heft12 cover

Heft 12: Stadtökologie

Die Städte wachsen und mit ihnen die sozialen und ökologischen Probleme. Werden die Metropolen zum Ground Zero der Moderne oder zum Vorreiter des Wandels?
Das Heft als PDF (1,3 MB) – Oktober 2016
Die Infografik als PDF (35 MB)

Heft 12: Stadtökologie

Stadt und Umwelt: Ehe oder Zweckgemeinschaft?

Die Stadt kann zum Motor der sozial-ökologischen Transformation werden. Das Bündnis zwischen Stadt- und Umweltpolitik ist für den urbanen Raum die eigene Rettung und für die Umwelt ein zentrales Aktionsfeld.

Text: Ulrich Hatzfeld

Die politischen und gesellschaftlichen Erschütterungen dieser Tage haben es vielleicht etwas verdeckt: Die Bereiche "Stadt" und "Umwelt" haben sich in den letzten Jahren erstaunlich dynamisiert und stark an allgemeinpolitischer Bedeutung gewonnen. Stadtpolitiker, Stadtwissenschaftler und Stadtplaner stellen verunsichert fest, dass die Veränderung von Städten, Landschaften und urbanen Lebensstilen immer öfter ins Zentrum politischer Analysen rücken und zu zentralen Handlungsebenen werden.

Die Vereinten Nationen verabschiedeten die "Agenda 2030", die ausdrücklich eine inklusive, sichere, widerstandsfähige und nachhaltige Gestaltung der Städte fordert. Im Oktober 2016 findet in Ecuadors Hauptstadt Quito die UN-Konferenz Habitat III statt, um sich auf eine "New Urban Agenda" zu verständigen. Das Bundesforschungsministerium organisiert ein "Wissenschaftsjahr Zukunftsstadt" und gibt dafür reichlich Forschungsgelder. Die Förderprogramme zur energetischen Erneuerung von Städten verdreifachen sich in kurzer Zeit, ebenso das Förderprogramm "Soziale Stadt".

Die Stadt wird wieder zum öffentlichen Thema

Smart-City-Diskussionen faszinieren die Jugend, ängstigen die Älteren und beflügeln eine Infrastrukturdebatte. Fragen des städtischen Wohnens und der sozialen Interdependenzen schaffen es auf die vorderen Seiten der Zeitungen. Debatten um Gentrifizierung und soziale Segregation verbinden sich mit denen zur Integration von Zugewanderten. "Wem gehört die Stadt?", fragen neue Bürgerbewegungen und fordern eine lokale Demokratie. Kurz: Die Stadt wird wieder zum öffentlichen Thema.

Ähnlich dynamisch entwickelt sich die Umweltpolitik. Die Agenda-2030-Beschlüsse werden gegenwärtig auf europäischer, nationaler, regionaler und kommunaler Ebene konkretisiert. Auch die Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung zielt auf konkrete, qualitativ messbare Indikatoren. Vertreter aller UN-Staaten verständigten sich Anfang Dezember 2015 in Paris auf ein neues, anspruchsvolles Weltklimaabkommen. Vom Ende der fossilen Ära, der Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad und einer generellen Dekarbonisierung ist die Rede.

Programme des Forschungsministeriums zielen auf die Erhaltung der Biodiversität, die Einbeziehung des Konsums in die Umweltpolitik und eine Ausweitung von Öko-Labeln. Ein integriertes Umweltprogramm soll die Handlungserfordernisse bis zum Jahr 2030 benennen. Die deutsche G20-Präsidentschaft will die G7-Beschlüsse vor allem im Umweltsektor weiterentwickeln.

Nun liegt die Frage nahe, wie sich diese beiden Dynamiken zueinander verhalten oder gar miteinander verbinden lassen. Kommt es zur ökologischen Stadtpolitik, die im Sinne der Nachhaltigkeit natürlich auch einen Schwerpunkt auf das Soziale legt? Ansätze dafür gibt es nicht nur durch die Zusammenführung der Politikbereiche in einem Bundesministerium. Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung für Globale Umweltfragen WBGU analysiert die "transformative Kraft der Städte". Der Sachverständigenrat für Umweltfragen rückt den städtischen Flächenverbrauch und den demografischen Wandel in den Blick. Bundesweite Diskussionsprozesse wie "Grün in der Stadt" oder "Umweltgerechtigkeit in der sozialen Stadt" verbinden die raumbezogene Politik mit Nachhaltigkeit.

Einzelinteressen werden unterschätzt

So hoffnungsvoll derartige Initiativen auch sein mögen, die Hemmnisse für ein Zusammensehen und -gehen der beiden Bereiche sind beachtlich. Jenseits aller politischen Rhetorik und bemühten Suche nach Synergien gibt es erst einmal ganz "normale" Widerstände und Widersprüche, die solchen Politikansätzen innewohnen.

Aus der Ökonomie und der Organisationssoziologie wissen wir, dass die meisten sogenannten Merging-Projekte – also gemischten Ansätze – negativ verlaufen. Ein Grund ist, dass Eigenlogiken und Einzelinteressen unterschätzt wurden. Außerdem wird häufig übersehen, dass verschiedene Organisationen nur dann kooperieren, wenn sie ihre Ziele "allein" nicht erreichen können. Von daher besteht Klärungsbedarf.

