Ausgabe 9 Cover

Heft 9: Mobilität

Nur wenn sich unsere Mobilität grundlegend ändert, können wir den Klimawandel stoppen und lebendige Städte schaffen, in denen die Bedürfnisse der Menschen und nicht der Autos die Hauptrolle spielen.
Das Heft als PDF (30,5 MB) – Dezember 2015

Heft 9: Mobilität

Protest als Sonntagsausflug

Critical Mass ist eine Aktionsform von Fahrradfahrern mit ganz eigenen Regeln. Die Mischung aus Fahrspaß, Gemeinschaftsgefühl und Selbstermächtigung zieht nicht nur Hardcore-Ökos an. In Berlin finden die Korsos regelmäßig statt, manchmal mit 50, machmal auch mit 3.000 Teilnehmern.

Text: Friederike Meier

Berlin, Brandenburger Tor. Ein sonniger Sonntagnachmittag im Herbst. Direkt vor dem Tor stehen fünf Menschen mit Fahrrädern, die fast in den vielen Touristen untergehen. Ob das die Critical Mass ist? "Hoffentlich werden wir eine, bis jetzt sind wir noch zu wenige", sagt ein älterer Herr in funktionaler Fahrradkleidung.

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Für viele steht bei der Critical Mass die Freunde am Fahren im Vordergrund. (Foto: tetedelacourse/Flickr)

Eine Critical Mass – auf Deutsch kritische Masse – ist eine Protestform, bei der viele Fahrradfahrer gemeinsam auf der Straße fahren, um gegen ihre "systematische Benachteiligung im Straßenverkehr und die Dominanz des motorisierten Verkehrs in den Städten" zu protestieren, wie auf der Webseite criticalmass-berlin.org zu lesen ist. Die erste "Critical Mass" fand vor mehr als 20 Jahren in San Francisco statt, in Deutschland gibt es die Events seit 1997.

"Critical Mass ist nichts anderes als ein Sonntagsausflug", sagt Bernd-Michael Paschke, der eine der beiden Webseiten betreut, auf denen in Berlin die Treffpunkte stehen. Er legt Wert darauf, dass er nicht der Organisator ist, sondern nur derjenige, der den Termin bekannt gibt. Auf Englisch wird Critical Mass auch als "organized coincidence", organisierter Zufall, bezeichnet.

Inzwischen, eine halbe Stunde nach dem angekündigten Start, haben sich "zufällig" ungefähr 150 Menschen mit Fahrrädern zusammengefunden. Wann geht es los? "Wenn irgendwer losfährt", sagt eine Teilnehmerin, die ihren Sohn auf dem Kindersitz dabeihat. Überhaupt sind die unterschiedlichsten Menschen gekommen: Alte und junge, manche mit klapprigen Stadtfahrrädern, andere mit gut ausgestatteten Touren- oder Liegerädern. Es gibt auch ausgefallene Accessoires wie laute Hupen oder Lichter an den Speichen, die beim Fahren ein Muster erzeugen.

Tun, was sonst nur Autofahrer dürfen

All diese Menschen setzen sich nun unter kollektivem Klingeln endlich in Bewegung. Los geht es in Richtung Westen auf die sechsspurige Straße des 17. Juni. Die Radfahrer fahren auf der rechten Fahrbahn. Laut Paragraf 27 der Straßenverkehrsordnung gilt eine Gruppe von mehr als 15 Radfahrern als Verband. Dann ist es erlaubt, zu zweit nebeneinander zu fahren. Außerdem darf ein Verband geschlossen Kreuzungen überqueren: Wenn die Ampel auf Rot springt, obwohl ein Teil der Gruppe sie noch nicht passiert hat, dürfen trotzdem alle fahren.

Das testet der Verband gleich am Großen Stern, dem Kreisel, in dessen Mitte die Siegessäule steht. Erste Autofahrer, die warten müssen, obwohl sie Grün haben, hupen – aber an diesem Sonntagnachmittag scheinen die meisten geduldig zu sein.

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Oft geht es erst mal durch den Berliner Tiergarten im Stadtzentrum, die weitere Route der Critical Mass steht aber weniger fest. (Foto: b3k/Flickr)

"Freitagabends ist das schon etwas anderes", erzählt einer der Teilnehmer. "Da kommen viel mehr Radfahrer und weil mehr Verkehr ist, sind die Autofahrer auch nicht so geduldig." Da komme es auch regelmäßig vor, dass die Gruppe von der Polizei begleitet wird. Heute zeigt sich nur ganz zu Beginn ein einzelnes Polizeiauto, das der Gruppe aber nicht folgt.

Wo es langgeht, weiß niemand. Diejenigen, die vorne fahren, entscheiden das ganz spontan. "Normalerweise machen wir das schon vorher aus", sagt Rami, der schon seit 2012 mitfährt. "Heute ist das aber tatsächlich Zufall." Es geht über breite Alleen, Autobahnzubringer und einen dreispurigen Kreisel in Richtung Volkspark Jungfernheide. Rami ist einer von denen, die immer wiederkommen, vor allem weil es Spaß macht, gemeinsam in einer großen Gruppe Fahrrad zu fahren. Außerdem lerne man immer wieder neue Gegenden von Berlin kennen.

In der Tat scheint der Spaß der Hauptgrund zu sein, mitzufahren: Auf der Fahrbahn fahren, was in vielen Straßen nur die Autos dürfen, und als gleichberechtigte Verkehrsteilnehmer wahrgenommen werden. Sich austauschen über die alltäglichen Probleme der Radfahrer. In der Tat sind Gespräche über Erlebnisse mit uneinsichtigen Autofahrern zu hören – aber auch über Radtouren ins Berliner Umland.

Deutlich machen, dass Radfahrer gleiche Rechte haben

Auf die Frage, ob Aktionen, die Autofahrer nerven, nicht die Fronten noch verhärten, antwortet eine Radlerin: "Die Autofahrer wissen oft gar nicht, dass es erlaubt ist, was wir hier machen." Man müsse den anderen Verkehrsteilnehmern klarmachen, dass Radfahrer gleichberechtigt sind. "Bei den Autokorsos nach Fußballspielen regt sich ja auch niemand auf", pflichtet ein anderer bei. "Wir sind eben ein Fahrradkorso." An lauen Sommerabenden finden sich auch schon mal 2.000 bis 3.000 Menschen zu einer kritischen Masse zusammen.

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Critical Mass hat auch etwas mit Selbstermächtigung zu tun. (Foto: Attila Magyar/Flickr)

Als die Gruppe nach drei Stunden Fahrt und rund 25 Kilometern wieder am Brandenburger Tor ankommt, ist es schon dunkel. Wer sich jetzt mit dem Fahrrad auf den Heimweg macht, muss schon gut aufpassen, dass er – noch beflügelt vom Gemeinschaftsgefühl – nicht aus Versehen mitten auf der Straße fährt.