wichtig ist – oder nicht.

Schwausch ist Juristin, Toussaint Ökonom. Sie starteten "Ein Jahr ohne Zeug" mit einer Facebook-Seite, die Dreh- und Angelpunkt des Projekts ist. Die Resonanz war unerwartet groß. Über 2.500 Interessierte haben die Seite inzwischen "geliked". Fast täglich gibt es dort neue Debattenbeiträge über Wachstums- und Konsumkritik, Ökologie oder Arbeitswelt. Eine genaue Kontrolle darüber, wer bei dem Kauf-Nix-Projekt tatsächlich mitmacht, haben die Initiatoren nicht – und wollen es auch gar nicht. "Es ist ja eine freiwillige Sache", erklärt die 31-jährige Schwausch. Aber sie schätzt, dass sich 2014 einige hundert Deutsche in dem Projekt als Konsumverweigerer getestet haben.

Was man braucht, ist meist schon da

Wie waren die Erfahrungen? "Manchen ist das Nicht-Kaufen sehr schwer gefallen, anderen ganz leicht. Es war alles dabei", sagt Schwausch. Der Kein-Zeug-Streik mache dem Einzelnen bewusst, inwieweit bestimmte Konsummuster bereits fester Teil des eigenen Lebens sind. Die Berlinerin Tina Ruhner, die bei der Deutschen Umweltstiftung arbeitet und bei dem Projekt mitgemacht hat, berichtet: "Ich hatte in dem Jahr auffällig oft das dringende Gefühl, sofort neue Klamotten zu brauchen, obwohl der Schrank voll war. Und ohne die Spieregeln und Beobachtung wäre ich wohl auch welche kaufen gegangen."

Für viele, so Schwausch, sei das Projekt wie eine Expedition in die Überflussgesellschaft gewesen. Die Mitspieler hätten erfahren, dass viele der benötigten Dinge oft schon vorhanden seien – im Freundeskreis, bei Nachbarn oder in der Verwandtschaft. "Alles ist meist schon da und liegt ungenutzt in Schubladen oder auf Dachböden herum." Man müsse nur "fragen, fragen, fragen". Zur Not könnten Online-Tauschplattfomen helfen. "Insgesamt gewöhnt man sich schnell an die Umstellung und macht positive Erfahrungen – man hat mehr Zeit, intensiviert Kontakte, wird kreativer", berichtet die Juristin.

Was hinter dem "Gesellschaftsspiel" steckt? Die beiden Initiatoren glauben, dass es Projekte wie dieses braucht, um die Zwänge einer wachstumsfixierten Industriegesellschaft zu durchbrechen. Toussaint: "Nach der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 sprachen sich in einer Allensbach-Umfrage acht von zehn Bundesbürgern für ein neue Wirtschaftsordnung aus." Die Ziele waren: Umweltschutz stärken, sorgsamer Umgang mit Ressourcen und stärkerer sozialer Ausgleich in der Gesellschaft. Aber: "Geschehen ist praktisch nichts, obwohl die Menschen durchaus wünschen, auf einen nachhaltigen Lebensstil umzusteigen." Die Analyse des Ökonomen: Wachstum gilt als unumstößliches Dogma, die Zusammenhänge von Konsum, Umwelt und Ausbeutung sind zu komplex, und vor allem: "Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Er greift auf gewohnte Verhaltensmuster und Automatismen zurück, um den Alltag zu bewältigen."

Kein neues Lebens- oder Wirtschaftsmodell

Toussaint glaubt, um einen nachhaltigen Lebensstil salonfähig zu machen, sei es wichtig, Menschen, die sich verändern wollen, einen entsprechenden Anreiz zu geben und sie miteinander zu verknüpfen. Dazu diene das Projekt. "Als Einzelkämpfer ist es schwierig, da wird man gerne in die Aussteiger- und Hippie-Ecke gestellt."

Ein Wirtschaftsmodell ist "Ein Jahr ohne Zeug" natürlich nicht. Die Frage, wie eine "Postwachstumsgesellschaft" funktionieren könnte, wird hier nicht beantwortet, auch wenn es in den Facebook-Debattenbeiträgen eine Rolle spielt. Schwausch, die persönlich jetzt schon im dritten Jahr "ohne Zeug" lebt, räumt allerdings mit einem Verdacht auf: Der freiwillige Konsumstreik habe nichts mit Knauserigkeit und Selbstkasteiung zu tun. Sie selbst gibt nicht weniger Geld aus als früher, berichtet sie. Sie steckt die gesparten Euros in anderes – etwa gute, regionale Öko-Lebensmittel, sie geht mehr ins Kino, zu Musikveranstaltungen oder ins Theater.

Dass sie irgendwann auch mal wieder Gebrauchsgegenstände kaufen muss, ist ihr natürlich klar. Aber wenn sie, zum Beispiel, neue Schuhe braucht, sollen es welche sein, in die sie mit gutem Gewissen reinsteigen kann – "ohne giftige Chemikalien und Hungerlöhne produziert". Und natürlich sehr lange haltbar.

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Postwachstum fängt bei den ganz persönlichen Verhaltensmustern und Automatismen an, sagt Ben Toussaint. (Foto: Marcel Janus/Flickr)

Eine andere, noch radikalere Variante des Sich-Trennens-von-Gegenständen zeichnet der Finne Petri Luukkainen in seinem Anfang März gestarteten Dokumentarfilm "My Stuff" vor. Zunächst träg er alle seine Dinge – und wirklich alle bis zum Nacktsein – in ein Lagerhaus und darf sich pro Tag eins zurückholen. Nur ungefähr 100 Dinge hält er am Ende für so wichtig, dass er sie zum Leben braucht. Ansonsten koste Besitz für ihn nur seine Freiheit und Zeit für Kontakte und Erlebnisse, wie es in einer Rezension heißt.