Heft 24: Tierschutz

Wie muss eine gute Nutztierstrategie aussehen?

Beim Umbau der Tierhaltung ist die entscheidende Frage, wie sie sich finanzieren lässt, ohne dass es zu großen Strukturbrüchen bei den bäuerlichen Betrieben kommt. Politik, Wirtschaftsbeteiligte und Verbraucher müssen ihren Beitrag leisten, damit wir nicht den Großteil der Familienbetriebe verlieren.

Text: Jochen Dettmer

Die landwirtschaftliche Nutztierhaltung ist in Deutschland in keinem guten Zustand. So beschreiben es viele wissenschaftlichen Studien, Tierschutzpläne und runde Tische der Bundesländer. Kritisiert werden Tierschutzprobleme, die durch den enormen Leistungs- und Effizienzdruck hervorgerufen werden, unter dem die Nutztierhaltung steht.

gaenseArtgerechte Haltung: Die Gänse ernähren sich vor allem vom Grünland hinter dem Hof. (Foto: Jochen Dettmer)

Die Debatte um diese Probleme und um die Zukunft der landwirtschaftlichen Nutztierhaltung hat dazu geführt, dass das Bundeslandwirtschaftsministerium im Jahr 2017 unter dem damaligen Minister Christian Schmidt eine Nutztierhaltungsstrategie vorlegte, die eine zukunftsfähige Tierhaltung in Deutschland beschreibt.

Leider wurden unter Bundesminister Schmidt keine Anstrengungen unternommen, die dort enthaltenen Vorschläge aufzugreifen. Schmidts Nachfolgerin Julia Klöckner hat die Nutztierstrategie zwar übernommen, es ist jedoch unklar, mit welchen Instrumenten die Strategie verfolgt werden soll.

Zwar wurde ein neuer Kompetenzkreis gegründet und es wurden Arbeitsgruppen für die Bereiche Rinder, Schweine, Geflügel, Bauen, Ökonomie sowie Monitoring und Kommunikation eingerichtet. Aber auch hier sind bis heute keine Vorschläge für die Umsetzung erkennbar.

Als einzige Maßnahme wurden bisher die Grundzüge für ein freiwilliges staatliches Tierhaltungslabel vorgelegt. Außerdem soll die betäubte Ferkelkastration unterstützt werden, indem das Tierärzteprivileg für die Betäubung aufgehoben und der Erwerb des Kastrationsgeräts finanziell gefördert wird.

Die Nutztierhalter warten aber weiter auf einen konkreten Rahmen für die zukünftigen Haltungsanforderungen. Das betrifft die Lösung von Zielkonflikten im Bau- und Genehmigungsrecht sowie klare Umstellungsszenarien in den zentralen Punkten der Schweinehaltung, wie Kastration, Kastenstand und Kupieren der Schwänze. Zum Paradigmenwechsel gehört aber auch die Neuausrichtung der Tierzucht sowie der Beratung, Forschung und Ausbildung.

Feste Vereinbarungen für angemessene Preise

Die entscheidende Frage wird jedoch sein, wie sich der Umbau der Tierhaltung finanzieren lässt, ohne dass es zu großen Strukturbrüchen bei den bäuerlichen Betrieben kommt. Ein sinnvoller Wandel lässt sich nur mit der Landwirtschaft und nicht gegen sie durchsetzen.

Dazu braucht es den richtigen Politikmix aus Ordnungsrecht, Förderung und einem angemessenen Marktpreis durch Produktdifferenzierung. Während die Politik für das Ordnungsrecht, die Förderung und die Marktorganisation bestimmte Eckpunkte setzen kann, ist eine angemessene Preisgestaltung nur mit den Akteuren der Wertschöpfungskette zu erreichen – so wie es das Neuland-Qualitätsfleischprogramm für Erzeugnisse aus besonders tiergerechter Haltung seit 30 Jahren modellhaft vormacht. Zu beteiligen sind Erfassungshandel, Verarbeitung, Fleischereifachgeschäfte, Lebensmitteleinzelhandel, Gemeinschaftsverpflegung und Gastronomie.

Faire Preise lassen sich nur durch eine vertikale Kooperation mit festen Vereinbarungen zu Qualitäten, Mengen, Preisen und Laufzeiten erreichen. Die Landwirtschaft muss sich bewegen, sie muss sich dafür entscheiden, die Mentalität des reinen Ablieferns ohne Preis- und Mengenabsprachen zu verlassen. Dieser Schritt ist für einen Wirtschaftszweig ein einmaliges Phänomen in einer entwickelten freien Marktwirtschaft.

Was wir also brauchen, ist das Drehen an mehreren großen Schrauben, um einen Paradigmenwechsel und einen Umbau der Nutztierhaltung, also einen Transformationsprozess hinzubekommen. Politik, Wirtschaftsbeteiligte und auch Verbraucherinnen und Verbraucher müssen bereit sein, ihren Beitrag zu leisten, wenn wir nicht den Großteil der bäuerlichen Familienbetriebe verlieren wollen – und damit das Fundament für eine gesellschaftlich akzeptierte Nutztierhaltung.

Jochen Dettmer ist Landwirt in Belsdorf bei Flechtingen (Sachsen-Anhalt) und Vorstandssprecher von Neuland e.V.

Schlagworte: Theorie, Alternativen, Ernährung, Tierschutz