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Heft 5: Wachstum

Eine Raupe hat nur ein Ziel: fressen und wachsen. Doch irgendwann spürt sie, dass mehr Wachstum nichts bringt, und wird zum Schmetterling. Dem Kapitalismus steht diese Erkenntnis noch bevor.
Das Heft als PDF (4,7 MB) – April 2015

Heft 5: Wachstum

"Wir brauchen ein selektives, soziales Wachstum"

doerreArbeitslosigkeit und Selbstmorde: Solche Folgen hat in einem kapitalistischen, auf Wachstum ausgerichteten Land wie Griechenland die erzwungene Schrumpfung der Wirtschaft. Klaus Dörre, Direktor des Jenaer Postwachstums-Kollegs, erklärt, warum neue gesellschaftliche Strukturen notwendig sind, wenn Wachstumskritik wirken soll.

Klaus Dörre ist Professor für Arbeits- und Wirtschaftssoziologie an der Universität Jena und forscht unter anderem zur Kapitalismustheorie.

 
Herr Dörre, was können wir für die Idee einer Postwachstumsgesellschaft aus der derzeitigen Situation in Griechenland ablesen?

Klaus Dörre: Griechenland ist zunächst einmal eine kapitalistische Gesellschaft mit strukturellem Wachstumszwang. Wächst auf dieser Basis die Wirtschaft nicht – in Griechenland nun schon seit sieben Jahren nicht mehr –, hat das dramatische Folgen: 27 Prozent Arbeitslosigkeit, über 50 Prozent Jugendarbeitslosigkeit, ein Rekordanstieg bei den Selbstmordraten ...

Das muss für einen, der sich wie Sie mit "Postwachstum" befasst, doch traumatisch sein: Nichts wächst, und es wird katastrophal!

Wenn das Szenario eine kapitalistische Gesellschaft betrifft, dann ist das so. Griechenland ist eingebaut in ein Mehr-Ebenen-System von kapitalistischen Gesellschaften, daran ändert auch die linksgerichtete Regierung der Syriza nichts. Ich finde nicht, dass das traumatisch ist. Es schärft vielmehr die Sinne: Wer über Postwachstum nachdenkt, muss über grundlegende strukturelle Änderungen der Gesellschaft nachdenken. Er muss eine positive Utopie schaffen.

Trotz Syriza stellt in Griechenland aber niemand den Kapitalismus grundlegend in Frage. Warum nicht?

Weil die Gesellschaft noch erstaunlich stabil ist. Wir stellen einen Bedeutungszuwachs bei der informellen gesellschaftlichen Interaktion fest. Und das ist für die Postwachstums-Forschung durchaus interessant: Ärzte behandeln aus dem Sozialsystem Herausgefallene nach Feierabend, es gibt einen geldlosen Warenverkehr über Tauschringe, also eine Naturalwirtschaft. Man darf das nicht verklären, aber es haben sich Elemente einer genossenschaftlichen, sozialen Ökonomie herausgebildet.

Was also ist notwendig?

Ich glaube nicht, dass es möglich sein wird, in naher Zukunft komplett auf Wirtschaftswachstum zu verzichten. Also brauchen wir das richtige Wachstum, ein selektives, soziales Wachstum. Wir müssen die strukturellen Wachstumstreiber beschneiden, die Jagd nach zusätzlicher Produktivität – also das stetige Ersetzen von Menschen durch Maschinen, bei dem jetzt ein Schub durch die weitere Digitalisierung bevorsteht. Stattdessen müssen wir das Wachstum der "Sorge-Arbeit" stärken: Die Pflege der alten und die Ausbildung der jungen Menschen kann schließlich nicht von Robotern übernommen werden.

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Auch in einer "Postwachstumsgesellschaft" kann und muss vieles wachsen. (Foto: Sinatra und Peter Chott/Wikimedia Commons; Porträtfoto Klaus Dörre: Universität Jena)

Wir brauchen also eine Umverteilung aus den überproduktiven, exportorientierten Sektoren in die prekären, vermeintlich weniger produktiven – aber für das Wohlbefinden außerordentlich wichtigen – Sektoren. Bildung, Altenpflege, Sozial- und Gesundheitswirtschaft müssen finanziell deutlich besser ausgestattet werden.

Der deutsche Exportsektor schöpft seine Stärke doch aber genau aus dieser Quelle: der billigen Humandienstleistung.

Das ist der springende Punkt: Die Sozialbereiche wachsen in Deutschland viel zu langsam, weshalb wir immer stärker das kapitalistische Ausbeuten von Ressourcen erleben – das Gegenteil von Postwachstum. Deshalb brauchen wir ein Umsteuern auf ein selektives, soziales Wachstum.

Das führt aber nicht automatisch in eine Postwachstums-Gesellschaft. Braucht es dafür eine Revolution?

Es wäre ein erster Schritt. Die Postwachstums-Gesellschaft kann keine "stationäre Gesellschaft" sein, in der es kein Wachstum mehr gibt. Wir brauchen das "richtige Wachstum". Wenn beispielsweise ein neuer Krankheitserreger auftritt, dann muss der Forschungs- und Medizinbereich schnell wachsen.

Das Richtige muss wachsen, das Falsche wird am Wachstum gehindert?

Genau. Die Gesellschaft muss rational über Ressourcen-Einsatz, Investitionen und Wachstumsrichtung entscheiden. Das ist eine Qualität von Wirtschaftsdemokratie, die ich schon für revolutionär halte!

Interview: Nick Reimer