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Heft 11: Umwelt und Migration

Migration nimmt weltweit zu, vor allem umweltbedingte Migration in Entwicklungsländern: Etwa 60 Millionen Menschen befinden sich weltweit auf der Flucht.
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Heft 11: Umwelt und Migration

Die Katastrophe vor der Katastrophe

Vor Beginn der Aufstände litt Syrien jahrelang unter einer schweren Dürre. Die einsetzende Massenflucht, die zur Destabilisierung beitrug, hätte aber verhindert werden können, sagt eine Hamburger Friedensforscherin. Stattdessen beförderte das Regime die Katastrophe weiter.

Text: Benjamin von Brackel

Vor zehn Jahren, als sich die Weltöffentlichkeit noch kaum für Syrien interessierte, bahnte sich in dem Land bereits die Katastrophe an. Ab 2006 litt vor allem der Norden unter einer Jahrhundertdürre – fünf Jahre lang. Die Felder vertrockneten, das Vieh starb, die Landwirtschaft brach in vielen Regionen zusammen.

BildJunger Schäfer in Syrien: Ein Auslöser für die Aufstände war, dass viele Menschen sich in ihren Dörfern nicht mehr ernähren konnten. (Foto: Ed Brambley/Flickr)

Kleinbauern und Viehzüchter, 1,5 Millionen sollen es insgesamt gewesen sein, verließen ihre Dörfer, die oft leer zurückblieben. Sie brachen in den Süden auf, ins Umland von Homs oder nach Dar‘a. Auch nach Damaskus gingen viele, wo sich bereits eine Million Flüchtlinge aus dem Irak angesiedelt hatten. Es verschlug sie also gerade in die Gegenden, wo im Jahr 2011 die Aufstände ausbrachen, die dann in einen blutigen Bürgerkrieg mündeten, in dem bis heute knapp eine halbe Million Menschen umgekommen sind.

Studien aus den USA sehen einen direkten Zusammenhang zwischen Dürre, Migration und Konfliktbeginn in Syrien. Der Klimawandel, so die Botschaft, ist zunehmend auch ein Sicherheitsproblem. "Das Land hat sich zu einem Vorzeigebeispiel entwickelt", sagt die Friedensforscherin Christiane Fröhlich von der Universität Hamburg. Sie ist in den Jahren 2014 und 2015 mehrfach nach Syrien und in die Flüchtlingslager nach Jordanien gereist, um in Gesprächen mit Bauern herauszufinden, was wirklich passiert ist.

Tatenlosigkeit der syrischen Regierung

Das Ergebnis von über 100 Stunden Interviews: Die Hunderttausenden Bauern, die aufgrund der Dürre flohen, strömten nicht etwa in die Städte, sondern vor allem in deren Umland. Auch zeigte sich, dass die Flüchtlinge meist nicht selbst an den Protesten beteiligt waren, sondern sich eher unpolitisch verhielten.

"Die vielfach propagierte einfache Kausalität zwischen Dürre, Migration und Konfliktausbruch in Syrien lässt sich so nicht halten", sagt Fröhlich. "Zwar nahm die Binnenmigration tatsächlich während der Dürre zu, doch weder war die Dürre ihr einziger Auslöser, noch waren es die 'Klimamigranten', die die Proteste initiierten."

Zumindest nicht unmittelbar: Klimaexperten wie Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung betonen, dass an den neuen Wohnorten der Flüchtlinge mangels politischer Reaktionen Arbeitslosigkeit, Überfüllung, Infrastrukturmängel und Kriminalität herrschten – die in der Folge zur Unzufriedenheit der Bewohner und damit zur syrischen Revolte beitrugen.

Fröhlich bestreitet das gar nicht. Ihr ist allerdings die Feststellung wichtig: Es waren nicht die Migranten, die Unruhe stifteten. "Die syrische Regierung hat praktisch nichts unternommen, um die Folgen der Dürre abzumildern", sagt sie. Im Gegenteil: Das Assad-Regime hatte Subventionen gestrichen und die Energiepreise angehoben, nachdem die Einkünfte aus dem Ölgeschäft zurückgegangen waren.

Grundwasservorräte übernutzt

Als die Dürre kam und vielerorts der Grundwasserspiegel um mehrere Meter sank, rächte sich das. Die Bauern konnten nun das Benzin nicht mehr bezahlen, mit dem sie die Pumpen betrieben, die das Wasser aus den Brunnen holten. Die Übernutzung der Grundwasservorräte und die Wüstenbildung durch die massive Überweidung im Osten des Landes sowie die fehlende Unterstützung der Regierung spitzten die Situation weiter zu.

Erst die falsche Politik der Regierung habe Bedingungen geschaffen, unter denen die Dürre in Syrien voll einschlagen und zu dem heutigen Chaos beitragen konnte, sagt Fröhlich. Ihre Botschaft: Die Klimamigration hätte verhindert werden können. Das zeige das Beispiel Jordaniens, eines der wasserärmsten Staaten, der ebenfalls von der Dürre heimgesucht wurde, aber stabil blieb. "Die effektive Anpassung an die Folgen des Klimawandels ist nur möglich, wenn gleichzeitig die sozialen, politischen und ökonomischen Bedingungen einbezogen werden", schlussfolgert Fröhlich.

Zu einem ähnlichen Ergebnis war im vergangenen Jahr eine Studie in der Fachzeitschrift PNAS gekommen, die einen wichtigen Grund für den massiven Einbruch der syrischen Landwirtschaft in einer verfehlten, nicht nachhaltigen Agrarpolitik sieht.

Gibt es bald einen Klimakrieg?

Weltweit nehmen Dürren zu, sagt der Vizepräsident des Deutschen Wetterdienstes Paul Becker. Wie aus einer globalen Beobachtung aller Dürren zwischen 1952 und 2013 hervorgeht, treten die Dürren besonders oft dort auf, wo es ausgesprochene Regen- und Trockenzeiten gibt. Vor allem in Afrika, im Mittelmeerraum, an der amerikanischen Pazifikküste, in Brasilien und in Indonesien würden sie zunehmen.

Der Nahe Osten nimmt dabei eine besondere Rolle ein. Er wird in spätestens 25 Jahren von einer dramatischen Wasserkrise betroffen sein, sagte eine Studie aus dem Washingtoner World Resources Institute im vergangenen Jahr voraus. 14 der weltweit 33 am stärksten von Wasserknappheit bedrohten Länder liegen demnach zwischen dem Mittelmeer und dem Indischen Ozean.

BildKein Wasser, nirgends: Die Aufnahme entstand während der Dürre in Syrien, die von 2006 bis 2010 dauerte und vielen Menschen die Lebensgrundlagen entzog. (Foto: 300td.org/Flickr)

Schuld an der Wasserknappheit sei auch der Klimawandel, vermuten die Studienautoren: In vielen Regionen nähmen die Wetterextreme zu; die Folge seien Dürren und Starkregen mit Überschwemmungen. Hinzu kommen eine wachsende Bevölkerung in vielen Regionen und der damit einhergehende steigende Wasserverbrauch vor allem in der Landwirtschaft. Eine Gemengelage, die für Konfliktstoff sorgt – von Klimakrieg wollen aber die meisten Experten nicht reden.