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Heft 12: Stadtökologie

Die Städte wachsen und mit ihnen die sozialen und ökologischen Probleme. Werden die Metropolen zum Ground Zero der Moderne oder zum Vorreiter des Wandels?
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Heft 12: Stadtökologie

Editorial

Ist die europäische Stadt mit ihrer Idee von Demokratie und Fortschritt ein überholter Entwurf? Können nachhaltige Städte zu Foren demokratischer Auseinandersetzung werden? Für die Stadt als Vorreiter der sozial-ökologischen Transformation fehlen bisher die politischen Konzepte.

Text: Michael Müller

Der große Umzug hat längst begonnen. Das 21. Jahrhundert wird ein Jahrhundert der Städte. Nach Schätzungen der UNO wird sich die Stadtbevölkerung durch Wachstum, Zuzug und Migration von heute knapp vier Milliarden auf 6,5 Milliarden Menschen im Jahr 2050 erhöhen. Die Städte spiegeln die Herausforderungen unserer Gesellschaften wider. Zunehmend auch die planetaren Grenzen, die in der geologischen Erdepoche des Anthropozäns überschritten werden.

Ist die Stadt dabei, sich zu Tode zu siegen? Werden die geballten sozialen und ökologischen Probleme unregierbarer Metropolen zum Ground Zero der Moderne? Die Gefahr besteht – durch das Wachstum der Slums, die Zunahme informeller Beschäftigung, die Privatisierung des öffentlichen Raums und abgeschottete kulturelle Parallelwelten. Durch Ausdehnung des städtischen Raums in die Region, Verdrängung des Wohnens aus den Innenstädten, starken Anstieg der CO₂-Emissionen und die forcierte Konzentration wirtschaftlicher Macht.

Oder können Städte zum Vorreiter der Transformation werden, wenn sie den sozialen Zusammenhalt bewahren, die natürlichen Lebensgrundlagen schützen und mehr Demokratie und Freiheit verwirklichen? In der Geschichte gingen immer wieder progressive Impulse von Städten aus. Heute stellt sich die Frage: Welches Modell von Stadt ist in der hoch urbanisierten Welt nachhaltig? Und wie muss eine Transformation aussehen, die dieses Ziel erreicht?

Die europäische Stadt steht für freie Bürger und republikanische Tugenden, für technischen Fortschritt, für Bildung und Kultur, für Durchlässigkeit, Aufstieg und Integration. Aber sie steht auch für chaotischen Verkehr, ungezügelten Flächenverbrauch, Müllberge und Klimawandel. Ebenso für die geballten Folgen sozialer Segregation und Separation nach Einkommen und ethnischer Herkunft.

Stadt ist aber nicht gleich Stadt. Polarisierungen gibt es auch hier. Unter dem ökonomischen Druck der globalisierten Wirtschaft veröden in den alten Industrieregionen die Innenstädte, werden die Stadtquartiere gentrifiziert, verfällt die Infrastruktur. In boomenden Zentren übernehmen internationale Investoren die City, zerlegen sie in immer neue Einkaufsmalls. Innerstädtisches Wohnen wird zum Luxus. Der städtische Begründungszusammenhang löst sich auf.

Ende oder Wende?

Ist die europäische Stadt "ein überholter Entwurf", wie der Sozialwissenschaftler Alain Touraine befürchtet? Wird sie zur "Stadt ohne Eigenschaften" – das vermuten Architekten wie Rem Koolhaas –, überall gleich wie der moderne Flughafen, die Fastfood-Ketten und Premiumautos oder wie Mode und Musik, allerdings je nach Einkommen und sozialer Schicht aufgespalten in S, M oder XL? Oder kann die "nachhaltige Stadt" zum Forum demokratischer Auseinandersetzung werden, das die republikanische Hoheit über die Städte zurückerobert?

Was ist eine nachhaltige Stadt? Dazu gehören Dekarbonisierung der Wirtschaft, Aufbau einer Kreislaufwirtschaft, Ende der Dominanz des motorisierten Individualverkehrs, qualitative Verdichtung der baulichen und räumlichen Quartiere, ökologisches Flächenmanagement, Überwindung von Armut und Abbau sozial-ökonomischer Disparitäten.

Doch zur urbanen Transformation gehören nicht nur technische Maßnahmen und neuer Städtebau. Wollen wir die Tragfähigkeit unseres Planeten einhalten, müssen wir den urbanen Raum auch – gegen die globale Ökonomie – für Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit nutzen und dem öffentlichen Wohl die Priorität vor dem privaten Reichtum einräumen.

In der europäischen Stadt, in der die Ideen von Demokratie und Fortschritt geboren wurden, müssen die Antworten weit über den Horizont des neoliberalen Kapitalismus hinausgehen. Bisher bleibt die Synthese zwischen Ökologie und Baukultur jedoch an der Oberfläche, auch in Deutschland, wo beides im Bundesumweltministerium vereint ist. Wo bleiben die politischen Konzepte?

Die Gartenstadt, eine grüne Mitte oder grüne Vorstädte wurzeln in sozialen und ökologischen Ideen. Warum nicht heute daran anknüpfen, auch damit die urbanen Räume wieder mehr an Bedeutung gewinnen?

BildWerden Städte in diesem Jahrhundert nachhaltig oder unregierbar? Der Pfeil auf der Weltklimakonferenz in Paris gibt die Richtung der notwendigen Transformation an. (Foto: Friederike Meier)

Michael Müller ist SPD-Politiker, ehemaliger Umweltstaatssekretär, Bundesvorsitzender der Naturfreunde und Mitherausgeber von klimaretter.info