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Heft 12: Stadtökologie

Die Städte wachsen und mit ihnen die sozialen und ökologischen Probleme. Werden die Metropolen zum Ground Zero der Moderne oder zum Vorreiter des Wandels?
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Heft 12: Stadtökologie

Unheilvolles Meeresrauschen

Seit der Hurrikan "Sandy" die Küstenstadt New York traf, ist Stadtökologie mehr als nur eine fixe Idee von ein paar Stadthippies. Sie ist die einzige Chance die US-Metropole längerfristig zu schützen. Gezwungenermaßen werden ihre Bewohner nun zu ökologischen Vorreitern.

Text: Susanne Schwarz

Die Stadt, die niemals schläft, ist vor vier Jahren aufgewacht. Der Hurrikan "Sandy" tobte über New York. Die Metropole an der US-Ostküste ist ein einziger urbaner Mythos – sie steht für die Verheißung des großen Gelds an der Wallstreet, Kronleuchter und Hochkultur an der Upper East Side, verruchte Gangsterbanden, Freiraum für Subkulturen, unvergleichlichen Käsekuchen. Für eines steht sie nicht: Naturverbundenheit. "Sandy" gab den letzten Impuls dazu, dass New York das ändern will.

BildNew York ist vom Meeresspiegelanstieg und von Tornado-Flutwellen bedroht. (Foto: Clément Bardot/Wikimeda Commons)

Die Natur war einstmals sogar ein wichtiger Grund, warum niederländische Kaufleute die Gegend Anfang des 17. Jahrhunderts besiedelten. Allein schon die Mündung des Hudson River in den Atlantik sprach als natürlicher Hafen für sich. Es folgten Jahrhunderte der Kultivierung. New York wurde mit seinen rautenförmig angeordneten Straßen und durchgeplanten Häuserblöcken zum Sinnbild städtebaulicher Perfektion, aber die Natur schlägt zurück.

"Sandy" ist nur einer von mehreren Stürmen, die New York und seine inzwischen fünf Stadtteile in den vergangenen Jahren in Schockstarre versetzt haben. Zudem liegt die Stadt quasi auf einer Höhe mit dem Meeresspiegel. Dass dieser steigt, stellt sie vor eine riesige Herausforderung.

New York hat dem Klimawandel deshalb den Kampf angesagt, will sich anpassen. In der Verwaltung scheint sich aus der Geschichte der Stadt heraus eines durchgesetzt zu haben: Nicht mehr gegen die Natur arbeiten, sondern mit ihr. Mit klassischem Naturschutz hat das oftmals wenig zu tun, denn an vielen Stellen ist Natur schlicht nicht mehr vorhanden. Es geht darum, sie künstlich wieder zu erschaffen.

Ein Austernbett für die Jamaica Bay

In der Jamaica Bay, die sich entlang der Stadtteile Brooklyn und Queens erstreckt, will man im Sinne der Stadtökologie zum Beispiel Austern ansiedeln. Die Tiere kamen in der Bucht früher ohnehin vor, die Population starb allerdings wegen Überfischung vor Jahrzehnten aus.

Was nach einer beliebigen Maßnahme klingt, gliedert sich in ein großes Ganzes ein. Austern filtern Wasser und verbessern so die Qualität. Vor allem aber formieren sie sich zu Gebilden, die Riffen ähneln. Perspektivisch, so der Gedanke, sollen sie so einmal Wellen brechen können. Die Angst vor meterhohen Wellenmonstern, wie Sandy sie 2012 ausgelöst hatte, sitzt tief.

"Das Austernbett wird mehrere Zwecke erfüllen", sagt denn auch New Yorks Bürgermeister Bill de Blasio. "Es ist ein kleiner, aber notwendiger Schritt, um unsere Stadt nachhaltiger und widerstandsfähiger zu machen."

Im September wurden nun 50.000 Austern in der Bucht ausgesetzt. Bis das Wirkung zeigt, wird es noch dauern. Die Austern müssen sich erst mal auf der Porzellanschicht einleben, die für sie aus den Teilen von 5.000 alten Toiletten gebaut wurde – und sich noch kräftig vermehren.

Zusätzlich zu den Austern ist der verstärkte Bau künstlicher Inseln im Meer vor Manhattan geplant, auf denen sich Ökosysteme entwickeln sollen, wie sie in der Natur vorkommen. Die Stadt bewirbt die Idee zwar bisher hauptsächlich als touristische Attraktion, die Inseln sollen sich aber so anordnen lassen, dass sie einerseits Wellen brechen und andererseits Wasser in gewünschte Bahnen lenken.

Ökolandbau auf dem Dächern New Yorks

Es sind aber nicht nur die Umweltbeauftragten der Stadtverwaltung, die New York ökologisch entwickeln wollen, sondern auch die Bürger. Anastasia Cole Plakias ist eine echte New Yorkerin. Die freie Fotografin und Autorin ist im West Village in Manhattan aufgewachsen, mittlerweile lebt sie in einem Szene-Viertel Brooklyns. Ihre Liebe zu gutem Essen hat sie dazu gebracht, gemeinsam mit dem Ingenieur Ben Flanner einen Bio-Stadtbauernhof aufzubauen. Die beiden bauen ihr Gemüse nicht im Hinterhof, im Park in der Nachbarschaft oder gar in kleinen Blumenkästen an – sondern auf den Dächern der Stadt.

Schnell ging es um mehr als um frisch Geerntetes. "Wir machen aus Steindächern Landschaften und helfen unserer Stadt, Niederschlag aufzufangen und sich abzukühlen", sagt Plakias. Nicht nur Gemüse wird angebaut, sondern auch anderes Grün. Manches ist nur dazu da, den eigentlichen Garten vor Wind zu schützen oder auf andere Art und Weise ein gesundes Ökosystem zu schaffen. Seit 2009 arbeiten Flanner und Plakias mit weiteren Freunden an dem Garten. Ein Haus in Brooklyn diente als Experimentierfläche. Um aus seinem Dach einen Acker zu machen, waren Tonnen von Erde nötig. Erst mal musste das Team prüfen, ob das Dach die Last überhaupt tragen können würde.

Mittlerweile ist ihr Projekt "Brooklyn Grange", zu Deutsch "Brooklyn Farm", vom Hobby zum Unternehmen geworden. Ein zweites Dach, diesmal in Queens, ist als Anbaufläche hinzugekommen. Die Ernte verkaufen Plakias und ihre Kollegen auf Wochenmärkten in der Gegend.

BildDächer sind in den meisten Städten ungenutzte Flächen – die Brooklyn Farm macht vor, wie sie zu Äckern und Gärten werden können. (Foto: Brooklyn Grange Rooftop Farm)

Die Economist-Mediengruppe ist in einer Studie zu dem Ergebnis gekommen, dass New York unter den Großstädten in Kanada und den USA bereits die umweltfreundlichste nach San Francisco und Vancouver ist. Das hat allerdings wenig mit den jüngsten Finessen zu tun, sondern ironischerweise vor allem mit der durchgeplanten Bauwut, die ansonsten Quell einigen ökologischen Übels ist: Die New Yorker leben dicht an dicht und brauchen deshalb vergleichsweise wenig Infrastruktur. Schutz vor der nächsten großen Sturmwelle bietet das leider nicht.