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Heft 12: Stadtökologie

Die Städte wachsen und mit ihnen die sozialen und ökologischen Probleme. Werden die Metropolen zum Ground Zero der Moderne oder zum Vorreiter des Wandels?
Das Heft als PDF (1,3 MB) – Oktober 2016
Die Infografik als PDF (35 MB)

Heft 12: Stadtökologie

Die Zukunft: Grüne Schwarmstädte

BildMehr Grün in der Stadt ist ein Weg, um den Änderungen des Klimas zu begegnen. Das reicht aber bei Weitem nicht aus, wenn sich künftig Hitzewellen jenseits der 40 Grad häufen, sagt Professor Wolfgang Wende, Leiter des Forschungsbereichs Wandel und Management von Landschaften im Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR). Ob sich das Leitbild einer grünen Stadt in nächster Zeit durchsetzen wird, bezweifelt er.

Herr Wende, 2016 gilt als Jahr der Wetterextreme, des Starkregens und der Hitzewellen im September. Steigt jetzt das Interesse an Ihrer Arbeit?

Wolfgang Wende: Uns als Wissenschaftler überraschen die Wetterextreme ja nicht mehr. Die Prognosen für den Klimawandel lassen die Zunahme der Starkregenereignisse gerade im Sommer erkennen. Dass wir darauf reagieren und wissenschaftliche Konzepte liefern müssen, wissen wir schon seit einigen Jahren. Den entscheidenden Impuls dazu erhielt unser in Dresden ansässiges Leibniz-Institut durch die große Elbeflut 2002. Seitdem sind wir intensiv unterwegs auf diesem Terrain.

Und hört man Ihnen mehr zu?

In der Tat: In den letzten Jahren hört man uns intensiver zu und wir können unsere Impulse auch auf der politischen Ebene besser setzen. Ob die Politik dann auch wirklich so handelt, ist noch mal eine ganz andere Frage.

Immer mehr Menschen drängen vom Land in die Städte. Erschwert der Trend zur Urbanisierung nicht die Anpassung an den Klimawandel?

Zunächst ist die Frage, ob es diesen Trend wirklich gibt. Darauf kann man nicht mit "Ja" oder "Nein" antworten. Tatsächlich haben die Zuzugsraten aus den ländlichen Regionen in die Städte zugenommen. Viele Jüngere zieht es in städtische Ballungsräume. Den Trend kann man bundesweit erkennen und er spiegelt sich gerade im Wachstum der Schwarmstädte wider ...

... Schwarmstädte?

... das sind Orte, wo junge Leute hinziehen, vor allem auch die Universitätsstädte. Die besondere Attraktivität entsteht, weil man eben weiß, dass dort gleichaltrige junge Menschen leben.

Gleichwohl sind immer noch Suburbanisierungstendenzen in den Städten vorhanden: Der Trend zum Einfamilienhaus im Grünen ist noch immer ungebrochen.

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Die Rückeroberung der Stadt durchs Grün braucht viel Zeit und Geduld. (Foto: kra)

Äußerlich mag man, wenn man sich die Bautätigkeit der letzten zwei, drei Jahre ansieht, den Eindruck gewinnen, dass auch die Innenverdichtung der Städte wieder zunimmt. Als Fakt geben das die Daten aber noch nicht her. Man muss außerdem sehen, dass die Bautätigkeit und auch die Innenverdichtung gegenwärtig sehr stark finanzmarktgetrieben sind wegen der sehr günstigen Bauzinsen.

Urbanisierung und Verdichtung der Innenstädte – bleibt da weniger Raum für die bisherigen Platzhirsche: Straßen und Parkplätze?

Das Leitbild der autogerechten Stadt befindet sich in einem Paradigmenwechsel. Das ist positiv. Ob das aber vom Leitbild einer grünen Stadt ersetzt wird, daran zweifle ich noch.

Ich finde es schon interessant, dass das Auto als Statussymbol bei den jungen Menschen nicht mehr so eine Rolle spielt. Darauf könnte auch die Politik reagieren und dem Auto in der Stadt weniger Platz einräumen.

Bei einer autogerechten Stadt mit ihren breiten Schneisen könnte man annehmen, sie sei klimaangepasster als eine verdichtete.

Es sind asphaltierte Flächen, die gerade im Sommer massiv zur Überhitzung und zur "Wärmeinsel" Stadt beitragen. In einfach allem, was versiegelt ist, sammelt sich tagsüber Wärme in den Steinen und trägt dazu bei, dass die Städte auch des Nachts überhitzt sind. Das kann man nur mit sinnvoll strukturierten Grünflächen abpuffern, da hilft uns die Straße nicht.

Es kommt einiges für die Städte zusammen: Bauboom, der Autoverkehr soll raus aus der Innenstadt, zur Klimaanpassung müssen aber auch Flächen freigehalten und sogar neue Freiflächen geschaffen werden.

Die Dinge abzuwägen und zu sehen, wie man alles unter einen Hut bekommt, ist schon immer die Aufgabe der Bauleitplanung gewesen. Insoweit ist das nichts Neues. Mit der vorrangigen Innenentwicklung der Städte, die ja vom Baugesetzbuch auch so gewollt ist, lastet aber jetzt ein erhöhter Abwägungsdruck auf den Kommunen, wenn sie Flächen revitalisieren wollen.