Zweitens unterscheiden sich Umwelt- und Stadtpolitik in ihrer kulturellen Orientierung. Das betrifft sowohl ihre ideengeschichtliche Herkunft als auch ihr Maßnahmen- und Instrumentenverständnis (besonders das Verhältnis zum Ordnungsrecht) und den Grad der Verwissenschaftlichung. Hinzu kommen Vorbehalte zwischen Sozial-, Ingenieur- und Umweltwissenschaften.

Mit das gewichtigste Kooperationshemmnis dürfte der selbstbewusste Anspruch beider Bereiche sein, zu einer holistischen Gesamtsteuerung der Gesellschaft berufen zu sein. Dabei verfolgt die Umweltpolitik die Prinzipien der Nachhaltigkeit und der Einhaltung der planetaren Grenzen, die Stadtpolitik tritt mit dem Konzept des Interessenausgleichs im Raum ("planerische Abwägung") auf. Für die eine ist Ökologie ein Ziel unter anderen (ökonomischen, kulturellen und sozialen) Belangen, für die andere ist sie die unverhandelbare Voraussetzung für alle wichtigen Entscheidungen. So kann zuweilen der Eindruck entstehen, dass der eine Handlungsbereich den anderen zu instrumentalisieren sucht.

Mangel an Initiative(n), nicht an Argumenten

Auch wenn Stadt- und Umweltpolitik in ihrer bisherigen Praxis nicht unbedingt nahe Verwandte waren, fehlt es nicht an guten Argumenten für eine Integration der beiden Handlungsansätze. Stadtpolitik wird scheitern, wenn sie die Ökologie nicht zu einem zentralen Kriterium macht, denn Energiewende, Mobilitätswende und Modernisierung der Infrastruktur werden ohne Umweltbezug nicht zu schaffen sein.

Andererseits muss Umweltpolitik räumlich werden, um mehr Wirksamkeit zu entwickeln. Städte gehören zu den Hauptverursachern von Umweltbelastungen – und Städte sind die richtige Ebene, diese Belastungen zu reduzieren.

Für eine integrierte Sicht spricht auch, dass sich beide Handlungsansätze ganz elementar mit der Gestaltung der Zukunft befassen, über in weiten Teilen identische Zielgruppen verfügen und nicht besonders stark ökonomisch ausgerichtet sind. Aber es reicht nicht, der Trennung von Stadt- und Umweltpolitik durch wohlfeile Forderungen nach einer Integration zu begegnen.

Notwendig ist:

  • fachspezifische Förderungen mehrdimensional aufzustellen. So könnte bei jeder Fördermaßnahme im Baubereich – für einen bestimmten Zeitraum – ein ökologischer und ein sozialer Gewinn verlangt werden. Hilfreich sind "einfache Kriterien" wie: Wie sieht das Projekt in 20 Jahren aus? Wird die Umweltsituation verbessert oder verschlechtert? Führt das Projekt zu mehr oder weniger Gerechtigkeit?
  • eine neue Debattenkultur zu verankern. Dabei geht es nicht um verfeinerte Ziele oder höhere Ansprüche, sondern um den Diskurs über Gemeinsamkeiten und Unterschiede auf der Ebene von Visionen und Leitbildern.
  • systematisch nach Innovationen zu suchen. Neue Sichtweisen entstehen selten im "Kernbereich", sondern in der Überschreitung von Grenzen der Fachdisziplinen. Sowohl der Umwelt- auch der Stadtbereich verfügen über ein breites (und vermutlich einmaliges) Spektrum an universitären und außeruniversitären Forschungs- und Managementeinrichtungen, die in einer Forschungsdekade in einen wettbewerblichen Zusammenhang gestellt werden können – für eine systematische Suche nach Verbindungen zu Ökonomie und Technologie (Digitalisierung), sozialer Integration, Energiewende und Mobilitätswende.
  • Städte zu Motoren einer sozial-ökologischen Transformation zu machen. Es geht darum, die Wirtlichkeit und Lebensqualität der europäischen Stadt durch mehr Demokratie, soziale Empathie und ökologische Verträglichkeit zu bewahren.

Die Verbindung von Stadt- und Umweltpolitik kann zu einem großen gestalterischen Projekt werden, zumal die eher egalitären Aspekte des städtischen Lebens gute soziologische und physikalische Voraussetzungen für den schonenden Umgang mit natürlichen Ressourcen und die Verminderung des CO₂-Ausstoßes bieten. Im gemeinsamen Interesse liegt es, den Herausforderungen – soziale Gerechtigkeit, Energiewende, neue Mobilitätsformen, Schutz der Biodiversität und des Klimas – mit einer ganzheitlichen Vision des menschlichen Fortschritts gerecht zu werden. Dafür muss dem öffentlichen Wohl die Priorität eingeräumt werden.

Fest steht: Kooperationen entstehen vor allem in kleinen Projekten. Sie müssen wachsen. Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren. Es lohnt sich anzufangen.

BildÖkologisch und sozial durchdacht? Siedlung Sun Lakes im US-Bundesstaat Arizona. (Foto: US Geological Survey/Google Earth View)

Ulrich Hatzfeld leitet die Unterabteilung Grundsatzangelegenheiten und planungsrelevante Rechtsetzung im Bundesumweltministerium. Rund 20 Jahre lang war er selbstständiger Stadtplaner