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Heft 18: Umweltpolitik

Umweltpolitik muss von einer korrigierenden Ergänzung anderer Politikfelder zur treibenden Kraft des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umbaus werden.
Das Heft als PDF (8 MB) – November 2017
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Heft 18: Umweltpolitik

Grüß Gott, und bleiben Sie gesund!

Anders über Umwelt sprechen: Mit Fakten zur bevorstehenden Klimakatastrophe bringt man die meisten nicht zum nachhaltigen Handeln. Klimaforscher und -aktivisten ziehen Nebenschauplätze auf die Hauptbühne.

Text: Susanne Schwarz

Das röhrende Brummen der Erde geht in eine sanfte Klage über und wird schließlich zum langgezogenen Quietschen. Daniel Crawford gibt dem Klimawandel mit seinem Cello einen Klang. Der Student von der University of Minnesota hat eine Melodie komponiert, in der er der Durchschnittstemperatur eines jeden Jahres seit 1880 einen Ton zuordnet. Je höher der Ton, desto wärmer das Jahr.

Bild"A Song of Our Warming Planet" von Daniel Crawford verwandelt 133 Jahre globale Temperaturmessung in ein eindrückliches Stück für vier Streicher. (Foto: Screenshot/​Ensia/​Vimeo)

In Crawfords Melodie geht es mal rauf, mal runter. Am Ende der fast zwei Minuten sind aber die Töne trotz der Schwankungen deutlich höher als am Anfang. Besonders angenehm ist das Stück nicht anzuhören, aber darum geht es auch nicht. Crawford will Klimadaten so darstellen, dass mehr Menschen ein Gefühl dafür bekommen.

Der wissenschaftliche Sachstand ist beim Klimawandel eindeutig: Die Erderwärmung findet statt und hat das Potenzial zur Katastrophe, der Mensch hat sie zum größten Teil durch seinen Treibhausgasausstoß verursacht. Es ist noch möglich gegenzusteuern – aber dazu muss die Welt anders wirtschaften und leben. Der Wandel vollzieht sich trotz der überwältigenden Faktenlage nur schleppend: Bislang wurde weltweit gesehen noch keine Tonne Kohlendioxid eingespart.

Der Kommunikationswissenschaftler Michael Brüggemann hat eine Erklärung dafür. "Der Klimawandel ist ein Prozess, der über Jahrzehnte und Jahrhunderte läuft – solche Zeiträume sind für Menschen schwer zu überblicken", sagt er. Hinzu komme, dass die Kohle- und Ölwirtschaft Anfang der 1990er Jahre eine "strategische Desinformationskampagne" gestartet habe, "um Zweifel an der Wissenschaft zu säen und Nichthandeln zu rechtfertigen". Um zu Politikern und Bürgern durchzudringen, müsse man deshalb weiter die naturwissenschaftlichen Fakten verständlich erklären und Handlungsoptionen aufzeigen. Reichen wird das möglicherweise nicht.

Kampagnenarbeit mal anders

3.100 Tote. 33.000 verlorene Lebensjahre. Jedes Jahr. Greenpeace macht im Jahr 2013 Schlagzeilen mit der Studie "Tod aus dem Schlot". "Umwelt und Klima sind abstrakte Begriffe – wir wollen den Menschen aber zeigen, was der Klimawandel mit ihnen direkt zu tun hat", sagt Greenpeace-Sprecher Volker Gaßner.

Die Botschaft: Was aus den Schornsteinen der Kohlekraftwerke herauskommt, begünstigt erwiesenermaßen bestimmte Krankheiten, die sich wiederum auf die Lebenserwartung auswirken. Die klimaschädliche Kohlekraft nicht mehr zu nutzen ist dann plötzlich eine Frage der Gesundheit.