In vielen Städten gibt es durchaus ein Potenzial an freien Flächen, an Brachen und Altindustrie- oder Bahnanlagen. Die kann man wieder bebauen – bevor man das tut, sollte man aber sehen, ob diese Flächen nicht auch als grüne Infrastruktur dienen können. Da haben wir in der Tat das Problem, dass in der Abwägung das Grün meist hinten runterfällt und man bei der Verwertung ökonomischen Interessen den Vorzug gibt.

Unser Institut verfügt über Konzepte, die bei der Überlegung helfen, welche Brachflächen wirklich bebaut werden sollen und welche als grüner Park oder als Hochwasser-Retentionsfläche genutzt werden können.

Wie soll man sich das vorstellen: Sind zehn Bäume mehr wert als ein Bürohaus?

Übersehen wird zum Beispiel: Parks und Grün haben, entgegen der landläufigen Meinung, einen Wertschöpfungswert. So weisen Quartiere mit mehr grüner Ausstattung signifikant höhere Bodenwertpreise auf. Das schlägt sich dann in Mieten und Verkaufspreisen für Immobilien nieder. So einfach kann man nicht sagen: Grün kostet nur. Im Gegenteil.

Einige Städte wie München operieren inzwischen mit grünen Richtwerten und sagen zum Beispiel, pro Einwohner brauchen wir fünf, sechs oder sieben Quadratmeter Grünfläche. Das kann auch sogenanntes vertikales Grün sein, das meint begrünte Fassaden oder Dächer. Ist der politische Wille da, lässt sich schon einiges machen.

Mehr Grün reicht sicher noch nicht, um eine Stadt klimaangepasst zu nennen. Wie weit sind die Kommunen da insgesamt?

Das Bild ist schon ambivalent. Leider haben bei Weitem noch nicht alle Städte Klimaanpassungsstrategien entwickelt. Es sind vor allem die größeren. Gerade Klein- und Mittelstädte haben aber durchaus auch einen Anpassungsbedarf. Man kann rätseln, ob es am fehlenden politischen Willen liegt oder an mangelnden Kapazitäten.

Hat sich die Einsicht, dass unterlassene Klimaanpassung teurer kommt als Vorsorge, schon durchgesetzt?

Ich glaube, da sind wir immer noch in der Erkenntnisgewinnungsphase. Bei der Botschaft, dass eine unterlassene Klimaanpassung langfristig teurer kommt, geht es nicht nur um die Hochwasservorsorge, sondern auch um eine Überwärmung der Stadt als Hitzeinsel. Im Sommer 2015 hatten wir Ereignisse, wo die Marke von 40 Grad Celsius geknackt wurde.

BildSogenanntes "vertikales" Grün wie hier in der niederländischen Stadt Venlo könnte helfen, die Städte klimagerechter zu gestalten und zugleich nicht zu viel Fläche zu verbrauchen. (Foto: Ton Desar/Gemeente Venlo; Porträtfoto: Wolfgang Wende: TU Dresden)

Schon das hat epidemiologische Auswirkungen. Die Sterberate von Menschen mit Prädispositionen steigt in solchen Hitzephasen. Dann stelle man sich noch vor, zu den 40 Grad kommen noch einmal zwei bis vier Grad durch den Klimawandel hinzu – darauf müssen wir uns wirklich vorbereiten.

Da helfen nur öffentliche Kühlhäuser.

In Frankreich ist das gang und gäbe. Nach einer Hitzewelle vor einigen Jahren setzte man dort einen nationalen Plan auf, um gekühlte Räume bereitzustellen.

Das hilft doch nur punktuell.

Deswegen ist die grüne Infrastruktur beim Klimawandel das Thema. So schaffen Städte in den Tropen im öffentlichen Außenraum bewusst Verschattungen – sei es durch Grün oder durch entsprechende Bauten. Man kann praktisch im Schatten durch die Stadt gehen.

Als Hauptproblem für eine grüne Stadt bezeichnen Sie die Finanzen. Nun stimmt das für sehr viele Probleme dieser Welt. Wie meinen Sie das konkret?

Konkret finde ich es schon überraschend, das beispielsweise im Paragrafen 13a des Baugesetzbuches formuliert ist, dass bei bestimmten städtebaulichen Maßnahmen im Innenbereich die naturschutzrechtliche Eingriffsregelung nicht anzuwenden ist. Für gefällte Bäume zum Beispiel muss also unter Umständen nicht einmal ein Ausgleich hergestellt werden.

Mit dem Verzicht soll die Innenentwicklung der Städte gefördert werden, was grundsätzlich zunächst auch positiv ist, weil damit Suburbanisierung und das Bauen am Stadtrand auf der grünen Wiese vermieden werden sollen. Dass man aber von vornherein auf den Ausgleich und die Eingriffsregelung verzichtet, finde ich äußerst schade, gerade im Hinblick darauf, dass man durch eine Ausgleichspflicht an Gelder herankäme, mit denen sich durch Schaffung von neuem Grün an anderer Stelle auch Klimaeffekte abpuffern ließen. Das könnte man, um nur ein Beispiel zu nennen, konkret ändern.

Wolfgang Wende ist seit 2010 am Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR) und lehrt an der TU Dresden Siedlungsentwicklung. Er ist auch Vorsitzender der UVP-Gesellschaft, die sich um frühzeitige Umweltvorsorge kümmert

Interview: Jörg Staude