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Heft 11: Umwelt und Migration

Migration nimmt weltweit zu, vor allem umweltbedingte Migration in Entwicklungsländern: Etwa 60 Millionen Menschen befinden sich weltweit auf der Flucht.
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Heft 11: Umwelt und Migration

Insulaner auf gepackten Koffern

Kleine Inselstaaten drohen durch den Klimawandel unterzugehen. Kiribati hat vorgesorgt und Land auf den höhergelegenen Fidschi-Inseln gekauft. Von den Industrieländern fühlen sich die Insulaner alleingelassen.

Text: Susanne Schwarz

"Das wütende Meer wird uns alle töten." In Kiribati hört man den Satz häufig im Radio, mit ihm beginnt der Refrain des Liedes, das die Regierung vor gut einem Jahr zum Gewinner eines Gesangswettbewerbs um den besten Klima-Song gekürt hat.

BildDer frühere Präsident von Kiribati Anote Tong trieb die Umsiedlung voran. (Foto: Devra Berkowitz/UN Photo)

Sich vor dem Meer zu schützen versucht der Inselstaat verzweifelt. Die 32 Atolle im Pazifik liegen teilweise nur wenige Zentimeter über dem Meeresspiegel. In 50 Jahren, schätzt die Regierung, wird das Paradies infolge des Meeresspiegelanstiegs untergegangen sein – und mit ihm die Heimat und der Alltag von mehr als 100.000 Menschen. 

Kritiker sehen zwar auch hausgemachte Probleme und mahnen zu nachhaltigem Wirtschaften. Anote Tong, bis März 2016 Kiribatis Präsident, sah dennoch nur eine Lösung: Er kaufte vor zwei Jahren Land auf den Fidschi-Inseln, um die Bevölkerung im Notfall umzusiedeln. "Wir brauchen Ausweichmöglichkeiten, wenn unser Land wegen des Klimawandels im Meer versinkt", sagte Tong nach dem ungewöhnlichen Grundstückskauf, der in beiden Inselstaaten auf Skepsis stößt.

"Keine Flüchtlingskrise wie in Europa"

Auch die Malediven hatten vor Jahren ähnliche Pläne, als ihr Präsident noch Mohamed Nasheed hieß, frei gewählt war und dem Klimawandel den Kampf angesagt hatte. Nasheed wurde allerdings 2012 aus dem Amt gezwungen und bald darauf inhaftiert – derzeit lebt er im Londoner Exil. In seinem Heimatland herrscht ein autoritäres Regime, die Umsiedlung liegt brach.

Auch der Inselstaat Fidschi, Kiribatis "Klimawandelversicherung", wird stark vom Meeresspiegelanstieg betroffen sein. "Wir haben aber das Glück, dass wir ein vulkanischer Inselstaat mit Gebirge im Inland sind", sagt Krishneil Narayan, Fidschis Jugendvertreter für Klimaschutz. "Die vom Wasser bedrohten Dörfer können ins Inland umsiedeln."

Dort wollen sich auch die Kiribatier im Notfall niederlassen, 4.000 Hektar hat Präsident Tong in der Mitte einer der zwei Hauptinseln von Fidschi gekauft. Derzeit nutzen seine Landsleute die Flächen schon, um Nahrung anzubauen, denn viele Felder in Kiribati werden regelmäßig mit Salzwasser überschwemmt. In ein paar Jahren könnten die ersten dauerhaft in Fidschi leben. "Sie sollen nicht als Flüchtlinge kommen, sondern als Migranten mit Würde, die sich assimilieren", sagt Narayan. "Wir wollen keine Flüchtlingskrise wie in Europa."

"Wir Inselstaaten sind solidarisch"

Nicht alle Fidschianer sind so offen, wie Narayan sich gibt. Naviavia ist ein kleines, abgelegenes Dorf, das zum Teil auf dem Gelände liegt, das Tong für die Bewohner Kiribatis gekauft hat. Die jetzigen Bewohner kamen im 19. Jahrhundert von den Salomonen hierher. Vor 70 Jahren gaben ihnen Missionare der anglikanischen Kirche Grund und Boden – für einen neuen Glauben: Wer konvertierte, bekam Land. Jetzt fühlen sich die Bewohner um ihr Eigentum betrogen.

Selbst bei einer reibungslosen Umsiedlung stellen sich aber noch viele Fragen. Was wird aus der Kultur und der Sprache von Kiribati, wenn die Menschen ein Teil von Fidschi werden? Auch juristisch ist das Unterfangen nicht leicht: Werden sich die Neuankömmlinge Fidschianer nennen oder sind sie immer noch das Volk von Kiribati? Um solche rechtlichen Probleme zu lösen, will Fidschi dieses Jahr eine Kommission einrichten.

BildNur wenige Zentimeter über dem Meeresspiegel: Die 32 Atolle von Kiribati müssen wahrscheinlich noch in diesem Jahrhundert evakuiert werden. (Foto: Government of Kiribati/Wikimedia Commons)

Von den reichen Industrieländern fühlen die Insulaner sich alleingelassen. "Fidschi ist das einzige Land der Welt, das Kiribati Hilfe und Flächen zur Neuansiedlung angeboten hat", sagt Narayan. "Wir Inselstaaten sind untereinander solidarisch; wir sitzen alle im selben Boot. Wir wollen niemanden von unseren pazifischen Brüdern und Schwestern zurücklassen."