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Heft 11: Umwelt und Migration

Migration nimmt weltweit zu, vor allem umweltbedingte Migration in Entwicklungsländern: Etwa 60 Millionen Menschen befinden sich weltweit auf der Flucht.
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Heft 11: Umwelt und Migration

Integration in die "Deutsche Scholle"

BildRund 800.000 Euro hat die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) bisher für Umweltbildungsprojekte mit Flüchtlingen ausgegeben. Der DBU-Leiter für Umweltkommunikation und Kulturgüterschutz Ulrich Witte erklärt, warum das mehr für die Integration bringt als vieles andere.

 
Herr Witte, die Lebensweise der Flüchtlinge, die zu uns kommen, war meist viel ökologischer als unsere – müssten nicht eher wir etwas von ihnen lernen?

Ulrich Witte: In der Tat: Der bisherige Lebensstil der Flüchtlinge ist für den Planeten ökologisch viel weniger belastend als der in den Industriestaaten. Andererseits genießen Natur- und Umweltschutz in Deutschland – auch durch Artikel 20a des Grundgesetzes – einen hohen Stellenwert. Viele Dinge wie Energiesparen, Naturschutz oder der schonende Umgang mit Ressourcen, die uns geläufig sind, sind es Flüchtlingen nicht immer. Umweltbildung kann ihnen helfen zu verstehen, warum in Deutschland bestimmte Dinge so wichtig ist und wie das eigene Verhalten sein sollte.

Flüchtlinge integrieren durch Umweltbildung: Was kann dieser Ansatz leisten, was zum Beispiel die Integration durch einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz nicht kann?

Mitarbeit im Umweltbereich gibt Flüchtlingen zunächst ein handfestes Betätigungsfeld. Sie können im praktischen Naturschutz mitwirken oder andere Flüchtlinge beraten, zum Beispiel beim Energiesparen. Oder sie werden eingebunden in den Schutz von wertvollen Kulturgütern, die Umweltschäden aufweisen.

Die Integration funktioniert gut, weil bei diesen Arbeiten immer Gruppen aus Einheimischen und Flüchtlingen zusammenwirken. Die häufige Isolation der Flüchtlinge wird bewusst aufgebrochen. Anders als eine Ausbildung oder eine konkrete Berufstätigkeit bieten unsere Projekte mehr Raum für interkulturelles Lernen und gegenseitigen Austausch.

Eines Ihrer Projekte hieß: "Erstellung von Informationsmaterial zum Umweltverhalten". Läuft das nicht auf das berühmte Die-Deutschen-trennen-ihren-Müll hinaus?

Das Thema hat schon einen ernsthaften Hintergrund. Von Hilfsorganisationen wie dem Deutschen Roten Kreuz wissen wir, dass viele Flüchtlinge anfangs zu wenig über die Umwelt-Standards in Deutschland wissen, etwa beim Umgang mit Wasser oder mit Müll. Hinter dem Informationsmaterial steckt aber nicht der berühmte pädagogische Zeigefinger, sondern einfach das Bemühen, Informationen zu vermitteln. Das erleichtert nicht zuletzt das Zusammenleben auf engem Raum und vermeidet Konflikte.

Bei einem anderen Projekt können Flüchtlinge in einem Kleingartenverein in Osnabrück mittun, der den schönen Titel "Deutsche Scholle" trägt. Was lernen Flüchtlinge vom urdeutschen Kleingartenwesen?

Der Schrebergartenverein "Deutsche Scholle" stellt eine spannende Herausforderung für Flüchtlinge dar. Gelingt unser Vorhaben, wäre nahezu modellhaft gezeigt, wie Integration selbst mit einem typisch deutschen Traditionsverein gelingen kann.

BildHandfeste Projekte wie ein Garten sind Integrationsbeschleuniger, sagt Umweltbildungsexperte Ulrich Witte. (Foto: Susanne Götze)

Die "Scholle" ist allerdings keine Gartenzwergidylle mit verschrobenen Rentnern und Nationalflagge auf akkuraten Parzellen. Der Verein hatte schon in der Vergangenheit Mitglieder aus 19 Nationen, die neue Gärtner mit offenen Armen aufnehmen. Das gelebte Tun und das Miteinander gehen weit übers Bestellen der Gärten hinaus.

Wie sehen Ihre Bildungs-Pläne für die kommende Zeit aus?

Umweltbildung für Flüchtlinge wirkt sich sehr positiv aus, mit zum Teil unerwarteten Erfahrungen. Selbst aus kleinen Projekten können sich reelle Perspektiven für Ausbildung und dauerhafte Beschäftigung ergeben. Allerdings sind die Fördermittel für die bisherigen 15 Projekte aufgebraucht. Die DBU bringt hier weitere 100.000 Euro auf für noch nicht bewilligte Anträge.

Wir wollen die Aktivitäten in der Umweltbildung insgesamt kräftig aufstocken mit Projekten, bei denen Hilfsorganisationen und Umweltbildungsanbieter eng kooperieren. Für diese Anträge stehen noch einmal eine Million Euro zur Verfügung. Dass die DBU darüber hinaus noch weitere Mittel in der Umweltbildung aufbringt, ist nicht ausgeschlossen.

Interview: Jörg Staude