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Heft 11: Umwelt und Migration

Migration nimmt weltweit zu, vor allem umweltbedingte Migration in Entwicklungsländern: Etwa 60 Millionen Menschen befinden sich weltweit auf der Flucht.
Das Heft als PDF (1,1 MB) – Juni 2016
Die Infografik als PDF (1 MB)

Heft 11: Umwelt und Migration

Ganz Berlin ein Garten

Manche halten die multikulturelle Gesellschaft für gescheitert. Dass das nicht ganz stimmen kann, zeigen sogenannte interkulturelle Gemeinschaftsgärten. Dort begegnen sich Menschen, die sich sonst nie kennengelernt hätten.

Text: Oliver Grob

Mitten in der Stadt: Ein Platz für den Imker mit seinen Bienenvölkern, den Künstler, der mit Kindern aus dem Kiez kocht, und die libanesische Nachbarin, die ägyptischen Spinat anbaut. Ein Ort der Begegnung von Sprachen, Kulturen, Altersgruppen und sozialen Milieus. Das klingt wie eine Utopie, ist jedoch in etwa 230 interkulturellen Gemeinschaftsgärten in Deutschland Realität.

BildViele Migranten bringen reiche gärtnerische Erfahrungen mit. (Foto: Aallen/Wikimedia Commons)

"In unserem Garten gibt es alles, was es auch in Berlin gibt", sagt Gerda Münnich, Gründerin des größten Berliner Gemeinschaftsgartens, dem "Allmende-Kontor" auf dem Tempelhofer Feld. Die Resonanz auf die Idee des urbanen Gärtnerns sei beachtlich.

Als Münnich vor fünf Jahren die ersten Hochbeete auf dem ehemaligen Flughafengelände aufstellte, erkundigten sich die Leute sofort, ob sie mitmachen dürften: "Nach einem Monat hatten wir hundert Beete, nach zwei Monaten war die Fläche von 5.000 Quadratmetern mit 250 Beeten und individuellen Parzellen voll bepflanzt", erzählt die 76-jährige Gärtnerin. Heute bauen dort über 700 Menschen aus 160 Ländern in Hochbeeten Gemüse und Kräuter an. Der Garten gilt damit als Prototyp einer neuen urbanen Landwirtschaft.

In ganz Berlin gibt es mittlerweile etwa 40 solcher interkulturellen Gärten, mehr als in jeder anderen deutschen Stadt. Die Idee dazu entwickelte sich Anfang der 1990er Jahre gleichzeitig in mehreren Städten der Welt, darunter Buenos Aires, New York und Toronto. Engagierte Anwohner besetzten damals innerstädtische Brachflächen und bepflanzten sie. 1996 gelangte das Konzept nach Deutschland, als zugewanderte und einheimische Familien in Göttingen einen "Garten für interkulturelle Begegnung und Austausch" gründeten.

Orte der Begegnung

Nach Jahrzehnten der Urbanisierung und Entfremdung von der Natur ist es vielen Menschen mittlerweile schlichtweg ein Bedürfnis, Lebensmittel nicht mehr nur im Supermarkt zu kaufen, sondern auch selbst anzubauen. Tut man das mit dem Blick auf kulturelle Interaktion, ergeben sich ganz neue Möglichkeiten. Es entsteht ein sozialer Kontakt und Wissensaustausch zwischen Zugewanderten, Geflüchteten und Einheimischen – Menschen aus aller Welt mit unterschiedlichem Glauben, Kultur- und Bildungshintergrund.

Das gemeinsame Gärtnern gilt als Praxismodell der interkulturellen Verständigung im Alltag – und es funktioniert, wie Christian Hoffmann berichtet. Der studierte Bodenkundler ist Vorsitzender des 2007 gegründeten Pyramidengartens in Berlin-Neukölln: "Unser Garten ist Produktionsort, Vernetzungsmöglichkeit, Bildungsangebot und sozialer Schmelzpunkt."

Viele Migranten und Flüchtlinge stammen aus kleinbäuerlichen Verhältnissen und bringen bereits reiche gärtnerische Erfahrungen mit – die Eigenversorgung mit Lebensmitteln gehört für sie ganz selbstverständlich zum Alltag. Die Gärten bekommen dadurch eine Bedeutung als sozialer Treffpunkt im Stadtteil, wo man vielfach nicht nur Pflanzen anbaut, sondern Erfahrungen, Saatgut und Wissen austauscht, gemeinsam kocht, Feste feiert und Gesprächsrunden oder Workshops veranstaltet.

BildDas "Allmende-Kontor" auf dem Tempelhofer Feld in Berlin bringt 160 Nationalitäten zusammen. (Foto: Gerda Münnich)

Die Suche nach geeigneten Flächen ist jedoch nicht ganz leicht. Oft lehnen die Behörden eine Bepflanzung von öffentlichen Freiflächen ab oder vergeben Genehmigungen nur für Zwischennutzungen auf Zeit. Die Reaktion der Stadtgärtner ist einfach: Die Pflanzen wachsen meist nicht im Boden, sondern über der Erdoberfläche, in Hochbeeten aus Holz, Reissäcken, Bäckerkisten oder alten Milchtüten. Mit solchen transportablen Beetsystemen lassen sich innerstädtische Orte schnell in einen Garten verwandeln, selbst wenn es sich um versiegelte, belastete Flächen oder Hausdächer handelt.