Bei der Wissensbildung spielt nämlich auch die Psyche mit: "Wenn ich einen SUV fahre, viel Fleisch esse und gern in den Urlaub fliege, aber gleichzeitig weiß, dass dieser Lebensstil klimaschädlich ist, müsste ich ihn eigentlich ändern", erklärt Brüggemann. "Einfacher ist es aber, die Fakten zum Klimawandel zu verdrängen – das muss nicht einmal bewusst passieren –, und wenn mein soziales Umfeld das auch tut, fällt es mir natürlich schwer, plötzlich umzuschwenken."

Die Idee von Kampagnen wie der von Greenpeace ist es, an den Wertekanon von denen anzudocken, die für Klimaschutz aus rein ökologischen Gründen nicht zu begeistern sind.

"Klimaschutz heißt harte Arbeit"

Ein britischer Gentleman – langer Mantel, Krawatte um den Hals, Fedora auf dem Kopf – läuft durch eine britische Landschaft. Er hat einen entschlossenen Blick aufgelegt, spricht mit fester Stimme, gestikuliert selbstsicher. "Wenn jemand das Problem lösen kann, dann sind das wir Konservativen", sagt der Mann. Disziplin, harte Arbeit, Intelligenz und Organisation seien nötig, um gegen den Klimawandel vorzugehen.

Schnitt. Der Gentleman spricht plötzlich ganz gelassen. Er heißt George Marshall – und ist eigentlich als langjähriger Umweltschützer und Mitgründer der britischen Denkfabrik Climate Outreach bekannt. Marshall hat sich vor die Kamera gestellt, um zu demonstrieren, wie man Konservative vom Klimaschutz überzeugen kann. Der gilt vielen als links-liberales Thema.

Es geht Marshall darum, wer mit den skeptischen Konservativen spricht: Linke, die plötzlich Disziplin, Sparsamkeit und den Schutz des Vaterlandes hochhalten, seien schließlich kaum glaubhaft, erklärt Marshall. Wenn jedoch der Papst zur Bewahrung der Schöpfung mahnt oder Margaret Thatcher – wie schon Ende der Achtzigerjahre geschehen – davon erzählt, ihrem Enkel eine lebenswerte Welt hinterlassen zu wollen, sieht das anders aus. Studien dazu, wie gut das im Einzelfall wirklich funktioniert, ergeben allerdings noch kein klares Bild.

Wie plant man die eigene Entprivilegierung?

Auch Linke machen sich über die Wirkung ihrer Appelle Gedanken: Einer ihrer wortgewaltigsten Vertreter ist Tadzio Müller, Klimareferent bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung. "Beim Klimawandel geht es nicht nur um irgendwelches Natur-Gedöns oder Eisbären, sondern um eine klassische Frage der sozialen Gerechtigkeit: Am meisten leiden die Menschen im globalen Süden darunter, die am wenigsten besitzen und die auch noch am allerwenigsten zum Problem beigetragen haben", meint er. Müller hat zwar kaum damit zu kämpfen, dass seine politischen Verbündeten den menschengemachten Klimawandel leugnen – dass sie ihn nebensächlich finden, ist jedoch nicht selten.

Ganz zufrieden ist Müller mit seiner Erzählweise des Klimawandels nicht. "Um sich in so einen globalen Gerechtigkeitskontext zu stellen, muss man im Grunde die eigene Deprivilegierung planen – dafür habe ich auch noch keine Handlungsanleitung", sagt er.

BildWie man Leute anspricht, entscheidet oft darüber, ob überhaupt jemand hinhört. (Foto: Ben Cumming/​Flickr)

Besonders schwer ist das denen zu vermitteln, die das Umweltbundesamt (UBA) in seiner aktuellen Studie zum Umweltbewusstsein dem "prekären Milieu" zuordnet. Sie sind eigentlich auch für Klimaschutz, sehen sich aber schlicht nicht in der Lage, eine Solaranlage anzuschaffen oder ihr Essen bei regionalen Bio-Bauern zu kaufen, so das UBA – "in den meisten Fällen angesichts ihrer Lebenssituation wohl auch zu Recht".