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Heft 13: Ressourcen und Macht

Die Verfügbarkeit über Ressourcen bedeutet Macht. Für die beginnende große Transformation zu einer nachhaltigen Entwicklung braucht es Gegenmacht.
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Heft 13: Ressourcen und Macht

Editorial

Wer wirklich Klimaschutz will, muss sich mit den Interessen der Besitzer fossiler Ressourcen auseinandersetzen. Das hat mit Macht zu tun, denn für die Transformation zur Nachhaltigkeit braucht es Gegenmacht. Aber auch die neue Ökonomie kommt nicht ohne Ressourcen aus.

Text: Martin Held und Jörg Schindler

Die Verfügbarkeit über Ressourcen bedeutet Macht. Wer am Oberlauf eines Flusses sitzt, kann den Unterliegern das Wasser abgraben. Land mit fruchtbaren Böden war die Basis für das Aufblühen großer Städte. Reichhaltige Erzlagerstätten standen Pate beim Machtzuwachs aufsteigender Herrschergeschlechter ebenso wie beim Aufstieg von Handels- und Finanzimperien wie dem der Fugger. Kohle- und Stahlbarone wurden im Laufe der Industrialisierung geradezu sprichwörtlich.

Im englischen Begriff power ist die doppelte Bedeutung von Macht wie auch Energie und Kraft unmittelbar spürbar. Auf der Kehrseite wird Machtverlust ausgelöst durch den Verlust von Territorien und damit die Verfügung über deren Ressourcen, ebenso wie etwa durch das Versiegen von Ölquellen oder die Schließung von Minen, wenn die leichter zugänglichen und hoch angereicherten Minerale und Flöze erschöpft sind. All diese Beispiele machen den engen Zusammenhang von Ressourcen und Macht deutlich.

Diese Verbindung ist nicht einfach Geschichte, spiegelt nicht nur längst vergangene Zeiten, sondern wirkt bis auf den heutigen Tag und auch in Zukunft. Wer die Geschichte des Nahen Ostens, seine Zerrissenheit und die anhaltenden Kämpfe verstehen will, dem sei etwa das Buch des US-Militärhistorikers Geoffrey Wawro empfohlen: "Quicksand. America’s Pursuit of Power in the Middle East". Die Urgewalt, in der die beginnende Ausbeutung neu entdeckter Ölquellen sämtliche Lebensverhältnisse in Saudi-Arabien auf den Kopf stellte, die Gesellschaft komplett transformierte, hat Abdalrachman Munif in Romanen wie "Zeit der Saat" und "Salzstädte" literarisch verarbeitet.

Energiewende heißt nicht weniger Rohstoffverbrauch

In Zeiten von Virtualität und Digitalisierung sinkt vermeintlich die Bedeutung mineralischer Rohstoffe. Auch in Zeiten des Klimaschutzes seien sie nicht mehr so wichtig, da ja die fossilen Ressourcen, vor allem Öl und Kohle, ohnehin im Boden bleiben "müssen". Welch ein Irrtum.

Wer Klimaschutz mit der gebotenen Entschlossenheit betreiben will, der ist gut beraten, sich mit den Interessen der Besitzer der fossilen Ressourcen auseinanderzusetzen. Das hat mit Macht zu tun, denn für die beginnende große Transformation zu einer nachhaltigen Entwicklung braucht es Gegenmacht, um die Strukturen rasch zu verändern. Das Schauspiel des Einbremsens der Energiewende in Deutschland ist dieser Kräftekonstellation geschuldet. Wer die erneuerbaren Energien als Alternativen rasch und umfassend durchsetzen will – ein Muss für die Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft –, der sollte genauer verstehen, wie sich die Verfügbarkeit und Zugänglichkeit von Kohle, Erdöl und Erdgas entwickeln, und er sollte auch die Verwendungszusammenhänge verstehen und damit die technischen, wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen ihrer Änderbarkeit. Auch hier ist Macht ein wesentlicher Aspekt.

