heft5 cover

Heft 5: Wachstum

Eine Raupe hat nur ein Ziel: fressen und wachsen. Doch irgendwann spürt sie, dass mehr Wachstum nichts bringt, und wird zum Schmetterling. Dem Kapitalismus steht diese Erkenntnis noch bevor.
Das Heft als PDF (4,7 MB) – April 2015

Heft 5: Wachstum

Postwachstum – Kern der großen Transformation

Die Herausforderung des bevorstehenden Übergangs besteht darin, zwei Dinge gleichzeitig zu tun. Wir müssen eine breite öffentliche Debatte über das Ende der Wachstumsgesellschaft führen – und einzelne Bereiche tatsächlich wachstumsunabhängig machen.

Text: Irmi Seidl und Angelika Zahrnt

Der Beginn der modernen Wachstumsgesellschaft kann auf das 17. oder 18. Jahrhundert datiert werden. Zwei einschneidende Ereignisse im 17. Jahrhundert waren die Gründung der Ostindischen Handelskompagnie, der ersten Publikumsaktiengesellschaft, 1602 in Amsterdam und die Gründung der Bank of England 1694 – der Beginn der Geldschöpfung und der Herausgabe von Banknoten.

Ab dem 18. Jahrhundert lösten die Dampfmaschine von James Watt und die damit mögliche effiziente Kohlenutzung neben weiteren technischen Erfindungen die industrielle Revolution aus. Allerdings waren die früheren Wachstumsphasen noch bescheiden. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg führten Wiederaufbau, billiges Erdöl und das fordistische Konsummodell ab den 1950er Jahren zu bis dahin unbekannten Wachstumsraten. Das veränderte die Lebensbereiche der breiten Massen grundlegend.

Seither meinen viele, Wachstum sei quasi natürlich und Einbrüche könnten durch Gesetze überwunden werden. Trotz allem: seit den 1970er Jahren sinken die Wachstumsraten.

Die Gründe sind vielfältig. Zum demografischen Wandel kommt die Sättigung mit Konsumgütern und öffentlicher Infrastruktur. Innovationen mit großem Wachstumspotenzial bleiben aus, die Wachstumsraten in der Produktivität nehmen ab – auch weil der Dienstleistungssektor ausgeweitet wird –, die private und öffentliche Verschuldung ist hoch. Hinzu kommen hohe Rohstoffpreise und steigende Kosten der Ressourcengewinnung sowie für die Reparatur ökologischer Schäden.

Ausgewachsen – vorhergesehen?

Dabei war die Entwicklung absehbar. Der einflussreiche britische Ökonom John Maynard Keynes sagte schon im Jahr 1943 drei Phasen wirtschaftlicher Entwicklung für die Nachkriegszeit voraus. Die erste Phase sollte durch hohe Investitionen in Infrastruktur und Produktionsanlagen geprägt sein, in der zweiten Phase sollten nur noch wenig Neuinvestitionen nötig sein und in einer dritten Phase – von Keynes als goldenes Zeitalter bezeichnet – würden nur mehr Ersatzinvestitionen anfallen. Ein großer Anteil der Wertschöpfung gehe dann in den Konsum, so der Wirtschaftswissenschaftler. Es sei ein kluger Konsum zu fördern und ein Teil des unerwünschten Überflusses durch mehr Freizeit, längere Ferien und kürzere Arbeitszeiten zu absorbieren, folgerte Keynes.

Ähnliche Überlegungen stellte Ludwig Erhard an, der deutsche Wirtschaftsminister und Bundeskanzler während des Wiederaufbaus. 1957 schrieb er in seinem viel beachteten Buch "Wohlstand für Alle":

"Mit steigender Produktivität und mit der höheren Effizienz der menschlichen Arbeit werden wir einmal in eine Phase der Entwicklung kommen, in der wir uns fragen müssen, was denn eigentlich kostbarer oder wertvoller ist: Noch mehr zu arbeiten oder ein bequemeres, schöneres und freieres Leben zu führen, dabei vielleicht bewusst auf manchen güterwirtschaftlichen Genuss verzichten zu wollen. Ich glaube jedoch, dass wir 'so weit' noch nicht sind. Es wird wohl noch einige Zeit vergehen, bis wir uns mit dieser Frage ehrlich auseinanderzusetzen reif sind."

Die Idee der ökologischen "Grenzen des Wachstums" tauchte erstmals 1972 in dem gleichnamigen Buch von Donella und Dennis Meadows und ihren Mitautoren auf. Sie zeigten mit Computersimulationen, dass der wachsende Verbrauch von Ressourcen und die steigende Umweltbelastung, das Bevölkerungswachstum und das Aufholen der Entwicklungsländer die wirtschaftliche Produktion im 21. Jahrhundert einbrechen lassen würden. Die heutigen Entwicklungen bewegen sich auf dem im Buch als business as usual angenommenen Pfad.

Ausgewachsen – noch nicht eingesehen?

Obwohl seit Erhards Buch fast 60 Jahre vergangen sind, wir in Keynes‘ dritter Phase sein dürften und sich gleichzeitig die ökologischen Krisen verschärfen, glauben unsere Gesellschaften und vor allem die Politik an die unbegrenzte Fortsetzung des Wachstums. Sie halten an seiner Wünschbarkeit und Machbarkeit fest und sehen darin die einzige zukunftsträchtige Strategie. "Ohne Wachstum ist alles nichts", meint Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Konsequenterweise hat ihre Regierung die ökologisch widersinnige Abwrackprämie zur "Wachstumsbelebung" beschlossen und in Brüssel erfolgreich Druck für niedrigere CO2-Grenzwerte für Automobilflotten gemacht, um die deutschen Autobauer zu stärken. Die Bundesregierung torpediert und verschleppt die Reform des unwirksamen EU-Emissionshandels, weil sie wachstumshemmend sein könnte. Sie treibt die Freihandelsabkommen TTIP und Tisa vor allem mit Wachstumsargumenten voran – die weit verbreiteten ökologischen und sozialen Bedenken betrachtet sie als lästige Störung. Neuerdings kommt wieder Public-private-Partnership (PPP) aufs Tapet, um mit privatem Geld milliardenschwere Investitionsprogramme anzuschieben und dabei die öffentlichen Kassen zu schonen – wobei die Nutzungskosten und der Kapitaldienst sozialisiert werden.

