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Heft 12: Stadtökologie

Die Städte wachsen und mit ihnen die sozialen und ökologischen Probleme. Werden die Metropolen zum Ground Zero der Moderne oder zum Vorreiter des Wandels?
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Heft 12: Stadtökologie

Die Mooswand soll’s richten

Autos haben Stuttgart reich gemacht, jetzt vergiften Feinstaub und Stickoxide die Stadtluft. Das Graue Zackenmützenmoos soll Linderung bringen. Fahrverbote will selbst der grüne Oberbürgermeister vermeiden.

Text: Sandra Kirchner

Am 8. September war es so weit. Zum 19. Mal in diesem Jahr überstieg der gemessene Wert für den Schadstoff Stickstoffdioxid (NO₂) den erlaubten Grenzwert am Stuttgarter Neckartor. Dabei darf der europaweite Höchstwert von 200 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft nur 18 Mal pro Jahr überschritten werden. 219 Mikrogramm hatte die Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg an jenem Septembertag gemessen.

BildDie Daimler-Stadt Stuttgart – hier die Stadtautobahn kurz vor der nachmittäglichen Rushhour – hat ein riesengroßes Abgas-Problem. (Foto: Bigcat/​Wikimedia Commons)

Wer die Verkehrskreuzung am Neckartor als Deutschlands schmutzigste Straße bezeichnet, tut der Bundesstraße 14 nicht unrecht. Rund 70.000 Autos schieben sich täglich im Durchschnitt durch Stuttgarts Innenstadt, aus ihren Auspuffrohren entweichen Stickstoffdioxid (NO) und Feinstaub in rauen Mengen. Auswertungen von Navigationsdaten ergaben, dass Autofahrer in keiner anderen deutschen Großstadt so häufig im Stau stehen.

Die Kessellage der Stadt verschärft das Problem zusätzlich: Die Emissionen der Autos halten sich besonders im Winter lange, dann werden die Grenzwerte regelmäßig überschritten. Nirgends sonst in Deutschland fallen die Messwerte von Feinstaub und Stickstoffdioxid so hoch aus.

Das zu ändern hat sich Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) auf die Fahnen geschrieben. Zu Beginn seiner Amtszeit kündigte Kuhn an, dass der "konventionelle Autoverkehr" in der Daimler-Metropole mittelfristig um ein Fünftel zurückgehen soll. Dabei wächst das Verkehrsaufkommen in der Region stetig. Nach Jahren der Untätigkeit und einer autofreundlichen Politik suchen die Kommunalpolitiker jetzt nach Lösungen, auch um drohenden Strafzahlungen an die EU zu entgehen.

Das Graue Zackenmützenmoos soll der feinstaubgeplagten Stadt nun Linderung verschaffen: An der B14, entlang der Cannstatter Straße, soll eine 100 Meter lange moosbegrünte Wand errichtet werden. Spätestens im kommenden Frühjahr soll die Pilotanlage stehen, eigentlich sollte sie schon ab Oktober dieses Jahres die Luft am Neckartor filtern. Auf 400 Quadratmetern sollen künftig die Moose wachsen.

Alte Bäume abgeholzt

In Versuchen haben sich Moose als gute Feinstaubfänger und -zersetzer erwiesen. Im Gegensatz zu anderen Pflanzen haben Moose keine Wurzeln. Sie sind darauf angewiesen, Wasser und Nährstoffe aus der Luft und dem Regenwasser zu ziehen. Genau das soll die Moose zum optimalen Luftfilter machen: Feinstaub-Partikel bleiben an der Oberfläche der Moose hängen und werden dann Schritt für Schritt vom Moos aufgelöst und aufgenommen. 390.000 Euro lässt sich die Stadt das Pilotvorhaben kosten, an dem die Universität Stuttgart beteiligt ist.

Sinnvoll für die lokale Senkung der Feinstaubemissionen mag die Mooswand allemal sein. Doch manchem Stuttgarter stößt es bitter auf, dass der Mittlere Schlossgarten für das Bahnhofs-Megaprojekt Stuttgart 21 abgeholzt wurde und jetzt eine teure Mooswand hersoll, deren Wirksamkeit sich erst noch erweisen muss. Auch am Rosensteinpark oder im Killesbergpark wurden Bäume gefällt, wie die Bürgerinitiative Neckartor dokumentiert hat. Neupflanzungen könnten die Filterfunktion alter Bäume kaum ersetzen, dazu seien die jungen Bäumchen schlicht noch nicht in der Lage.

Ökologen wollen deshalb verhindern, dass die schädlichen Emissionen überhaupt in die Luft gepustet werden. Die Deutsche Umwelthilfe fordert einen schnelleren Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs und eine umweltfreundliche Taxiflotte. Auf stark befahrenen Straßen soll es Geschwindigkeitsbeschränkungen geben und ein generelles Lkw-Fahrverbot. Damit ließen sich die Emissionen Stuttgarts schnell senken, das Einhalten der zulässigen Werte für Feinstaub und Stickstoffdioxid wäre gesichert.

BildMooswand in Oslo: Ein größeres Modell soll bald die Stuttgarter Innenstadtluft filtern. (Foto: Green City Solutions/Oslo Photo Tour)

Bislang begnügt sich die Stadt mit Aufrufen zu freiwilligem Autoverzicht. Wenn sich andeutet, dass die schädlichen Emissionen bei bestimmten Wetterlagen in die Höhe schnellen, sollen die Pendler der Region ihre Autos stehen lassen. Gefruchtet haben die Appelle bislang aber wenig.