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Heft 13: Ressourcen und Macht

Die Verfügbarkeit über Ressourcen bedeutet Macht. Für die beginnende große Transformation zu einer nachhaltigen Entwicklung braucht es Gegenmacht.
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Heft 13: Ressourcen und Macht

Wege in die Rohstoffwende

Mit einem passgenauen wissenschaftlichen Konzept und politischem Willen soll eine andere Rohstoffwirtschaft in Deutschland möglich werden.

Text: Matthias Buchert und Stefanie Degreif

Das Wissen haben wir: Wie viel Quecksilber gelangt jedes Jahr durch den illegalen Goldabbau in das peruanische Amazonasgebiet? Rund 40 Tonnen. Wie viel Treibhausgasemissionen verursacht die weltweite Stahl- und Zementproduktion? 5,7 Milliarden Tonnen CO2-Äquivalent, etwa das Sechsfache des Ausstoßes der Bundesrepublik. Wie viele Kinder arbeiten in südkongolesischen Minen? Rund 40.000 nach Schätzungen des UN-Kinderhilfswerks Unicef.

Seit Jahrzehnten sind die Beispiele der negativen ökologischen und sozialen Folgen der Primärgewinnung von Rohstoffen bekannt. Uns ist auch bewusst, dass wir ein Baustein im globalen Kreislauf sind, decken doch die weltweiten Abbau- und Verarbeitungsaktivitäten auch die Nachfrage eines Industrielandes wie Deutschland. Und klar ist: So wie bisher kann Deutschland nicht weitermachen, notwendig ist eine langfristig angelegte Rohstoffwende.

Konzept für Rohstoffwende bis 2049

Das Öko-Institut in Darmstadt hat nun einen Vorschlag zu einer langfristigen Strategie für eine nachhaltige Rohstoffwirtschaft für Deutschland entwickelt und auf seiner Jahrestagung Anfang Dezember 2016 mit Fachleuten aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft diskutiert. Die zentrale Annahme ist, dass die Bandbreite der weltweit im Einsatz befindlichen Rohstoffe nach passgenauen und rohstoffspezifischen Zielen und Maßnahmen verlangt. Diese müssen konkret auf die jeweiligen Problemlagen der Rohstoffgruppen zugeschnitten sein. Nur so können die ökologischen und sozialen Probleme bei Abbau, Verwendung und Entsorgung der Materialien verringert werden. Und nur so können Verbraucher und Industrie von einer ethisch und ökologisch nachhaltigen Rohstoffnutzung profitieren.

Das Forschungsteam teilte das analysierte Set aus 75 Rohstoffen in zwei Gruppen ein: Sogenannte Massenrohstoffe mit einem jährlichen Bedarf von mehr als 100.000 Tonnen in Deutschland und Nicht-Massenrohstoffe mit einem geringeren Bedarf. Jede der beiden Gruppen wiederum wurde in sechs Cluster unterteilt. Die Cluster fassen Rohstoffe zusammen, die ähnliche Merkmale haben oder gemeinsame Risiken aufweisen. Für jedes dieser Cluster wurden schließlich in zwei Szenarien – dem Business-as-usual- und dem Rohstoffwende-Szenario – die Potenziale für eine Rohstoffwende bis 2049 mit einem Bündel an politischen Zielen und Maßnahmen beschrieben.

Heimische Baurohstoffe schonen

So enthält etwa das Cluster "heimische Baurohstoffe" Kies, Sand, Naturstein und Ton. Sie alle werden aus natürlichen Vorkommen in Deutschland gefördert, was vor allem Flächen in Anspruch nimmt. Die Detailanalyse des Rohstoffs Kies macht deutlich, dass für eine Rohstoffwende der Bedarf dieses heimischen Primärbaustoffs deutlich sinken muss. Der Abbau in Kiesgruben nimmt viel Fläche in Anspruch und zerstört intakte Landschaften und damit Lebensräume für Tiere und Pflanzen. Das "Rohstoffwendeszenario" nimmt deshalb an, dass durch eine längere Nutzung von Bestandsgebäuden durch vorausschauende Sanierung der Neubaubedarf zurückgeht. Zusätzlich soll bei der Errichtung neuer Bauten mehr Sekundärmaterial, also etwa Betonbruch als Kiesersatz, verwendet werden.

Konkret schlägt die Forschungsgruppe vor, die jährlichen Sanierungsraten bis zum Jahr 2049 auf ein statt heute 0,8 Prozent für gewerbliche Immobilien und auf drei statt heute einem Prozent für Wohnhäuser zu erhöhen. Dies kann den jährlichen Bedarf an Ton, Naturstein und Sand um mindestens 20 Prozent bis 2049 und an Kies sogar um bis zu 45 Prozent verringern. Um steuernd einzugreifen, wird vorgeschlagen, eine Primärbaustoffsteuer einzuführen. Sie soll Anreize schaffen, die Primärrohstoffvorkommen an Kies zu schonen und den Einsatz von Recyclingbaustoffen zu fördern.

Import-Regeln für seltene Erden

Im Gegensatz zu den Massenrohstoffen verlangt die Rohstoffwende für ein Technologiemetall wie Neodym, das zum Beispiel für Elektromotoren in E-Fahrzeugen eingesetzt wird, gänzlich andere Ziele und Maßnahmen. Neodym wird vollständig importiert. Es gibt neben dem Versorgungsrisiko sowie den Risiken der Korruption, der mangelnden Arbeitssicherheit und der Kinderarbeit vor allem sehr große Umweltrisiken: die radioaktiven Rückstände sowie die Schwermetalle bei der Primärgewinnung.

Deshalb liegt der Schwerpunkt einer Rohstoffwende-Strategie hier vor allem auf Maßnahmen in der Primärkette, die zertifiziertes Rohmaterial nach anspruchsvollen Kriterien im Blick haben. Zudem sollte der Einsatz von Sekundärmaterial von heute null auf 30 Prozent im Jahr 2049 erhöht werden. Nicht zuletzt sollte sich die Nutzungsdauer von Informations- und Kommunikationstechnik um 50 Prozent verlängern.

Das Gesamtkonzept für die Rohstoffwende mit langfristigen politischen Zielen und konkreten Maßnahmen will das Öko-Institut Anfang 2017 vorlegen.

BildElektroautos gelten als saubere Technik. Weniger bekannt ist, dass in den E-Motoren Neodym steckt, für das große Umwelt- und Menschenrechtsrisiken bestehen. (Foto: Eva Mahnke)

Matthias Buchert leitet den Institutsbereich Ressourcen und Mobilität am Darmstädter Öko-Institut, in dem auch Stefanie Degreif an wissenschaftlichen Lösungen zur Rohstoffwende arbeitet