Gründe für die Wachstumsorientierung

Wieso ist Wachstum für Politik und Wirtschaft ein so wichtiges Ziel? Und das, obwohl zahlreiche Hoffnungen, die damit verbunden sind, nicht mehr erfüllt werden? Man hofft auf die Schaffung von Arbeitsplätzen, aber allein um den gegenwärtigen Beschäftigungsstand zu halten, braucht es eine Wachstumsrate von einem bis 1,5 Prozent, weil der technische Fortschritt stetig Arbeitsplätze einspart. Mit Wirtschaftswachstum sollen aber auch noch die sozialen Sicherungssysteme erhalten, der Wohlstand erhöht, die Staatsverschuldung abgebaut und soziale Ungleichheiten verringert werden. Dies erweist sich immer mehr als Illusion. Weshalb also wird trotzdem am Wachstum festgehalten?

Eine wesentliche Erklärung ist: Weil die Sozialsysteme, die Unternehmen, der Finanzsektor, der Arbeitsmarkt, die Konsumindustrie (und auch der und die Einzelne) auf konstantes Wachstum ausgerichtet sind. Diese Systeme und Institutionen entstanden in den 1950er und 1960er Jahren – in der Zeit des starken Wirtschaftswachstums und des verbreiteten Glaubens, das Wachstum halte für immer an. Dadurch geprägt, wurden sie wachstumsabhängig gestaltet. Bleibt das Wachstum aus, geraten sie in eine existenzielle Krise, die zu politischen und sozialen Unruhen führen kann. So eine Situation will jede Politik verhindern. Dabei greift sie auf bekannte Lösungsansätze zurück – auch dann noch, wenn sie wirkungslos sind.

Die Postwachstumsgesellschaft vorbereiten

Die ausbleibende Neuorientierung der Politik lässt sich mit einer Theorie des Politologen John Kingdon erklären. Demnach ändert sich die Politik erst dann, wenn ein öffentliches Bewusstsein und gleichzeitig auch Lösungen für ein Problem vorhanden sind. Ein Beispiel: Der Ausstieg aus der Atomenergie und der Einstieg in die Energiewende waren nur möglich, weil es ein breit verankertes Bewusstsein über die Gefahren der Atomkraft und über die Notwendigkeit einer anderen Energieversorgung gab und weil gleichzeitig Erfahrungen mit erneuerbaren Energien gesammelt worden waren.

Das Beispiel zeigt: Die Herausforderung für den Übergang in eine "Postwachstumsgesellschaft" besteht darin, zwei Dinge gleichzeitig zu tun. Zum einen ist eine breite öffentliche Diskussion über das Ende der Wachstumsgesellschaft in den Industriestaaten zu führen. Zum anderen geht es um die Umgestaltung von einzelnen wachstumsabhängigen Bereichen in wachstumsunabhängige. Dazu sind Vorschläge, Praxisbeispiele und Erfahrungen zu finden, zu fördern und in Projekte umzusetzen.

Auf dieser Basis kann dann auch die Politik von ihrer Wachstumsfixierung abrücken. Dafür gibt es schon mehr Ansatzpunkte, als vielen bewusst ist. Man denke an die Verringerung der Arbeitszeit und die Stärkung von Strukturen für die Eigenarbeit und das informelle Engagement. Auch ressourcenleichte und lokal verankerte Lebensstile lassen sich direkt und indirekt fördern, ebenso wachstumsneutrale Unternehmen und das Wiedererstarken der Genossenschaftsform. Zahlreiche Projekte der lokalen und regionalen Ökonomie und des gemeinschaftlichen Wirtschaftens warten auf Unterstützung und Verbreitung: Regionalwährungen, Sharing- und Tauschnetzwerke, Urban Gardening. Ebenso die neue Repair-Bewegung und der Widerstand gegen geplante Obsoleszenz und Wegwerfproduktion. Reformansätze, die Vorsorge und Eigeninitiative stärken, gibt es auch im Gesundheitssystem oder beim immateriellen Austausch zwischen den Generationen, zum Beispiel in Wohnprojekten. Nicht zuletzt gehört eine ökologische Finanzreform wieder auf die Tagesordnung.

Eine Postwachstumsgesellschaft ist nicht rückwärtsgewandt und bedeutet keine Stagnation, im Gegenteil ist sie zukunftsorientiert und dynamisch. Um die Postwachstumsgesellschaft auf den Weg zu bringen, braucht es viele soziale und technische Innovationen, Kreativität, Einfallsreichtum, Bereitschaft zum Wandel und Partizipation. Dieser Wandel muss Kern der "Großen Transformation" sein.

degrowth-conference
Diskutieren über das, was nach dem Wachstum kommt – hier auf der 2. internationalen Degrowth-Konferenz an der Universität Barcelona. (Foto: R&D)

Irmi Seidl ist Umweltökonomin an der Eidgenössischen Forschungsanstalt WSL. Angelika Zahrnt ist Systemanalytikerin und war Vorsitzende des Umweltverbandes BUND. Beide sind Herausgeberinnen von "Postwachstumsgesellschaft. Konzepte für die Zukunft" (2010) und der dazugehörigen Website postwachstum.de.