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Heft 11: Umwelt und Migration

Migration nimmt weltweit zu, vor allem umweltbedingte Migration in Entwicklungsländern: Etwa 60 Millionen Menschen befinden sich weltweit auf der Flucht.
Das Heft als PDF (1,1 MB) – Juni 2016
Die Infografik als PDF (1 MB)

Heft 11: Umwelt und Migration

Flüchtlinge müssen sich hinten anstellen

Schlechtes Klima in der Kunstszene: Während Millionen Menschen von Vertreibung bedroht sind, schlagen deutsche Kultureinrichtungen ihre Türen vor den Neuankömmlingen zu. Die "Erste Flüchtlingsakademie der Freien Künste" hält dagegen.

Text: Hermann Josef Hack

Schon heute sitzen laut dem Umfrageinstitut Gallup World Poll 19 Millionen Menschen auf gepackten Koffern, weil sie unter anderem den Folgen des Klimawandels entgehen wollen. Niemand aus der Politik oder der Kunstszene hat das bislang ernsthaft thematisiert. Deshalb haben wir die Erste Flüchtlingsakademie der Freien Künste (EFFK) als Akademie im ursprünglichen Sinn – als Ort des freien Austausches von Ideen und Meinungen auf Augenhöhe – gegründet.

BildAus dem Malbuch der Ersten Flüchtlingsakademie der Freien Künste: Zeichnend erkunden, wie es sich anfühlt, nicht eingeladen zu sein. (Foto: Susanne Schwarz)

Wir verzichten bewusst auf eine behäbige Infrastruktur. Stattdessen gehen wir direkt zu den Menschen in die Notunterkünfte, wo wir mit ihnen unmittelbar arbeiten. Malbücher und Malaktionen stehen bei unserer Arbeit im Mittelpunkt. Es geht aber um mehr als das reine Malen.

Es geht auch darum, herauszufinden, wie es sich anfühlt, wenn man als Geflüchteter erlebt, ein Mensch zu sein, der nicht eingeladen und nicht unbedingt willkommen ist. Die EFFK gibt Stimmungsbilder wieder. Durch unsere langfristige Begleitung der Geflüchteten bekommen wir das Abbild einer authentischen Atmosphäre abseits der proklamierten Willkommenskultur, die immer mehr in Frage gestellt wird.

Wir erleben jeden Tag, wie Geflüchtete sich auch im Kunstbetrieb ganz hinten anstellen müssen. Die Veranstalter der Kölner Kunstmesse Art Cologne verwiesen uns des Geländes, obwohl wir bei unserer Aktion "Sichtkontakt" mit dem Museumsdienst Köln Flüchtlinge durch die Messe führen wollten. Selbst in Projekten, zu denen wir ausdrücklich eingeladen wurden, wie beim NRW-Kunstforum, schenkte man uns wenig Aufmerksamkeit, kümmerte sich nicht um PR und lud uns auch nicht zur Pressekonferenz zum Ausstellungsprojekt "Planet B" ein, an dem wir beteiligt waren.

Wir kommunizieren diese Ignoranz offen, weil wir an die Freiheit der Kunst glauben. Es ist noch ein weiter Weg – aber es gibt keine Alternative: Die von uns gemessene soziale Kälte ist nicht das geeignete Mittel gegen die Erderwärmung. Wir bauen Leuchttürme für eine Begegnungskultur. Bauen Sie mit.


Erste Flüchtlings-Akademie der freien Künste

Die Erste Flüchtlingsakademie der Freien Künste (EFFK) wurde am 22. September 2015 von den Künstlern Hermann Josef Hack und Andreas Pohlmann als Kunstprojekt gegründet.

Migration und Flüchtlingslager als soziale Folgen globaler Veränderungen sind seit 2007 Themen der Bilder und Aktionen von Hermann Josef Hack. Mit der Besetzung von öffentlichen Plätzen in deutschen und europäischen Großstädten mit hunderten Miniaturzelten hat der Künstler auf das Thema Klimaflüchtlinge aufmerksam gemacht. Unter dem Titel World Climate Refugee Camp erklärte Hack ganze Städte, aber auch die Weltkunstschau documenta 12 in Kassel 2007 zum Klimaflüchtlingslager – und das zu einer Zeit, als der Begriff "Klimaflüchtling" nur Insidern geläufig war, während die Politik noch versuchte, das Thema zu verdrängen.

BildZelte im Schnee: Mit den Mitteln der Kunst erklärt Hermann Josef Hack immer wieder Orte zum "Flüchtlingscamp". (Foto: Hermann Josef Hack/Flickr)

In den Jahren 2010 bis 2015 unternahmen Hack und Pohlmann Reisen, um direkt vor Ort mit Menschen zu arbeiten, die schon jetzt von Folgen der Klimaveränderung betroffen sind. So entstand ein Malbuch für Flüchtlingskinder auf Sri Lanka. Während der Weltklimakonferenz COP 20 in Peru gründeten sie als Kunstprojekt eine Policia Agua (Wasserpolizei) in Lima und blockierten den Verkehr der peruanischen Wüstenstadt.

Zuletzt besuchten Hack und Pohlmann den Libanon für ein Kunstprojekt mit geflüchteten Syrern. Die Flüchtlinge gaben ihnen das Mandat, in Deutschland über ihre Situation zu berichten und ihre Bilder dort auszustellen. Hack und Pohlmann sind überzeugt, dass der Umgang mit dem Klimawandel in erster Linie eine kulturelle Frage ist. (sg)