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Heft 12: Stadtökologie

Die Städte wachsen und mit ihnen die sozialen und ökologischen Probleme. Werden die Metropolen zum Ground Zero der Moderne oder zum Vorreiter des Wandels?
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Heft 12: Stadtökologie

Ein Paradies mit Abstrichen

Im Mehrgenerationenhaus begegnen sich Alt und Jung, der Manager und die Hartz-IV-Empfängerin leben Tür an Tür. Doch nicht für alle ist die Wohnform ideal – sie erfordert Engagement und Sinn für Basisdemokratie.

Text: Joachim Wille

Ich hatte eine schöne Wohnung", erzählt Margret Simon. Das war nicht das Problem. Doch die alleinstehende Darmstädterin, vom Ehemann getrennt, gerade Rentnerin geworden, überlegte: "Willst du so weitermachen? Oder eher nicht?" Das Ergebnis: Eher nicht. Das war im Jahr 2002.

BildHausprojekt für mehrere Generationen in Darmstadt: "Wohnsinn 2". (Foto: Wohnsinn eG)

Heute lebt Margret Simon im "Wohnsinn 2", einem großen Mehrgenerationen-Wohnprojekt in der südhessischen Universitätsstadt. Damals hatte die heute 80-Jährige von "Wohnsinn 1" gehört, dem ersten Bauabschnitt mit 39 Wohnungen, der 2003 fertiggestellt wurde. "Ich ging da hin, und die Atmosphäre hat mir gleich gut gefallen", sagt die agile Seniorin, die sich unter anderem um die "Wohnsinn"-Homepage kümmert.

Margret Simon hatte Glück. Noch während der Bauphase war in "Wohnsinn 1" zufällig eine Zwei-Zimmer-Wohnung zur Zwischenmiete frei geworden. Nach Fertigstellung konnte sie einziehen und begann gleich intensiv, eine Planungsgruppe für das Nachfolgeprojekt "Wohnsinn 2" mitaufzubauen, in dem weitere 34 Wohnungen entstanden. Inzwischen leben rund 150 Menschen in der U-förmig gebauten Anlage mit ihren vier Stockwerken, davon 40 Kinder. "Wohnsinn 1" war eines der ersten Mehrgenerationenprojekte in Deutschland, von denen es heute rund 2.000 gibt.

Keine Großfamilie, keine Vereinzelung

Tatsächlich könnte die Altersspanne der Menschen, die im "Wohnsinn" leben, kaum größer sein. Der jüngste Bewohner ist knapp zwei Monate, der älteste 81. Jede "Partei" hat eine eigene, abgeschlossene Wohnung, doch die Trennung der Generationen ist aufgehoben. Und man begegnet sich nicht nur auf dem Flur und im Treppenhaus. Eine großzügige Ausstattung mit Gemeinschaftsräumen lädt dazu ein, etwas gemeinsam zu tun. Die Bewohner tauschen sich aus über Carsharing und neuerdings auch E-Bike-Sharing, machen Englisch-Konversation, spielen Doppelkopf, es gibt eine Sauna-AG, ein Café und eine Kneipe.

Die Initiatoren des Wohnmodells, die 1998 dafür eine Genossenschaft gründeten, hatten hohe Ansprüche. Man wollte eine ausgewogene Mischung aus Jungen und Alten, Familien und Alleinerziehenden, Gutbetuchten, Mittelklasse und ärmeren Bewohnern; mindestens zehn Prozent sollten Behinderte sein, ebenfalls zehn Prozent Menschen mit Migrationshintergrund. Gemeinsame Entscheidungen fallen bis heute streng basisdemokratisch; im Haus-Plenum, das sich alle 14 Tage oder monatlich trifft, haben alle Bewohner ab 16 Stimmrecht.

"Viele von den Gründern sind Alt-68er", sagt "Wohnsinn 2"-Bewohnerin Barbara Kienitz-Vollmer, 65, "da liegt das im Blut". Damals sei in dieser aus der Studienzeit WG-erfahrenen Szene viel über neue Wohnformen debattiert worden. "Wir wussten, die Großfamilie ist tot und die Gefahr der Vereinzelung wächst. Dagegen musste man etwas tun." Es habe etwas Neues gebraucht, das die Vorteile der Großfamilie hat, aber nicht ihre Nachteile. Das Konzept war dann schnell gefunden: das Mehrgenerationenwohnen.

Das Konzept hat funktioniert

Viele von den Ur-Ideen wurden eingelöst. Nicht nur Jung und Alt wohnen miteinander unter einem Dach, auch eine gute soziale Durchmischung ist erreicht. Das Spektrum reicht von der Ex-Obdachlosen, die Hartz IV bezieht, bis zum Manager. Etwa ein Drittel der Wohnungen zum Beispiel in "Wohnsinn 2" sind Sozialwohnungen, die Miete kostet knapp sieben Euro pro Quadratmeter; ein Drittel ist frei finanziert, hier sind rund zehn Euro fällig.

Ein besonderer Vorteil: Die Nebenkosten liegen sehr niedrig. Erstens, weil das Haus als energiesparendes Passivhaus gebaut wurde, folglich kaum Heizung gebraucht wird. Und zweitens wegen der von den Bewohnern erbrachten Leistungen, die sonst an eine Hausverwaltung oder Handwerker vergeben werden müssten.

Ist "Wohnsinn" also ein reines Wohnparadies? Das nun doch nicht. Wer dort leben will, muss bereit sein, sich für die Gemeinschaft zu engagieren. Das heißt auch, zum Beispiel Plenumssitzungen zu ertragen, in denen die Höhe des anzuschaffenden Sofas für den Gemeinschaftsraum ein abendfüllendes Thema sein kann. Basisdemokratie funktioniert nun einmal nicht ohne gewisse Ausdauer und Zähigkeit, und das ist offenbar nicht jedermanns Sache.

BildWer nicht allein wohnen will, muss auch die Basisdemokratie aushalten. (Foto: Wohnsinn eG)

"Das Mehrgenerationenwohnen ist wirklich kein Modell für alle", urteilt die 59-jährige Ellen Ried, die seit 2008 in der Anlage lebt. Auch ist die Fluktuation höher als erwartet. Eine junge Familie zum Beispiel ist schnell wieder ausgezogen. "Die dachten, gemeinsam wohnen bedeutet laufend Party machen."