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Heft 13: Ressourcen und Macht

Die Verfügbarkeit über Ressourcen bedeutet Macht. Für die beginnende große Transformation zu einer nachhaltigen Entwicklung braucht es Gegenmacht.
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Heft 13: Ressourcen und Macht

Hoher Preis fürs schwarze Gold

Südafrika lebt von seinem "schwarzen Gold". Farmer warnen, dass der Kohlebergbau gerade die fruchtbarsten Böden zerstört. Dass das Land damit langfristig seine Ernährungssicherheit auf Spiel setzt, kümmert die Regierung bislang nicht.

Text: Eva Mahnke

"Nichts von dem, was Sie jetzt hier sehen, wird in 20 Jahren noch da sein", sagt Gideon Anderson nüchtern und schlägt mit dem Arm einen weiten Bogen in Richtung der Felder ringsum. "Sämtliche Schürfrechte für dieses Land wurden bereits verteilt."

BildGideon Anderson (rechts) hatte aus der kleinen Farm seines Vaters einen florierenden landwirtschaftlichen Großbetrieb gemacht. (Foto: Eva Mahnke)

Anderson ist Farmer in Südafrika; seine Farm liegt zwischen den Städten Middelburg und Belfast in der Provinz Mpumalanga. Aus dieser Provinz kommt der Großteil der in Südafrika geförderten Kohle. Mehr als die Hälfte der Region ist dem "schwarzen Gold" schon zum Opfer gefallen oder es gibt Anträge auf Förderlizenzen. Südafrika ist der siebtgrößte Kohleförderer der Welt. Auch nach Deutschland wird die Steinkohle verschifft. Im vergangenen Jahr waren es fünf Millionen Tonnen.

Bis vor einem Jahr war Andersons südafrikanische Farm ein stattliches Anwesen. Geräumige Wirtschaftsgebäude, ein freundliches Wohnhaus, weite Rasenflächen und üppige Blumenrabatten – man sah auf den ersten Blick, dass die Geschäfte der Farm "Zonnebloem" gut gehen. Ende August musste Anderson das alles aufgeben.

Der wohlhabende Landwirt, der im großen Stil Mais und Sojabohnen anbaut, ist nicht freiwillig gegangen. Zehn Jahre lang hat er gekämpft. Am Ende aber konnte sich der kräftige Mann mit den Stoppelhaaren nicht gegen den Schweizer Rohstoffkonzern Glencore durchsetzen. Der will die Kohle unter seinem Land zu Geld machen.

Praktisch alle in Deutschland tätigen Energiekonzerne – von Vattenfall über Eon, RWE und EnBW bis zur Steag – verbrennen auch südafrikanische Kohle. Damit tragen sie nicht nur dazu bei, dass Farmer wie Anderson vertrieben werden und sich das Klima aufheizt. Sie sorgen auch indirekt dafür, dass in Südafrika weniger Lebensmittel produziert werden.

Kohle unter den fruchtbarsten Böden

Denn mit jedem neuen Tagebau, der sich mit Bulldozern und Baggern in die Landschaft frisst, verdrängt die Kohle die Landwirtschaft ein Stückchen mehr. Gerade in Mpumalanga findet sich ein Teil der fruchtbarsten Böden Südafrikas. "Die Ironie ist: Wo immer es guten Boden gibt, gibt es Kohle", sagt Anderson, der sich als Landwirt damit bestens auskennt. "Ohne Bodenproben zu nehmen, kann ich Ihnen genau sagen, wo die Kohlefelder beginnen und wo sie enden." Wo immer Kohle gefunden wird: Das Rohstoffministerium genehmigt die Förderanträge fast ausnahmslos.

Wenn die Rohstoffkonzerne anrücken, bleibt Farmern wie Anderson nichts anderes übrig, als sich auf dem heiß umkämpften Bodenmarkt neues Land zu kaufen. Der schwere, gute Boden von Andersons früherem Land ist unwiederbringlich verloren – trotz der Bemühungen um Rekultivierung, zu denen die Grubenbetreiber verpflichtet sind. Die schieben den Mutterboden zur Seite, bevor sie die Kohle aus dem Untergrund sprengen. Später wird das Erdreich auf den wieder zugeschütteten Gruben glatt gewalzt, bevor es mit Gras bepflanzt wird.