Der Beitrag von Martin Jänicke über Kohle in China lehrt noch etwas anderes: Klimaschutz braucht starke Verbündete. China in seiner rasenden nachholenden Entwicklung der Nichtnachhaltigkeit verbraucht als einzelnes Land inzwischen mehr Kohle als die gesamte restliche Welt. Die Folgen des Erfolgs werden zunehmend zum Problem: Die heimische Kohleförderung stößt an Grenzen; trotz hoher Eigenförderung nehmen die Kohleimporte zu, viele Städte und Regionen leiden über weite Teile des Jahres an einer kaum noch erträglichen Luftverschmutzung. Das – neben weiteren industriepolitischen Erwägungen – hat die chinesische Führung vor vier Jahren zu einem radikalen Umsteuern veranlasst. Die politische Vorgabe, den Vorrang der Kohle zu beenden, hat mittlerweile zu einem Rückgang des Kohleverbrauchs geführt. Diese veränderte Motivlage, bei der das Weltklima gerade nicht im Vordergrund stand, brachte China zum Einlenken bei den Klimaverhandlungen und war die Voraussetzung für den Erfolg des Pariser Klimagipfels. Für den Klimaschutz ist das eine entscheidende Entwicklung, die verstanden und beachtet sein will.

Verschwendung der Metalle stoppen

Nicht anders verhält es sich mit den stofflichen Voraussetzungen der Energiewende und der Digitalisierung. Letztere ist keine virtuelle Entwicklung hin zu einer Dematerialisierung, ganz im Gegenteil: Die Aufregung über das damalige Quasimonopol Chinas bei der Förderung seltener Erden in den Jahren um 2010 war nur ein erstes Vorzeichen. Trotz zaghafter Ansätze zu Recycling bei einigen wenigen Materialien geht die Verschwendung und Dissipation der Metalle in rasender Eile weiter. Im englischen Begriff dissipation steckt wiederum der Schlüssel zum Verständnis: Er bedeutet verbreiten, zerstreuen ebenso wie verschwenden.

Die Digitalisierung ist nicht virtuell. Die Entdeckung des Periodensystems 1869 und das zunehmende Verständnis der Nutzungen, die die verschiedenen chemischen Elemente ermöglichen, schufen die Voraussetzung für die Digitalisierung und ebenso für die Energiewende. Vier von fünf Elementen des Periodensystems sind Metalle oder Halbmetalle. Wurden im Lauf der Geschichte davon vielleicht zehn bis 15 verwendet, sind es jetzt nahezu alle: Wir befinden uns am Beginn des all metals age. Der geeignete deutschsprachige Begriff dafür ist erst noch zu finden.

Die beginnende große sozial-ökologische Transformation zu einer nachhaltigen Entwicklung hält eine doppelte Aufgabe bereit: Erstens ist die Abhängigkeit vom fossilen Trio rasch abzubauen, beginnend mit Öl und Kohle. Bei der bisherigen starken Dominanz des Erdöls im Verkehrssektor ist das eine gewaltige Aufgabe. Und gemessen an den realen Abläufen steht dafür nicht viel Zeit zur Verfügung.

Zweitens ist die Verschwendung der Rohstoffe zu beenden, die die stofflichen Voraussetzungen der Transformation bilden. Diese Verschwendung ist eine Erbschaft aus der fossilen Prägung des industriellen Zeitalters. Sie läuft dem Ziel einer Transformation in Richtung Nachhaltigkeit diametral entgegen. Die Rede von peak everything – als Steigerung von peak oil – hilft da gar nicht und führt in die Irre. Metalle sind nach ihrem Gebrauch ja noch da. Es gilt, ihren wachsenden Verbrauch – getrieben durch eine immer noch mehr beschleunigte Zerstreuung (Dissipation) – zu reduzieren und endlich die Stoffwende als Baustein der großen Transformation anzustoßen: Metalle nicht mehr verbrauchen, sondern gebrauchen. Dazu kann auch beitragen, die "Metalle der Hoffnung" zu verstehen und damit klug umzugehen.

BildWer über einen Rohstoff verfügen darf, ist eine zentrale Machtfrage: Ölkatastrophe im Niger-Delta, wo Bevölkerung und Natur für die Profite des europäischen Shell-Konzerns und der kleinen nigerianischen Oberschicht bezahlen. (Foto: Sosialistisk Ungdom/Flickr)