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Heft 24: Tierschutz

Tierschutz steht seit mehr als 15 Jahren als Staatsziel im Grundgesetz. Doch die entsprechende Politik kommt nur langsam voran. Die Bürger sind da schon viel weiter.
Das Heft als PDF (3,8 MB) – Juni 2019
Die Infografik als PDF (2,2 MB)

Heft 24: Tierschutz

Echte Wahlfreiheit statt Verbrauchertäuschung

Tierschutz- und Naturschutzpolitik mit dem Einkaufskorb zu betreiben, das ist für viele Verbraucher nur eine Illusion. Eine gute Entscheidung an der Ladentheke kann der Einzelne nur treffen, wenn er oder sie umfassende und zutreffende Informationen erhält.

Text: Klaus Müller

Viele Verbraucher wünschen sich einfache und klare Orientierung beim Einkauf. Dazu muss der Gesetzgeber einen Rahmen schaffen. Das gilt auch für die Interessen von Verbrauchern, denen der Schutz und ein halbwegs akzeptables Leben der Tiere am Herzen liegt.

SupermarktEine Wahl haben Kunden nur bei vertrauenswürdiger Produktinformation. (Foto: Hacohob/​Shutterstock)

Laut einer Umfrage im Auftrag des Verbraucherzentrale Bundesverbands sind nur rund 20 Prozent der Befragten zufrieden mit der Kennzeichnung von Produkten, wenn es um den Schutz und das Wohl von Tieren geht. Die Mehrheit möchte sich darauf verlassen können, dass es, wenn sie mehr zahlen, den Tieren auch besser ergangen ist.

Wie gut ein Tier gelebt hat – darüber informiert der Handel jedoch mit unterschiedlichen Labeln. Das schafft bei Verbrauchern eher Verwirrung. Die Verbraucherzentralen haben mit ihren Marktchecks gezeigt: Der Handel pokert häufig hoch mit Auslobungen wie "tiergerecht" oder "Tierwohl", oft verbirgt sich wenig Belastbares hinter solchen Aufdrucken. Der Handel braucht also Regeln, um eine einheitliche Kommunikation über die Qualität der Produkte zu gewährleisten.

Wirkliche Vergleichbarkeit, ein verlässlicher Rahmen, wie von Verbrauchern gewünscht, kann nur mit einer staatlichen Regelung hergestellt werden. Das Tierwohlkennzeichengesetz der Bundesregierung mit seinen drei Qualitätsstufen ist ein erster Schritt. Es schafft Regelungen zur Ausgestaltung, Einführung und Kontrolle eines Kennzeichen-Systems. In der dazugehörigen Verordnung wird nach 13 Kriterien zunächst für Schweine festgelegt, wie mit den Tieren umzugehen ist, wenn das Fleisch anschließend mit einer der drei Stufen verkauft werden soll.

Das schafft tatsächlich bessere Lebensbedingungen für Nutztiere und Orientierung für Verbraucher. Zwar ist es noch kein Stoppschild für eine schlechte Behandlung von Tieren. Doch es gibt eine Richtung vor, wohin sich die Tierhaltung für alle landwirtschaftlichen Nutztiere entwickeln muss. Noch gibt es bei den bestehenden gesetzlichen Regelungen zu viele Ausnahmen.

Dadurch, dass über Jahre der leichte und wirtschaftlich profitabelste Weg gewählt wurde, empfinden viele Landwirte strengere Standards als besondere Härte und verlangen Ausgleichszahlungen für wirtschaftliche Einschränkungen. Staatliche Fördergelder können bei einer sehr niedrigen Einstiegsstufe dann jedoch zu einer Zementierung des Status quo führen und damit zu einer Verschwendung öffentlicher Mittel. Daher muss sehr genau geschaut werden, wie die Anreize wirklich wirken können.

Das freiwillige Label-System hat versagt

Tierschutzverbände und viele Verbraucherzentralen kritisieren, dass immer noch ein verbindliches System fehlt, das alle tierischen Produkte am Markt umfasst. Bei der Eierkennzeichnung hat der Übergang zur Verbindlichkeit funktioniert. Wir brauchen daher einen Fahrplan, wie und in welchem Zeitraum das zunächst noch freiwillige System der Kennzeichnung für mehr Tierwohl in ein verpflichtendes und nach Möglichkeit europaweites System überführt wird.

Auch müssen grundsätzlich die Zustände in Tierhaltungsanlagen verbessert werden, nicht nur in denen mit einer besonderen Auslobung. Bereits im Jahr 2015 hat der wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung in einem Gutachten Vorschläge gemacht, wie dieser Weg zu einer akzeptablen Tierhaltung zu beschreiten wäre. Zu Recht ist dort von einem Instrumentenmix die Rede. Denn: Der Verbraucher allein kann es nicht richten. Rund drei bis fünf Milliarden Euro wären für den Umbau in der Tierhaltung allein in Deutschland notwendig.

Verbraucher erwarten Produkte von gesunden Tieren. Tatsächlich aber weist eine Vielzahl der geschlachteten Tiere erhebliche akute und chronische Erkrankungen auf. Wir brauchen deshalb ein Monitoringsystem für lebende und geschlachtete Tiere, mit dem sich Tiergesundheit und Tierwohl in den Betrieben beurteilen und in den Ställen durchsetzen lässt. Das ist die dringendste aller Maßnahmen, in die das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft investieren sollte.

Um Verbrauchern und Landwirten die gewünschte Orientierung zu bieten, brauchen wir deutlich mehr Transparenz. Geltendes Recht muss dringend durchgesetzt werden. Hier mangelt es auch an Personal für Kontrollen. Nur so kann ein Umdenken gelingen, für das Wohl der Tiere und für eine echte Wahlfreiheit an der Fleischtheke.

Klaus Müller ist Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbandes. Von 2000 bis 2005 war er Umwelt- und Landwirtschaftsminister in Schleswig-Holstein.