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Heft 12: Stadtökologie

Die Städte wachsen und mit ihnen die sozialen und ökologischen Probleme. Werden die Metropolen zum Ground Zero der Moderne oder zum Vorreiter des Wandels?
Das Heft als PDF (1,3 MB) – Oktober 2016
Die Infografik als PDF (35 MB)

Heft 12: Stadtökologie

Drei Fragen zur Stadtökologie

Städte haben nicht nur Probleme, sie sind auch der Ort, an dem sich Lösungen finden lassen, sagen der frühere nordrhein-westfälische Stadtentwicklungsminister Christoph Zöpel und der Berliner Regionalplaner und Professor für Stadtentwicklung Martin zur Nedden. Auch die neue Aufgabe, Motor ökologischer Prozesse zu sein, können sie bewältigen.

Herr Zöpel, Herr zur Nedden, welche Rolle kommt der Stadtentwicklung im Anthropozän zu? Brauchen wir – wie zu Beginn des letzten Jahrhunderts – neue, utopische Ideen von Urbanität?

Christoph Zoepel 2014Christoph Zöpel: Die Vorstellung vom Anthropozän macht nur Sinn aus einer globalen evolutorischen Sicht. Dann begann es mit dem Abschluss der Besiedelung der gesamten Erde durch Menschen – als einzigem Säugetier – vor etwa 10.000 Jahren und wurde ökologisch bedeutsam mit dem Anstieg der Weltbevölkerung seit 1945 von 2,5 Milliarden auf heute über sieben Milliarden. Die Größe der Weltbevölkerung macht Urbanisierung – das heißt Leben in verdichteten Räumen – zu einer global alternativlosen Entwicklung.

Utopistische Ideen von Urbanität zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren eine Erscheinung in Europa, wo der Anstieg der Bevölkerung begann, als erste Antwort auf die siedlungsräumlichen Schäden durch die Industrialisierung. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts sind soziale Ungleichheit überwindende Konzepte der Urbanisierung dringend erforderlich für Regionen in Asien, Südamerika und vor allem in Afrika.

portrait zur nedden credit difu.deMartin zur Nedden: Utopische Ideen haben immer wichtige Impulse für die Zukunft der Städte geliefert. Als Beispiel genannt seien die Utopisten, die Paternalisten oder die Idee der Gartenstadt aus der Zeit der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert. Solche Impulse brauchen wir auch jetzt.

Angesichts des Zeit- und Handlungsdrucks durch die drängenden Herausforderungen wie Klimawandel und Klimaanpassung, soziale Segregation, die Integration von Zuwanderern oder die Digitalisierung unseres Lebens brauchen wir aber genauso konkrete Handlungsstrategien, wenn die notwendige Transformation der Städte gelingen soll.

Kann die Stadt, in der sich soziale und ökologische Probleme bündeln, zum Vorreiter einer Transformation zur Nachhaltigkeit werden?

Martin zur Nedden: Städte waren im Laufe ihrer Geschichte immer die Motoren gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Prozesse. Die Aufgabe, auch Motor ökologischer Prozesse zu sein, ist verhältnismäßig neu, aber bewältigbar. Zwar sind sie zum Beispiel durch ihren Anteil am globalen CO₂-Ausstoß wesentliche Mitverursacher der Erderwärmung, haben aber gleichzeitig erhebliche Potenziale, unter anderem durch ihre Kompaktheit und Bevölkerungsdichte, ein wesentlicher Teil der Problemlösung zu sein.

Voraussetzung sind integrierte Konzepte, die ökonomische, ökologische, soziale und kulturelle Belange miteinander in Beziehung setzen und bei Zielkonflikten sorgfältig zueinander abwägen.

Christoph Zöpel: Schon immer sind soziale Probleme in Städten eher lösbar gewesen als in agrarisch-ländlichen Räumen. In Städten werden soziale Probleme erkannt und bleiben nicht verdeckt – das ist der dauerhafte Gehalt von Max Webers Erkenntnis, dass Stadtluft frei macht. Auch ökologische Probleme sind eher in wenig besiedelten Räumen entstanden – etwa die großflächigen Rodungen seit dem Altertum. Die heutigen globalen ökologischen Probleme – Ressourcenverbrauch, Klimagefährdungen – sind Folge des Bevölkerungsanstiegs. Urbane Lebensverhältnisse haben seit mehreren tausend Jahren wissenschaftliche Innovationen möglich gemacht. Sie müssen heute auf Energie und Ressourcen sparende Produktionsweisen konzentriert werden.

Wie muss die urbane Infrastruktur der Zukunft aussehen?

Christoph Zöpel: Das größte Problem urbaner Infrastruktur ist Energie und Raum fressende individuelle Mobilität. Sie ist zu verhindern. Das gilt in den Megastädten außerhalb Europas dringender als hier. Zur Infrastruktur gehört dann eine Bebauung, die kulturelle Identität und soziale Konfliktvermeidung ermöglicht.

Martin zur Nedden: Ziel muss eine Infrastruktur sein, die unterschiedlichen Systeme integriert beziehungsweise multifunktional ist. Sie muss resistent sein und das Ziel der Suffizienz – also Genügsamkeit und Selbstbegrenzung – unterstützen. Sie sollte tendenziell modular aufgebaut sein mit einem nennenswerten Anteil dezentraler Erzeugungseinheiten. Damit verbunden sind wachsende Chancen kleinräumig differenzierter und somit an lokale Erfordernisse angepasster, flexibler Strukturen, auch im Eigentümerbereich. Die Digitalisierung kann eine Unterstützungsfunktion erfüllen, ohne dass die Privatsphäre der Bewohner und Bewohnerinnen gefährdet wird.

Naphat Pradubsri
Die Größe der Weltbevölkerung macht Urbanisierung zu einer alternativlosen Entwicklung: Wolkenkratzer und Hütten in Bangkok. (Foto: Naphat Pradubsri; Porträtfoto Christoph Zöpel: Stagiaire MGIMO/Wikimedia Commons; Porträtfoto Martin zur Nedden: Difu)

Christoph Zöpel war bis 1990 Minister für Stadtentwicklung in Nordrhein-Westfalen, danach Bundestagsabgeordneter bis 2005. Er ist Mitglied im SPD-Bundesvorstand.

Martin zur Nedden ist Professor für Stadtentwicklung und Regionalplanung an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig und Leiter des Deutschen Instituts für Urbanistik in Berlin

Interview: Susanne Götze