heft13 cover

Heft 13: Ressourcen und Macht

Die Verfügbarkeit über Ressourcen bedeutet Macht. Für die beginnende große Transformation zu einer nachhaltigen Entwicklung braucht es Gegenmacht.
Das Heft als PDF (5 MB) – Dezember 2016
Die Infografik als PDF (5 MB)

Heft 13: Ressourcen und Macht

Drei Fragen zu Ressourcen und Macht

Sind die weltweiten Ressourcenprobleme überhaupt innerhalb der bestehenden Gesellschaftsordnung lösbar? Es antworten Kora Kristof, Leiterin der Grundsatzabteilung des Umweltbundesamtes, und Ugo Bardi, Professor für Chemie an der Universität Florenz und Autor des Club-of-Rome-Berichts zur Rohstoffsituation der Erde.

Frau Kristof, Herr Bardi, unser Umgang mit den stofflichen und energetischen Ressourcen ist strukturell nicht nachhaltig. Was sind heute und in Zukunft die zwei oder drei wichtigsten Ressourcen?

BildKora Kristof: "Widerstände sind wichtig für einen erfolgreichen Wandel." (Foto: gespraechstoff-ressourcen.de/BMUB)

Kora Kristof: Die Antwort mag überraschend klingen: die Human Resources, also das Wissen und Können der Menschen, und die nicht mehr genutzten fossilen Energieträger. Die Erklärung ist aber einfach.

Wir brauchen einerseits technische, soziale und politische Innovationen, um bei den jetzt notwendigen weitreichenden Transformationen erfolgreich zu sein. Der Weg in eine emissionsneutrale, ressourcenleichte, gerechte und nachhaltige Welt stellt uns vor große Herausforderungen. Es geht um den Umbau von Infrastrukturen und um grundlegend andere Produktions- und Konsummuster. Human Resources sind dabei für die Entwicklung der Innovationen und ihre erfolgreiche Einführung entscheidend.

Neben den Innovationen brauchen wir aber auch das Gegenteil: Exnovationen, um von den nicht nachhaltigen Praktiken wegzukommen. Der Strukturwandel – etwa beim Ausstieg aus den fossilen Energieträgern – muss aktiv gestaltet werden. Dafür müssen kluge gesellschaftlich und politisch tragfähige Transformationsansätze entwickelt werden.

Ugo Bardi: Mineralische Ressourcen haben sich in geologischen Prozessen innerhalb von Millionen – manchmal sogar Milliarden – Jahren gebildet. So gesehen scheint es keine Nachhaltigkeit im Bergbau zu geben. Für einen nachhaltigen Umgang mit Mineralien gibt es drei Grundsätze: Nutze, was zur Verfügung steht; nutze so wenig wie möglich; recycle so viel wie möglich.

Wendet man diese Prinzipien an, bedeutet das, dass wir ein komplett anderes Industriesystem als heute brauchen. Wir müssen lernen, wie wir weitermachen können, ohne die seltenen Ressourcen zu nutzen, die eigentlich nicht recycelt werden können. Das betrifft zum Beispiel wertvolle Metalle für die Katalyse, Indium, Tantal oder Gallium für elektronische Geräte.

Andere Mineralien mit einem vergleichsweise hohen Anteil in der Erdkruste können vergleichbare Funktionen erfüllen. Beispielsweise Aluminium und Magnesium für tragende Teile, Stahl für Werkzeuge, Aluminium als elektrischer Leiter, Silizium für Halbleiter. Mit diesen Materialien können wir das meiste herstellen, was für eine komplexe Industriegesellschaft gebraucht wird, die durch solare Energie versorgt wird. Allerdings müssen wir dafür unser Wirtschaftssystem umstellen.

Welche grundlegenden Probleme sind damit verbunden?

Kora Kristof: Für den Einstieg in neue und den Ausstieg aus alten Strukturen sind die bestehenden Machtstrukturen und ihre Veränderung ein wesentlicher Punkt, der oft über Erfolg oder Misserfolg bestimmt. Bei Widerständen die Initiative zu ergreifen ist dabei oft entscheidend.

Widerstände in Veränderungsprozessen sind für die meisten Menschen ein Ärgernis. Erfahrene "Change Agents" – Gestalter des Wandels – wissen aber, dass Widerstände ihnen helfen, bessere Lösungen für ihre Veränderungsideen zu finden und die Menschen mit ihren guten Ideen einzubinden.

