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Heft 12: Stadtökologie

Die Städte wachsen und mit ihnen die sozialen und ökologischen Probleme. Werden die Metropolen zum Ground Zero der Moderne oder zum Vorreiter des Wandels?
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Heft 12: Stadtökologie

Die transformative Kraft der Städte

Die Gestaltungsmacht von Städten und Stadtgesellschaften stärker zu nutzen ist eine große Chance für die Wende zur Nachhaltigkeit – und gleichzeitig die Grundlage für die Entwicklung von lebenswerten Städten für alle.

Text: Gesa Schöneberg, Inge Paulini

"Lebenswerte Städte" kennt die Mehrheit der StadtbewohnerInnen nicht. Städte sind besonders stark von den gesellschaftlichen Schieflagen einer sich weltweit verschärfenden sozial-ökonomischen Ungleichheit betroffen. Auf der anderen Seite tragen sie selbst massiv zu den globalen Umweltveränderungen bei.

Die Wucht der aktuellen Urbanisierungsdynamik bringt große Herausforderungen mit sich – allein durch die Notwendigkeit, in den kommenden drei Dekaden für voraussichtlich weitere 2,5 Milliarden Menschen städtischen Wohnraum zu schaffen. Geschähe dies wie bisher mit Beton und Stahl, könnten allein die bei deren Herstellung bis 2050 freigesetzten Treibhausgase das für das 1,5-Grad-Ziel noch verfügbare weltweite Emissionsbudget nahezu aufbrauchen.

Daneben müssen bestehende Stadtstrukturen umgebaut werden, besonders die energieintensiven, meist am Automobilverkehr orientieren Städte. Zudem leben schon heute über 850 Millionen Menschen in prekären, inadäquaten Wohnverhältnissen. Wenn sich die urbane Entwicklung in dieser Form fortsetzt, könnte ihre Zahl um ein bis zwei Milliarden steigen.

Ein Kompass für städtische Entwicklung

Der globale Umbau der Städte zur Nachhaltigkeit muss die Vielfalt der städtischen Erscheinungsformen berücksichtigen. Gleichzeitig sollten die Entwicklungspfade aber einem gemeinsamen "normativen Kompass" folgen.

Dieser muss zum einen den planetaren Leitplanken wie dem 1,5-Grad-Ziel oder den Ressourcengrenzen gerecht werden sowie lokale Umweltprobleme lösen. Zum anderen ist eine umfassende Inklusion aller StadtbewohnerInnen zu gewährleisten. Diese muss neben den universellen Mindeststandards der substanziellen Teilhabe auch die politische und ökonomische Teilhabe sichern.

Darüber hinaus sollten wesentliche Voraussetzungen für menschliche Lebensqualität wie Solidarität, Identität, Zugehörigkeit und die Einbindung in soziale Netzwerke beachtet und die "Eigenart" jeder Stadt und jedes Stadtquartiers gefördert werden.

Langfristige und systemische Konzepte

Für die Transformation zur Nachhaltigkeit müssen Städte ihre inkrementellen Handlungsansätze ("Schritt für Schritt") durch systemische Strategien ersetzen, um die gesamte Stadt, das Umland sowie regionale Städteverbünde strategisch langfristig zu entwickeln. Sie sollten an den größten potenziellen Hebelwirkungen für die Transformation ansetzen, etwa bei der urbanen Flächennutzung, der städtischen Kreislaufwirtschaft oder der Armutsbekämpfung. Vernetzt angewandt, lassen sich so Pfadabhängigkeiten in Richtung Nachhaltigkeit verändern.

Städte handlungsfähig machen für den Wandel

Für die Umsetzung solcher transformativen, systemischen Handlungskonzepte braucht es ein Umdenken samt Perspektivwechsel. So sollten informelle Entwicklungsprozesse und ihre Ursachen anerkannt, neue Allianzen gefunden und neue Verantwortungs-Architekturen entwickelt werden. Das betrifft die globalen, regionalen und die lokalen Lenkungsstrukturen gleichermaßen. Vor allem Städte und Stadtgesellschaften müssen aber ausreichend handlungsfähig werden, damit sie ihre Kraft für eine nachhaltige Entwicklung entfalten können.

Dabei wird sich speziell die Frage (neu) stellen: Wem gehört die Stadt? Oder: Wem sollte sie gehören? Die Klage über die Dominanz der privaten Immobilienwirtschaft und ihren profitgetriebenen Einfluss auf die Gestaltung von Städten sollte abgelöst werden durch Diskussionen zu den Ansätzen, die das Gemeinwohl (wieder) stärker in den Vordergrund rücken.

Vorhandene Möglichkeiten nutzen und ausweiten

Es gibt dafür zahlreiche Ansatzpunkte – zum Beispiel neue Formen gemeinschaftlichen Eigentums, die das Gemeinwohl in städtischen Lebensräumen fördern. Oder transnationale Netzwerke wie Shack Dwellers International, die die Möglichkeiten staatenübergreifender globaler Lenkung und gemeinschaftlicher Finanzierung erproben. Auch Bauwesen und Stadtplanung stellen schon heute vielfältige ressourcenschonende Alternativen bereit, etwa den Bau mit Lehm, Holz und anderen natürlichen Baumaterialien, eingebettet in energieeffiziente und bewohnerfreundliche Stadtquartiere.

Diese gemeinsame Gestaltungsmacht von Städten und Stadtgesellschaften stärker zu nutzen ist eine große Chance für die Transformation zur Nachhaltigkeit – und gleichzeitig die Grundlage für die Entwicklung von inklusiven und lebenswerten Städten.

BildFür den nötigen Wandel in den Städten braucht es ein Umdenken samt Perspektivwechsel: Radfahrerin in Köln, 2008. (Foto: Profdeh/Wikimedia Commons)

Gesa Schöneberg und Inge Paulini sind ständige Mitglieder des Wissenschaftlichen Beirates der Bundesregierung für Globale Umweltveränderungen (WBGU)