Ausgabe 9 Cover

Heft 9: Mobilität

Nur wenn sich unsere Mobilität grundlegend ändert, können wir den Klimawandel stoppen und lebendige Städte schaffen, in denen die Bedürfnisse der Menschen und nicht der Autos die Hauptrolle spielen.
Das Heft als PDF (30,5 MB)

Heft 9: Mobilität

Klimaschutz mit einem Wisch

Klimafreundlicher reisen per Smartphone-App, das versprechen einige Entwickler. Das Prinzip ist belohnen statt bestrafen. Doch was das reale Verkehrssystem nicht hergibt, können auch die digitalen Helfer nicht richten.

Text: Susanne Schwarz

Es geht um das Leben auf der schnellen Spur. Um Flexibilität, um Fahrspaß, um Komfort. Nur eins ist das ständige Autofahren nicht: umwelt- und klimafreundlich. Manche Smartphone-Apps versprechen deshalb, Autofahrer von Bus, Bahn und Fahrrad zu überzeugen.

biker smartphone
Unser Bedürfnis nach Wettbewerb und Vergleichen mit anderen will "CO2 fit" in klimafreundliches Verhalten verwandeln. (Foto: changers.com)

Der App "CO2 fit" der Firma Blacksquared sollen Nutzer beispielsweise vor jedem Weg das gewählte Verkehrsmittel verraten – das Programm misst die zurückgelegte Strecke und errechnet die CO2-Emissionen im Vergleich zu einer Autofahrt. Wer sich klimafreundlicher als mit dem Auto bewegt, sammelt Bonuspunkte – und kann in einem Ranking nachvollziehen, wie er im Vergleich zu anderen abschneidet.

"Wir wollen spielerisch die Motivation zum Klimaschutz fördern", sagt Blacksquared-Chef Markus Schulz. Eine verlässliche Angabe, wie viel CO2 die Nutzer durch die App sparen, liefert diese freilich nicht. Schließlich kann das Programm nicht feststellen, ob für eine Strecke ohne seinen Einsatz überhaupt das Auto genutzt worden wäre. So genau will Schulz es aber nicht nehmen. "Es geht einfach darum, klimafreundliches Verhalten zu belohnen und Bewusstsein zu schaffen", erklärt er.

"CO2 fit" kann man kostenlos herunterladen. Das Blacksquared-Team verdient sein Geld damit, dass Unternehmen sich das Programm für ihre Mitarbeiter maßschneidern lassen.

Was wollen Nutzer wirklich wissen?

Andere Apps sollen die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel einfacher gestalten. "An vielen Stellen fehlen den Fahrgästen Informationen", erklärt Gregor Kolbe vom Verkehrsclub Deutschland (VCD). Apps könnten vor allem dabei helfen, Fahrplaninformationen geordnet auszugeben, meint Kolbe. Abgesehen von den Angeboten der Verkehrsunternehmen gibt es bereits unabhängige Apps, die das versuchen. Der Entwickler Andreas Schildbach bietet etwa sein Hobby-Projekt, die "Öffi-Fahrplanauskunft" für mehrere Länder, kostenlos an.

Das Projektteam Dimis forscht indes daran, wie eine App noch mehr Informationslücken schließen kann, die sich jenseits des bloßen Fahrplans auftun. So entwickeln die Forscher verschiedener Institute zusammen mit der Deutschen Bahn Kartenmaterial, das den App-Nutzer durch große Bahnhöfe leiten kann. "Gleichzeitig wollen wir aber auch herausfinden, wann im Reiseablauf die Leute eine App überhaupt nutzen", sagt Marc Schelewsky vom beteiligten Verkehrsforschungszentrum Innoz. "Wir wollen für jedes Bedürfnis das passende Verkehrsmittel und die nötigen Informationen liefern", so der Sozialwissenschaftler.

Die Dimis-App könnte auch verschiedene Verkehrsmittel einbinden – nicht nur den klassischen öffentlichen Verkehr, sondern auch Carsharing-Angebote oder den Fahrradverleih. Wie das fertige Produkt einmal aussehen wird, ist aber noch nicht klar. "Wir sind ein Forschungsprojekt: Das gibt uns den Raum zu experimentieren", meint Schelewsky.

Kein Ersatz für Information vor Ort

Neben der Entwicklung guter Apps muss aber auch weiter am Verkehrssystem geschliffen werden. "Es gibt ganz reale Hemmnisse, die viele davon abhalten, vom eigenen Auto auf den ÖPNV umzusteigen", erklärt VCD-Verkehrsexperte Kolbe. "In vielen Regionen fehlen Reisenden Hinweise, während sie unterwegs sind", so Kolbe. Die Funktionsweise von Ticketautomaten, der richtige Bahnhofsausgang zur nächsten Bushaltestelle oder im Fahrzeug selbst die Ansage der nächsten Umsteigemöglichkeiten – manche Informationen braucht man sofort, bevor man überhaupt zum Smartphone gegriffen hat. Vielerorts fehlen sie einfach, meint Kolbe.

Bild
Dank Handy-Apps kann man schnell vom Fahrrad in die S-Bahn und dann auf das Carsharing-Auto umsteigen. (Foto: Roman Drits/Barn Images)

Für Menschen, die im Prinzip auch ihr eigenes Auto nutzen könnten, sei auch der Komfort in Zügen und an Haltestellen wichtig. "So jemand steht nur einmal im Regen an der nicht überdachten Haltestelle, um dann in einen überfüllten Bus zu steigen", so Kolbe. "Man muss immer zweigleisig fahren, nur digital geht nicht."