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Heft 11: Umwelt und Migration

Migration nimmt weltweit zu, vor allem umweltbedingte Migration in Entwicklungsländern: Etwa 60 Millionen Menschen befinden sich weltweit auf der Flucht.
Das Heft als PDF (1,1 MB) – Juni 2016
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Heft 11: Umwelt und Migration

Drei Fragen zu Umwelt und Migration

Sollten Umweltzerstörung und Klimawandel als Fluchtgrund anerkannt werden? Hilft eine Weltumweltorganisation? Es antworten die Präsidentin der Welthungerhilfe Bärbel Dieckmann und der Umweltethiker Konrad Ott.

Frau Dieckmann, Herr Ott, Klimawandel und ökologische Krisen zählen in vielen armen Ländern schon zu den Fluchtursachen – und die Probleme verschärfen sich. Was sind die wichtigsten Hebel dagegen?

BildBärbel Dieckmann: "Wichtig ist, dass die Menschen ihr Leben in der Heimatregion selbst in die Hand nehmen können." (Foto: Welthungerhilfe) 

Bärbel Dieckmann: Die Verursacher des Klimawandels müssen ihre finanziellen Zusagen einhalten, die im letzten Jahr auf dem Klimagipfel in Paris vereinbart worden sind. Dazu gehört auch, dass wir den betroffenen Ländern bei der Entwicklung moderner umweltschonender Technologien helfen. Besonders beim Ressourcenschutz sind längst nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Das merken wir auch in unseren Projekten, wenn es etwa um neue Anbaumethoden geht.

Gleichzeitig müssen die Regierungen im Süden das Allgemeinwohl ihres Landes und die Versorgung der Bevölkerung über die Interessen einzelner Gruppen stellen. Anpassung an den Klimawandel kann nur gelingen, wenn die nationalen Regierungen in allen Ressorts die nötigen Prioritäten setzen.

Konrad Ott: Wichtig ist, dass wir begrifflich zwischen Flucht und Migration unterscheiden, auch wenn das im Einzelfall schwierig zu entscheiden ist.

Entscheidend ist, den Klimawandel deutlich unter zwei Grad zu halten und Klimaanpassung großzügig zu finanzieren. Wir müssen starke Anreize gegen Migration und starke Anreize zum Bleiben setzen. Hierzu könnte es sinnvoll sein, im globalen Süden in erneuerbare Energien, Dekarbonisierung, nachhaltige Wertschöpfungsketten, Aufforstungsprojekte, naturverträglichen Tourismus und so weiter zu investieren. Wir müssen das Verhältnis von Investitionen und Transfers überdenken, weil Transfers häufig nur zu "Rentenökonomien" mit wenigen Profiteuren führen, wie es Paul Collier in "Exodus" beschrieben hat.

Sehen Sie neue Ideen, um die Umwelt- und Entwicklungspolitik im Süden zu stärken? Kann die Gründung einer starken "Weltumweltorganisation" der Vereinten Nationen helfen?

Bärbel Dieckmann: Globale Ansätze wie die Gründung einer "UNEO" können Entwicklungen unterstützen, aber nicht die Probleme vor Ort lösen, das müssen die dortigen Regierungen schon auch selbst tun. Entscheidend ist eine glaubhafte und auf Armutsreduzierung ausgelegte Politik der reichen Länder und der betroffenen Länder selbst. Die neuen UN-Nachhaltigkeitsziele, die "SDGs", bilden bereits einen Rahmen, in dem Umwelt- und Entwicklungsfragen behandelt werden und alle Länder gemeinsam in der Verantwortung stehen.

Mehr globale Organisationen und Normen führen aber nicht automatisch zu einer gerechteren und effizienteren Politik. Auch die Regierungen im Norden müssen verstehen, dass wir zu viel produzieren und konsumieren. Das geht zu Lasten der Ressourcen im Süden.

BildKonrad Ott: "100 Milliarden pro Jahr für Klimaanpassung im Süden sind nötig, aber sie müssen richtig ausgegeben werden." (Foto: Die Grünen im Bundestag/Wikimedia Commons)

Konrad Ott: Ich bin seit Jahren dafür, das Umweltprogramm UNEP zur UNEO aufzuwerten. Wichtig sind auch der "Grüne Klimafonds" und der Anpassungsfonds gemäß UN-Klimakonvention und Paris-Vertrag. Es kommt nicht nur darauf an, genügend Geld für den Klimafonds zu sammeln – 100 Milliarden Dollar pro Jahr wären fair –, sondern vor allem, das Geld richtig auszugeben.

Das moralisch aufgeladene Kriterium der "Vulnerabilität", also der Verletzlichkeit von Staaten, ist dabei höchst ambivalent, da es einen "race to the bottom" auslösen könnte: Geld kriegt, wer sich als besonders vulnerabel präsentiert. Das würde genau das Falsche bewirken. Gefördert werden müssen Anpassungsprojekte, die eine ökologisch nachhaltige Landnutzung, Kohlenstoff-Senken, Renaturierung, Küstenzonenmanagement et cetera befördern.

Als Flüchtlinge sind laut Genfer Flüchtlingskonvention nur Menschen anerkannt, die wegen ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe oder ihrer politischen Meinung verfolgt werden. Umwelt- und Klimaschäden werden nicht als Fluchtgrund anerkannt. Sollte das geändert werden? Wer könnte das tun?

Bärbel Dieckmann: Es gibt nur sehr selten eine einzige Fluchtursache. Soziale Benachteiligung führt oft zu prekären wirtschaftlichen Situationen und kann ein Anstoß zur Flucht sein. Die Ernährungs- und Einkommenslage wird sich in vielen Gebieten durch den Klimawandel zusätzlich verschlechtern. Eine neue Kategorie wird daran nichts ändern.

Für die Betroffenen ist der Auslöser der Flucht am Ende nicht wichtig. Sie brauchen eine Perspektive, wie sie ihr Leben in ihrer Heimatregion wieder selbst in die Hand nehmen und gestalten können.

Konrad Ott: Hier kommt es erst einmal darauf an, den Begriff eines Klima- oder Umweltflüchtlings zu definieren. Je nach Definition schwankt die Zahl der Personen erheblich. Dann wäre zu überlegen, wie die sehr zahlreichen Begründungen überprüft werden sollen, mit denen Menschen die Anerkennung als Klimaflüchtlinge erreichen wollen. Über Krieg und politische Verfolgung lassen sich noch Urteile fällen, aber Umweltveränderungen sind so komplex, dass am Ende alle als Klima- oder Umweltflüchtlinge anerkannt werden müssten, die die entsprechenden, meist nicht überprüfbaren Begründungen anführen. Ich habe keine Ahnung, wie wir dann zu einer Anerkennungspraxis gelangen könnten.

Ich sehe die Ausweitung der Fluchtgründe mittlerweile eher kritisch. Ich bin gerade dabei, die Begriffsbildung zu reflektieren, und es türmen sich Probleme über Probleme auf. Bevor wir uns dieser Probleme nicht wenigstens vergewissert haben, würde ich von wohlmeinenden, aber naiven Kampagnen abraten.

Bärbel Dieckmann ist Präsidentin der Welthungerhilfe. Die ehemalige Oberbürgermeisterin von Bonn war von 2001 bis 2009 Mitglied des Bundesvorstandes der SPD.

Konrad Ott forscht und lehrt als Professor für Philosophie und Ethik der Umwelt an der Universität Kiel. Von 2000 bis 2008 gehörte er dem Sachverständigenrat für Umweltfragen der deutschen Bundesregierung an.

Fragen: Susanne Götze