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Heft 5: Wachstum

Eine Raupe hat nur ein Ziel: fressen und wachsen. Doch irgendwann spürt sie, dass mehr Wachstum nichts bringt, und wird zum Schmetterling. Dem Kapitalismus steht diese Erkenntnis noch bevor.
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Heft 5: Wachstum

Schreckgespenst TTIP

Sollte dank des Freihandelsabkommens auch bei uns alles auf den Tisch kommen, was den US-Amerikanern vorgesetzt wird, werden achtsame Verbraucher darunter kaum zu leiden haben. Dafür aber die kleinteilige europäische Landwirtschaft und mit ihr auch die Umwelt.

Text: Dietrich Jörn Weder

Wer wie ich noch keinen Aufruf gegen das Transatlantische Freihandelsabkommen TTIP unterschrieben hat, der muss sich allmählich vorkommen wie einer, der im Gottesdienst das Glaubensbekenntnis nicht mitspricht. Aber wollen Sie einen Artikel von einem Autor lesen, der unbesehen noch einmal kräftig auf die bereits vielgerührte Pauke der Ablehnung haut?

Zugegeben: Ich fürchte mich weder vor in Chlorbrühe getauchte Hähnchen noch habe ich Angst vor hormonbelastetem Fleisch aus den USA. Jeder achtsame, umweltbewusste Verbraucher kann beides meiden, wenn die Importware entsprechend eindeutig gekennzeichnet ist. Eine unübersehbare Kennzeichnung ist freilich das A und O, damit den europäischen Verbrauchern nicht Ungewolltes untergeschoben wird.

Vermeidbare Verführung der Verbraucher

Nicht ganz fernhalten von uns werden Umwelt- und Verbraucherschützer die Verführung durch gentechnische Lebensmittel, wenn diese demnächst erlaubterweise auch aus EU-Ländern kommen. Nur wer Lebensmittel aus natur- und tiergerechter Landwirtschaft prinzipiell bevorzugt, geht den Gen-Panschern und der artwidrigen Massentierhaltung nicht auf den Leim. Bis ich für diesen Artikel zu recherchieren begann, wusste ich nicht, dass die Vorschriften für die Herstellung ökologisch erzeugter Lebensmittel diesseits und jenseits des Atlantiks bereits nahezu vollständig harmonisiert sind. Wählt man "öko", bewegt man sich auf beiden Seiten des großen Teichs sicher im grünen Bereich.

Kann auch bei uns alles auf den Tisch kommen, was den US-Amerikanern vorgesetzt wird, wird darunter in erster Linie nicht der achtsame Verbraucher, sondern die kleinteilige europäische Landwirtschaft leiden, und über sie schließlich auch die Umwelt. In den Vereinigten Staaten werden nur noch rund zwei Millionen landwirtschaftliche Betriebe gezählt, während in der EU noch 13 Millionen kleine und große Bauern Brüsseler Zuwendungen erhalten, darunter allein fast vier Millionen sich selbst versorgende rumänische Kleinbauern. Die bewirtschaftete Hoffläche ist in den USA durchschnittlich 15-mal größer als in der EU. Damit ist schon beinahe alles über die Richtung der Reise gesagt, auf die wir uns mit einem freizügigen transatlantischen Agrarhandel begeben.

Gerade die deutschen Bauern haben allerdings keinen Grund, sich klein und schön zu machen und auf die transatlantischen Kollegen mit Fingern zu zeigen. Die Hälfte der von Kühen in Deutschland gespendeten Milch geht wie auch immer verarbeitet über die Grenze in alle Welt. Schweinefleisch liefern deutsche Züchter bis nach Vietnam, so billig sind sie. "Deutschland ist ein hervorragender Standort für die Landwirtschaft", sagt mein landwirtschaftlich vorgebildeter und kundiger Journalisten-Kollege Michael Schlag.

Mögen sich die Weizenfelder der Farmer im Mittleren Westen der USA auch horizontweit dehnen, können EU-Großbauern auf einem ordentlichen Stück Land doch mit der US-Konkurrenz mithalten, denn ihre Hektarerträge sind durch intensive Bewirtschaftung gerne mehr als doppelt so hoch. Nur in der Tierhaltung seien die Amerikaner viel wettbewerbsfähiger, sagt der Agrarwissenschaftler und Landwirt Felix zu Löwenstein.

In ihren Ställen im US-Staat Indiana hat allein die Fair Oaks Farm insgesamt 37.000 Kühe zu stehen, in Ställen so ausgedehnt, dass Besucher mit Bussen durch sie gefahren werden. Selbst für Nordamerika ein Superlativ! Noch mehr staunen oder auch sich schütteln würde ein Besucher aus Europa, wenn man ihm die sogenannten "Feedlots" in den Great Plains von Colorado zeigte, Mastgehege unter freiem Himmel, in denen Bullenkälber durch ein Übermaß an hineingestopftes Superkraftfutter in drei bis vier Monaten auf ein Schlachtgewicht gepusht werden, für das sie auf der Weide drei Jahre bräuchten. Auf wenigen umzäunten Quadratmeilen drängen sich in ihrem Dreck und Elend bis zu 225.000 Tiere gleichzeitig. Himmelschreiend grauenhaft und wahrscheinlich unschlagbar billig.

Brauchen wir wirklich noch mehr vom Gleichen?