Kurz gesagt: Widerstände sind wichtig für einen erfolgreichen Wandel. Viele Widerstände können für den Veränderungsprozess genutzt werden, wenn die Change Agents das Heft in die Hand nehmen. Dadurch lassen sich manchmal auch für die Interessenunterschiede, die am Ende ja bleiben, neue Lösungen finden.

BildUgo Bardi: "In der heutigen Zeit ist das grundlegende Kontrollelement das Geld." (Foto: Club of Rome/Youtube)

Ugo Bardi: Komplexe Systeme wie die menschliche Gesellschaft haben eigentlich keine "Probleme", sie haben vielmehr Antriebskräfte und Feedbacks.

Gegenwärtig sind die Hauptkräfte, die auf die menschliche Zivilisation einwirken, die Erschöpfung der Ressourcen und der Klimawandel. Beide stoßen das System aus dem Gleichgewicht. Die Menschen nehmen das als Problem wahr und sie glauben, dass die Lösung darin liegt, noch härter daran zu arbeiten, dass alles so bleibt, wie es ist. Aber das ist ein vergebliches Unterfangen.

Das System steuert auf einen "Kipppunkt" zu, an dem es sich in einen völlig anderen Systemzustand begeben wird. Derzeit können wir nicht sagen, wann dieser tipping point erreicht sein wird und was sich danach herausbilden wird. Aber der Übergang wird nicht unbedingt schmerzfrei vor sich gehen.

Was ist dabei (macht)politisch bestimmt? Was ist bei der Überwindung der Probleme politisch beeinflussbar – und wie?

Kora Kristof: "Nichts ist beständiger als der Wandel." Auf diese Regel können erfolgreiche Veränderungen bauen. Um sich nicht zu verzetteln, sollten sich Change Agents auf einige Punkte konzentrieren.

Sie sollten bestimmte Hotspots in den Mittelpunkt stellen, zum Beispiel nachhaltige Infrastrukturen und ihre Kopplung: Energie-, Verkehrs-, Wasser-, Informations- und Kommunikations-Infrastrukturen. Denn Infrastrukturen sind relativ dauerhaft und haben eine große Ressourcen- und Umweltwirkung.

Die Change Agents sollten Experimente unterstützen, etwa das Zusammenwachsen von Konsumenten und Produzenten zu sogenannten Prosumenten – zum Beispiel durch 3-D-Drucker, Digitalisierung oder neue Formen des Zusammenwohnens.

Sie sollten auch Zusammenhänge im Blick haben. So kann die Energiewende nur glücken, wenn gleichzeitig an der Ressourcenwende gearbeitet wird und soziale Aspekte berücksichtigt werden.

Die erwähnte Exnovation sollten sie bewusst begleiten, indem sie zum Beispiel die Initiative für einen Strukturwandel in Regionen mit starker Bindung an fossile Energieträger ergreifen. Und schließlich brauchen Veränderungsakteure neben Fachwissen auch Wissen zu den Erfolgsbedingungen von Veränderungsprozessen.

Ugo Bardi: In der heutigen Zeit ist das grundlegende Kontrollelement das Geld. Unsere Gesellschaft ist vielleicht die am stärksten monetarisierte in der Geschichte. Das Finanzsystem spielt eine so überragende Rolle, dass die grundlegende politische Steuerung der Gesellschaft nicht mehr gewährleistet ist.

Das Kontrollsystem des Geldes gewinnt immer mehr Macht über die Gesellschaft. Es ist wirklich mächtig, aber es hat auch gigantische Probleme: Geld besitzt keine Intelligenz und hat keine Fähigkeit zur Vorausschau. Außerdem ist es instabil und expandiert ständig. Finanzkrisen und der Kollaps des Finanzsystems sind das Ergebnis der exzessiven Akkumulation von Geld.

Es ist sicher möglich, komplexe Gesellschaften mit anderen Methoden als Geld zu managen, aber davon sind wir noch weit entfernt. Die Dinge ändern sich jedoch ständig und die Zukunft hält immer Überraschungen bereit. Was wir noch erleben werden, wird uns sicher überraschen.

Die Volkswirtin und Nachhaltigkeitsexpertin Kora Kristof leitet seit 2011 die Grundsatzabteilung des Umweltbundesamtes. Ugo Bardi lehrt Chemie an der Universität Florenz und ist Mitglied des Club of Rome. Er verfasste den Club-of-Rome-Bericht 2013 zur Rohstoffsituation der Erde

Interview: Susanne Götze