BildDas "schwarze Gold" aus Südafrika – hier in der Mine Wonderfontein in Mpumalanga – landet auch in deutschen Kohlekraftwerken. (Foto: Eva Mahnke)

Aber der Schein trügt. Der Experte weiß, dass sich dann unter dem saftigen Gras unfruchtbare Einöde versteckt.

Bergbau zerstört Wasserhaushalt

"Das wiederhergestellte Land ist ästhetisch akzeptabel, aber in Bezug auf die Artenvielfalt und die Qualität der Böden eine Wüste", sagt Koos Pretorius. Der Besitzer einer Kirschplantage kämpft nicht nur gegen den Verlust seines Landes, sondern warnt als Vertreter der Umweltorganisation Federation for a Sustainable Environment schon seit Jahren vor den verheerenden Auswirkungen der Kohleförderung: Eindringendes Wasser führt im aufgebrochenen Gestein des Untergrunds zu chemischen Reaktionen, die das Wasser versauern lassen. Dieses Wasser wiederum löst Schwermetalle aus dem Gestein. Gelöste Salze steigen an die Oberfläche und verschlechtern die Bodenqualität immer weiter.

Zudem verändert der Bergbau die ursprüngliche Bodenstruktur. "Sie wird so zerstört, dass der Boden das Wasser nicht mehr halten kann", erklärt Pretorius. "Es fließt einfach ab und nichts bleibt, um die Pflanzen zu versorgen." Die Bergbaukonzerne behaupten zwar, dass man auf dem rekultivierten Land wieder Landwirtschaft betreiben könne. Das ist aber nur die halbe Wahrheit.

Zwar kann man etwa Mais anbauen, aber der Ertrag ist um ein Vielfaches geringer. Auf den ursprünglichen Böden ernten die Farmer durchschnittlich neun Tonnen Mais pro Hektar; auf dem rekultivierten Land ehemaliger Kohlegruben sind es gerade noch 2,5 Tonnen. "So rechnet sich der Anbau für uns Landwirte nicht", sagt Anderson. Deshalb liegen die rekultivierten Flächen meist brach.

Gerade beim Mais könnte der fortlaufende Verlust der Böden die Nahrungsmittelpreise künftig drastisch steigen lassen. Aus Mpumalanga kommt durchschnittlich ein knappes Viertel der gesamten südafrikanischen Ernte. In einem trockenen Jahr ist es sogar mehr als die Hälfte.

Bislang deckt Südafrika seinen Bedarf an Mais fast vollständig selbst. "Wenn die Ernte nicht mehr ausreicht, wird Südafrika Mais bald teuer importieren müssen", sagt Landwirtschaftsexperte Pretorius. Darunter werden vor allem die Ärmeren im Land leiden, für die Mais ein wichtiges Grundnahrungsmittel ist.

Regierung unbeeindruckt vom Protest

Die Kohleförderung gefährdet die Landwirtschaft sogar über die eigentlichen Abbauflächen hinaus. Denn das durch den Bergbau versauerte Wasser bahnt sich seinen Weg durch Grundwasserleiter, durch Bäche und Flüsse. Wo immer es hingelangt, reduziert es die Artenvielfalt, bringt giftige Schwermetalle mit und hinterlässt hässliche Salzkrusten.

Mittlerweile ist etwa der Stausee Loskop Dam so verschmutzt, dass Bauern, die ihn für die Bewässerung ihrer Felder nutzen, Gefahr laufen, ein wichtiges Gütesiegel für den Export von Obst und Gemüse zu verlieren. "Diejenigen, die das Siegel ausstellen, wollen das Wasser nicht mehr als sicher anerkennen", sagt Pretorius.

BildKohle sammeln in der alten Mine hinter dem Haus: So versorgen sich die Bewohner der Siedlung MSN Community in Mpumalanga mit Brennstoff zum Kochen und Heizen. (Foto: Eva Mahnke)

Dass viele Farmer gegen den Verlust ihres Landes klagen und immer wieder auf die Gefahr für Böden und Wasser hinweisen, beeindruckt die zuständigen Ministerien bislang nicht. Dennoch will Koos Pretorius weiterkämpfen. Gideon Anderson aber hat bereits verloren. Übrig bleiben wird von seiner Farm nur der Name. Nach ihr wird das neue Loch in der Landschaft benannt: "Sonnenblumen-Mine".