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Heft 9: Mobilität

Nur wenn sich unsere Mobilität grundlegend ändert, können wir den Klimawandel stoppen und lebendige Städte schaffen, in denen die Bedürfnisse der Menschen und nicht der Autos die Hauptrolle spielen.
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Heft 9: Mobilität

Parkplätze mit Lifestyle

Die große Zeit der Autokritiker ist vorbei, doch sie haben Nachwuchs. Statt mit Bürgerinitiativen läuft der Protest heute dezentral übers Internet. "Die junge Generation ist auf dem richtigen Trip", sagt ein kritischer Verkehrsforscher, "und sie ist von ganz alleine darauf gekommen."

Text: Joachim Wille

Park statt Parkplatz: Jedes Jahr am dritten Freitag im September wird der "Park(ing) Day" begangen. Wo normalerweise Pkw stehen, rollen Umweltschützer, Künstlerinnen und Anwohner Kunstrasen aus, richten Sitzecken ein oder stellen dort ihre Fahrräder ab. Und das durchaus legal, denn dazu haben sie meist ganz normal ein Parkticket gelöst.

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So schön könnten Parkplätze sein: Die Parking-Day-Aktivisten wollen die Stadt wieder zum Leben erwecken. (Foto: Tom Hilton/Flickr)

Schätzungsweise in tausend Städten weltweit hat es auch dieses Jahr solche Aktionen gegeben. Ziel der Aktion, die ein Künstlerkollektiv in San Francisco vor zehn Jahren ins Leben rief: zu zeigen, welche Platzverschwendung es bedeutet, Flächen für Fahrzeuge zu reservieren, die eigentlich im Schnitt 22 bis 23 Stunden am Tag "Stehzeuge" sind. Platz, der auch fürs "Chillen" genutzt werden könne, argumentierten die Künstler, für das Spielen von Kindern oder für mehr Grün in der Stadt.

Wie jedes zweite Jahr fiel der "Park(ing) Day" auch 2015 in die Zeit der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA). Die Diskrepanz könnte größer nicht sein. Während das Frankfurter PS-Mekka um die 900.000 Autofans anlockt, dürften sich an der Anti-Parkplatz-Aktion in Deutschland allenfalls ein paar hundert Aktivisten beteiligt haben.

Ein Sinnbild dafür, dass der Siegeszug des Automobils praktisch ungebremst ist. Die Pkw-Zulassungszahlen in Deutschland explodierten binnen 50 Jahren von unter fünf Millionen auf heute über 44 Millionen, und weiterhin werden trotz stagnierender Bevölkerungszahlen pro Tag zig Hektar Fläche für neue Straßen und Autobahnen betoniert und asphaltiert.

Die alten BI-Zeiten sind vorbei

Park(ing) Day hin oder her – die Zeiten, in denen Anti-Straßenbau-BIs wie Pilze aus dem Boden schossen und die Kritik am Auto als Waldkiller, Lärmmaschine und Unfallverursacher Nummer eins fast mehrheitsfähig war, sind vorbei.

Rückblick: Die Hochzeit des Protests waren die 1970er und 1980er Jahre, die Zeiten des Asphaltbooms in Deutschland. Jahr für Jahr flossen immer mehr Investitionen in Straßenbauprojekte. Ein Programm für Stadtautobahnen wurde aufgelegt – das fachte die Proteste an.

Heiner Monheim, Professor für Verkehrsforschung in Trier, erinnert sich: "Es gab fast in jeder Stadt viele Betroffene – durch drohende Verlärmung, Verlust von Grünzonen, Grundstücksabtretungen, Enteignungen oder Entmietungen. Kein Wunder, dass die Leute auf die Barrikaden gingen." Immer mehr Verkehrs-Bürgerinitiativen entstanden, zeitweise waren es bundesweit 3000. Monheim: "Spätestens ab Ende der 70er Jahre gab es kaum noch ein Straßenprojekt, gegen das nicht heftiger Bürgerprotest aufkam."

Jugend protestiert anders

Diese Aufbruchszeiten sind lange vorbei. Zwar gibt es noch immer mehrere hundert aktive BIs, die vom "Arbeitskreis Verkehr und Umwelt" koordiniert werden und deren Mitglieder sich alle zwei Jahre zu einem bundesweiten Kongress treffen. Auch der Verkehrsclub VCD wird in der politischen Debatte über CO2-Grenzwerte, Feinstaub oder Umweltzonen durchaus wahrgenommen. Doch die Hoffnung seiner Gründer, dank des Schwungs der Bewegung eine "echte Konkurrenz zum ADAC" zu werden, erfüllte sich nicht. Der VCD hat heute rund 60.000 Mitglieder, der ADAC trotz diverser Skandale immer noch über 16 Millionen.

Doch Monheim, inzwischen emeritiert, aber weiter aktiv, hat noch Hoffnung: "Die junge Generation ist auf dem richtigen Trip – und sie ist von ganz alleine darauf gekommen", sagt er. Doch es gebe einen großen Unterschied zur alten autokritischen Bewegung. "Die meisten von ihnen haben keine Lust, sich in BIs und Verbänden zu organisieren."

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Selten gewordene Protestform: Demonstration gegen die Verlängerung der Berliner Stadtautobahn 2010. (Foto: Hanno Böck)

Bernd Herzog-Schlagk, alter BI-Kämpe vom AK Verkehr Berlin, sieht das etwas anders. Er weiß zwar auch, dass bei den Initiativen die Grauhaarigen dominieren und die mittlere Generation fehlt. Doch zunehmend machten wieder junge Leute mit, sagt er, vor allem Studenten. Wahrscheinlich die vom Park(ing) Day.