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Heft 11: Umwelt und Migration

Migration nimmt weltweit zu, vor allem umweltbedingte Migration in Entwicklungsländern: Etwa 60 Millionen Menschen befinden sich weltweit auf der Flucht.
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Heft 11: Umwelt und Migration

Editorial

Wenn Naturkatastrophen oder Umweltveränderungen Menschen zwingen, ihre Heimat zu verlassen, spricht man von umweltbedingter Migration. Dabei bleiben die meisten Flüchtlinge im eigenen Land. Betroffen sind vor allem Arme. Deshalb müssen die Reichen in die Pflicht genommen werden.

Text: Dieter Janecek und Martin Held

Bleiben ist für viele schlicht und einfach keine Alternative. Die Gebiete des Inselstaates Kiribati liegen teilweise nur wenige Zentimeter über dem Meeresspiegel. Was Klimawandel bedeutet, lässt sich dort mit einem einfachen Messstock beobachten. Der kleine Staat im Pazifik hat deshalb Land auf den Fidschi-Inseln gekauft, um seine Bevölkerung nach und nach dorthin umzusiedeln. Eine Strategie, die für Kiribati mit 100.000 Einwohnern machbar erscheint, für das ebenfalls durch den Meeresspiegelanstieg und durch Wetterextreme bedrohte Bangladesch mit einer Bevölkerung von 160 Millionen aber wohl undenkbar ist.

Und nicht immer sind die lokalen Auswirkungen des Klimawandels vorhersehbar, nicht immer ist es möglich, rechtzeitig Maßnahmen zu ergreifen. Schätzungsweise 17,5 Millionen Menschen waren im Jahr 2014 aufgrund von Extremwetterereignissen zur Flucht gezwungen, viele von ihnen von einem Tag auf den anderen.

Wenn Naturkatastrophen oder anhaltende Umweltveränderungen Menschen dazu zwingen, ihre Heimat zu verlassen, spricht man von umweltbedingter Migration. Stürme, Starkregen, ansteigender Meeresspiegel, Dürren und Überschwemmungen gehen einher mit Trinkwasserverschmutzung, Ernteausfällen und Bodenverlust. Durch exzessive Formen der Rohstoffförderung, der Agrarwirtschaft oder umweltschädlicher Industrie kommt es zu Ressourcenknappheit, vor allem Wassermangel, zum Verlust von Ökosystemen und zum Rückgang von Biodiversität.

Nach aktuellen Schätzungen des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung für Globale Umweltveränderungen (WBGU) könnten innerhalb weniger Jahrzehnte zwei bis drei Milliarden Menschen weltweit in die Städte drängen. Migration aufgrund von Umweltveränderungen verstärkt diese zunehmende Landflucht. Nicht immer steht hinter diesen Veränderungen der Klimawandel. Aber so gut wie immer steht dahinter der Mensch.

Eine zentrale Gerechtigkeitsfrage

Obwohl sie nur für einen geringen Anteil an den weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich sind, sind Entwicklungsländer den Risiken des Klimawandels in besonderer Weise ausgesetzt. Ihre Wirtschaftsstrukturen reagieren meist sensibel auf klimatische Veränderungen und sie sind nur schwer in der Lage, kostenintensive Anpassungsmaßnahmen zu schultern. In vielen Ländern ist umweltbedingte Migration die Folge, die Ursache oder zumindest ein Katalysator vorhandener Ressourcenkämpfe und Verteilungskonflikte.

Nach wie vor ist beispielsweise umstritten, welcher Zusammenhang zwischen Dürre, Migrationsbewegungen und dem Ausbrechen der Konflikte in Syrien bestand. Migration ist niemals monokausal, das Zusammenspiel der Fluchtursachen komplex. Aber es fliehen vor allem diejenigen, die in Verteilungskämpfen den Kürzeren ziehen, ihre Rechte nicht einklagen können und die negativen Effekte der Nutzung vorhandener Ressourcen zu spüren bekommen.

Erst seit den internationalen Klimaverhandlungen 2010 im mexikanischen Cancún wird dem Phänomen der umweltbedingten Migration größere Beachtung zuteil. Im Folgejahr räumte der UN-Sicherheitsrat erstmals ein, dass der Klimawandel eine Bedrohung des Weltfriedens darstellt. Um den Klimawandel abzubremsen, um die Wirtschaft nachhaltig zu gestalten, um einen fairen Interessenausgleich zu schaffen zwischen Wirtschaftsprojekten und Anwohnern einer Region, müssen wir die bisher Privilegierten in die Pflicht nehmen. Mit dem Weltklimaabkommen von Paris ist dafür ein Anfang gemacht.

Kiribati, Bangladesch, Syrien – die Bekämpfung des Klimawandels, der Schutz der Betroffenen, die Verringerung und solidarische Steuerung von umweltbedingter Migration ist auch eine zentrale Gerechtigkeitsfrage, sowohl lokal als auch global. In der beginnenden Transformation vom fossil geprägten Raubbau in Richtung einer postfossilen nachhaltigen Entwicklung verschränken sich im Umgang mit Migration die soziale und die ökologische Frage.

BildNur wenige Zentimeter über dem Meeresspiegel: Tarawa, das Hauptatoll von Kiribati. (Foto: Government of Kiribati/Wikimedia Commons)

Dieter Janecek ist Bundestagsabgeordneter für Bündnis 90/Die Grünen. Martin Held ist Koordinator des Gesprächskreises Die Transformateure.