heft11 cover

Heft 11: Umwelt und Migration

Migration nimmt weltweit zu, vor allem umweltbedingte Migration in Entwicklungsländern: Etwa 60 Millionen Menschen befinden sich weltweit auf der Flucht.
Das Heft als PDF (1,1 MB)
Die Infografik als PDF (1 MB)

Heft 11: Umwelt und Migration

"Folgen unseres Wirtschaftens nicht outsourcen"

BildHeidemarie Wieczorek-Zeul plädiert für einen neuen solidarischen Internationalismus und fordert ein Umdenken der Industriestaaten. Die SPD-Politikerin war von 1998 bis 2009 Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

Frau Wieczorek-Zeul, Willy Brandt hat von Weltinnenpolitik gesprochen. Was bedeutet das für die globalen Umweltgefahren?

Heidemarie Wieczorek-Zeul: Im UN-Bericht für eine Nord-Süd-Partnerschaft hat Willy Brandt 1980 die Notwendigkeit einer globalen Zusammenarbeit begründet. Andernfalls wird die schnell zusammenwachsende Welt zu einer zerbrechlichen Einheit, in der als Reaktion auf wirtschaftliche Krisen, soziale Ungleichheit und ökologische Gefahren in alter und neuer Form Gewalt und Kriege zunehmen werden. Besonders bedrohlich ist die sich abzeichnende Synthese aus Klimawandel, Wasserknappheit und Nahrungsmangel. Den Folgen daraus kann sich kein Land entziehen.

Deshalb muss es zu einem solidarischen Internationalismus kommen, also zu einer Weltinnenpolitik. Und das ist möglich, denn jeder spürt, dass wir unsere Art zu wirtschaften und zu konsumieren drastisch ändern müssen. Wir dürfen die Folgen unseres Wirtschaftens und Produzierens nicht mehr outsourcen, weder zu Lasten des globalen Südens noch zu Lasten der Natur – auch weil uns die Folgen sonst sehr schnell einholen.

Neben Gewalt und Bürgerkriegen ist die ökologische Verrottung – Wasserknappheit, Ernährungskrisen und Klimawandel – eine wichtige Ursache für Flucht. Ist die Politik auf die "ökologische Migrationsbewegung" vorbereitet?

Auf diese Folgen wird seit den 1990er Jahren hingewiesen. In der Zukunft werden die Umweltflüchtlinge wahrscheinlich den größten Teil der globalen Migrationsbewegung ausmachen. Und dabei stehen wir erst am Anfang.

Aus den Studien von Johan Rockström und seinem Wissenschaftlerteam wissen wir, dass die Menschheit nicht nur beim Klimawandel planetarische Grenzen überschreitet, die für das Leben auf der Erde essenziell sind. Die reichen Länder werden davon nicht verschont bleiben. Dennoch – das hat vor allem das letzte Jahr gezeigt – will sich die Mehrheit der europäischen Staaten vor dieser Wirklichkeit abschotten.

Von daher sind wir in einer doppelten Falle: Zum einen wird zu wenig getan, um die ökologischen Gefahren zu verringern oder armen Ländern bei der Anpassung zu helfen, zum anderen nehmen autoritäre Antworten zu. Das ist ein Teufelskreis.

Seit mehr als 20 Jahren wissen wir, welche Regionen besonders hart vom Klimawandel betroffen sind. Welche Konsequenzen sind daraus zu ziehen?

Es ist richtig, der Wissenschaftliche Beirat für Globale Umweltfragen hat in einer sehr eindrucksvollen Studie klargemacht, welche Regionen besonders hart betroffen sind, gleichsam ihre Lebensgrundlagen verlieren. Wir haben in der Region Darfur erlebt, wie die Gewalt explodieren kann, wenn klimatische Verschlechterungen, Lebensmittelknappheit und ethnische Konflikte zusammenkommen.

Afrika ist besonders gefährdet. Wenn die globale Temperatur um mehr als zwei Grad Celsius steigt, wird das auf diesem Kontinent wahrscheinlich zu einer Ausweitung der Wüstengebiete um rund 40 Prozent führen. Schon heute geht ein großer Teil der afrikanischen Migration auf klimatische Ursachen zurück.

Das US-amerikanische Peterson Institute geht davon aus, dass 29 Staaten in 25 Jahren einen Ernterückgang von 25 Prozent zu erwarten haben. Wie sehen Sie das?

Diese Prognose ist erschreckend. Sie zeigt, wie eng ökologische und soziale Fragen miteinander verbunden sind. Der Klimawandel trifft in besonderer Weise die ärmsten Weltregionen, die am wenigsten zu den Verursachern gehören.

Aber den Folgen werden sich auch die reichen Gesellschaften nicht entziehen können. Wenn wir nicht wollen, dass überall in der Welt für die privilegierten Schichten Hochsicherheitszonen entstehen, aber dennoch Gewalt zum Lebensalltag wird, dann dürfen wir nicht nur über eine Weltinnenpolitik reden, sondern müssen soziale und ökologische Gerechtigkeit miteinander verbinden.

Neben einigen asiatischen Staaten sind vor allem die Nahostregion und Afrika von Wassermangel bedroht. Was kann die Entwicklungszusammenarbeit tun, um die absehbaren Folgen zu minimieren?

Ich habe in meiner Amtszeit einen Schwerpunkt auf die Ausweitung der Hilfen für eine bessere Infrastruktur und auf die Grundbedingungen eines menschenwürdigen Lebens gelegt. Auf vielen Konferenzen und durch zahlreiche Initiativen habe ich dazu beigetragen, in der Energiepolitik umzusteuern und insbesondere erneuerbare Energien voranzubringen. Und das mit der Armutsbekämpfung zu verbinden. Das war vor allem in der Weltbank notwendig.

BildFluss ohne Wasser im Nahen Osten: Falsches Wassermanagament, Übernutzung und der Klimawandel verschärfen die politischen Konflikte. (Foto: Susanne Götze)

Da muss aber sehr viel mehr geschehen. Dazu gehört auch, dass das Ziel, die Haushaltsmittel für die Entwicklungszusammenarbeit auf 0,7, besser auf ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu erhöhen, endlich erreicht werden muss.

Wir erleben, dass die EU in der Flüchtlingsfrage total zerstritten ist. Was erwarten Sie, wenn erst die ökologisch begründete Fluchtbewegung beginnt? Wie wird Europa damit umgehen?

Für das, was in der EU in der Flüchtlingsfrage passiert, fehlen mir die Worte. Es geht nicht, dass die Kernfrage menschlicher Verantwortung durch nationalistische, häufig auch rassistische Stimmungen niedergedrückt wird. Wir brauchen Vernunft und Weitsicht, wir brauchen einen Humanismus, der unserer zusammenwachsenden Welt gerecht wird. Und es muss eine europäische Antwort sein, die in den Vereinten Nationen von allen EU-Staaten gemeinsam vertreten wird. Dazu gibt es keine Alternative, denn sonst muss die EU eine Mauer an den Außengrenzen hochziehen. Es bleibt kein anderer Weg als eine Weltinnenpolitik, deren Grundlagen die Menschenrechte und die Menschenwürde sind.

Interview: Michael Müller