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Heft 5: Wachstum

Eine Raupe hat nur ein Ziel: fressen und wachsen. Doch irgendwann spürt sie, dass mehr Wachstum nichts bringt, und wird zum Schmetterling. Dem Kapitalismus steht diese Erkenntnis noch bevor.
Das Heft als PDF (4,7 MB) – April 2015

Heft 5: Wachstum

Wie Lebensmittel gerettet werden

Food-Sharing ist mehr eine Sache der Moral als eines anderen Wachstumsmodells. Anders als behauptet trägt es kaum zu weniger Verschwendung bei. Damit weniger Lebensmittel auf dem Müll landen, müsste jeder bei sich selbst anfangen und intelligenter einkaufen, lagern und kochen.

Text: Jörg Staude

Gerade gebackenes Brot, das nach Ladenschluss in den Abfall wandert. Obst und Gemüse, die nicht taufrisch aussehen und aussortiert werden, oder Lebensmittel mit überschrittenem Haltbarkeitsdatum, aber genießbar – bis zu 20 Millionen Tonnen Nahrungsmittel sollen in Deutschland jedes Jahr im Müll landen. Die griffige Zahl wurde vom Journalisten Valentin Thurn in seinem Dokumentarfilm "Taste the Waste" und in dem von ihm mitverfassten Buch "Die Essensvernichter" verbreitet. Daraus entsprang die Initiative "Foodsharing". Der Verein sammelt überschüssige Lebensmittel von Geschäften ein und verteilt sie kostenlos weiter.

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Nachmittags noch lecker zum Verkauf angerichtet ... (Foto: Hans Braxmeier/Pixabay)

Die Initiative legte ein ansehnliches Wachstum hin: Über 10.000 Ehrenamtliche haben sich nach ihren Angaben bereits angemeldet. Tausende sammeln Lebensmittel in über 1.000 Betrieben ein. Mehr als 300 Botschafter koordinieren die "Foodsaver". Bis Ende letzten Jahres sollen so Lebensmittel im Wert von drei Millionen Euro gerettet und verteilt worden sein.

Das scheint viel – der Gesamtumsatz des deutschen Lebensmitteleinzelhandels lag in den letzten Jahren aber ziemlich stabil bei 165 Milliarden Euro jährlich. Der Anteil der durch Foodsharing geretteten Lebensmittel bewegt sich höchstens im Promillebereich. Rechnet man den Aufwand zum Einsammeln und Verteilen hinzu, "spart" die Gesellschaft durch das Konzept nur wenig an Wachstum ein.

Sensibilisierungs-Kampagnen helfen

Angesichts dessen sieht der Journalist Wolf Lotter, Gründer des Wirtschaftsmagazins Brand Eins, im Foodsharing nur eine Nischenidee. Dennoch hält der Abfallforscher Dominik Leverenz von der Uni Stuttgart die Praxis des Lebensmittel-Teilens für sinnvoll, weil es "junge Menschen" erreiche. Die hohen Lebensmittelverluste stünden für die "Überflussgesellschaft" und die "relativ geringe Wertschätzung" von Lebensmitteln, sagt Leverenz. Einerseits litten große Teile der Weltbevölkerung an Hunger, andererseits landeten weltweit jedes Jahr 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel auf dem Müll. Bei der Reduzierung von Lebensmittelabfällen stehe Deutschland deshalb, so der Forscher, in einer besonderen ethischen und sozialen Verantwortung.

Foodsharing ist also mehr eine Sache der Moral denn eines anderen Wachstumsmodells. Leverenz veranschlagt übrigens – wie auch die jüngste Auswertung der EU-Kommission – die Lebensmittelverschwendung in Deutschland nicht auf 20, sondern auf zehn bis zwölf Millionen Tonnen jährlich. Am meisten wird dabei nicht im Einzelhandel, sondern in den privaten Haushalten weggeworfen. Auch dagegen lässt sich etwas tun – ganz ohne Teilen.

Mit einer "Love Food Hate Waste"-Kampagne, die Informationen gegen häuslichen Lebensmittelabfall verbreitete – Rezepte, Lagerungsratschläge, ein Tagebuch zur Lebensmittelmüllerfassung, ein kostenloses Tool zur Berechnung der richtigen Portionsgröße – wurden in Großbritannien in den letzten Jahren 13 Prozent der Lebensmittelabfälle vermieden.

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... abends nur noch Müll: Lebensmittel als bloße Ware. (Foto: Taz Sporkist/Flickr)

Ums Sensibilisieren für das Problem geht es auch bei einem "Resourcenmanager", den Leverenz für Hotels und Gaststätten konzipiert hat. Das Programm erfasst über eine angeschlossene elektronische Waage die Essensreste grammgenau und macht den Mitarbeitern das Problem bewusst.