Ein Freihandelsabkommen ist nicht dazu da, den Partner in Sachen Ökologie und Ethik Nachhilfe zu erteilen. Doch allzu viel Missachtung des Tierwohls sollte man dem Konkurrenten nicht durchgehen lassen. Die US-Vorschriften für Tiertransporte stammen kaum verändert aus dem Jahr 1873. Für die Aufzucht von landwirtschaftlichen Nutztieren gibt es keine Bundesgesetze. Die große Mehrheit der Bundesstaaten erlaubt die Haltung der Tiere auf so engem Raum, dass sich das arme Vieh nicht einmal um sich selbst drehen kann.

Der Handel mit landwirtschaftlichen Produkten macht gerade einmal fünf Prozent des gesamten Warenaustausches zwischen der EU und den Vereinigten Staaten aus, das liegt weit unterhalb der Möglichkeiten, die es gäbe, wenn man beim Umwelt- und Verbraucherschutz ein paar Augen zudrückte. Aber warum sollte man? Nur, damit Nahrungsmittel, die es auch in unserer Nähe gibt, auf weiten Wegen zulasten des Klimas ein wenig billiger zu uns kommen? Da halten wir es doch lieber mit Goethe: "Warum in die Ferne schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah!"

So wichtig die Landwirtschaft auch für die Gesundheit von Mensch und Natur sein mag, verdienen wir Deutsche unser Geld doch ganz überwiegend in anderen Erwerbszweigen. Und nur, weil wir im Export immer Weltmeister oder Vize-Weltmeister sind, können wir uns übrigens eine Energiewende leisten, die sich kein anderer Staat unserer Größenordnung bisher zugetraut hat. Zu dieser unserer wirtschaftlichen Stärke tragen die Vereinigten Staaten von Amerika nennenswert bei.

Im Handel mit keinem anderen Land erzielten wir im vergangenen Jahr einen höheren Einnahmenüberschuss, es waren stattliche 47 Milliarden Euro. Zölle waren dabei kein erhebliches Hemmnis. Eine durchschnittliche Zollbelastung von fünf Prozent hinderte deutsche Autohersteller jedenfalls nicht daran, über 600.000 Personenwagen aus hiesiger Produktion über den großen Teich in die USA zu verschiffen. Braucht es noch mehr von dem Gleichen? Selbst wenn deutsche Importwagen dank TTIP auch mit gelben Blinklichtern statt der dort üblichen roten Zeichengeber über die US-Highways fahren dürften, wäre dies doch nur ein Fettauge mehr.

"Es wird noch viel Wasser die Leine herunterfließen, bis ein Freihandelsabkommen mit den USA unter Dach und Fach ist", prophezeit der TTIP-Berichterstatter des Europarlaments, der in Niedersachsen beheimatete SPD-Abgeordnete Bernd Lange. Auf Wachstum und Beschäftigung werde es lediglich "homöopathische" Wirkung entfalten. Diese würde dann wohl eher bei den bescheidenen 28.000 zusätzlichen Arbeitsplätzen in Deutschland liegen, die der Ifo-Außenhandelsspezialist Gabriel Feldmayr im minderen Fall dem Abkommen zutraut, als bei den üppigen 545 Euro Jahreszugewinn pro EU-Familie, die die EU-Kommission hoffnungsvoll für möglich hält.

Dank des wirkungsvoll lauten Trommelns von TTIP-Gegnern gegen eine Aufweichung europäischer Schutzstandards weiß die EU-Kommission ziemlich genau, wo die "roten Linien" für Zugeständnisse an die US-Amerikaner liegen. Sie wird sie, sagt der Europaabgeordnete Jakob von Weizsäcker, nicht überschreiten, um nicht der Zustimmung des Europäischen Parlaments verlustig zu gehen. TTIP wird nicht als Trojanisches Pferd mit einem Bauch voller Ungemach durch die Tore der EU einfahren. Dafür sitzen inzwischen zu viele aufmerksame Wächter auf den Zinnen.

Ein politisch tief gespaltener Partner

Warum wollen die politischen Promoter eines Abkommen gleichwohl von ihrem mühseligen Vorhaben nicht lassen? Man wolle, so hört man in Brüssel, gemeinsam mit den USA vor allem im technischen Bereich die Standards setzen, denen die übrige Welt zu folgen genötigt ist, und das nicht anderen überlassen. Die EU hat es allerdings mit einem Partner zu tun, der im vorsorgenden Verbraucher- und Umweltschutz sowie im Sozialbereich schon heute beträchtlich hinterherhinkt und dessen politische Lager zutiefst uneinig sind, in welche Richtung die Reise gehen soll.

Die eine Hälfte der Bevölkerung, vertreten durch die Republikaner, hält schon eine gesetzliche Krankenversicherung und umso mehr die deutsche Mitbestimmung für den halben Weg zum Sozialismus. Eisern hält diese Richtung an der Todesstrafe ebenso fest wie an dem Jedermann-Recht, Waffen zu tragen. Den Klimawandel leugnet sie, um sich auf Klimaschutz nicht einlassen zu müssen. Die Vereinigten Staaten von Amerika sind in vieler Hinsicht ganz anders und politisch tief gespalten. Weite gemeinsame Wege in eine nachhaltige Zukunft wird man mit diesem Partner nicht gehen können.

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In der Tierhaltung sind die USA viel wettbewerbsfähiger als die noch relativ kleinteilige EU-Landwirtschaft: Weidehaltung von Rindern. (Foto: John Comloquoy/geograph)

Der Journalist und Autor Dietrich Jörn Weder war leitender Umweltredakteur des Hessischen Rundfunks