Ausgabe 9 Cover

Heft 9: Mobilität

Nur wenn sich unsere Mobilität grundlegend ändert, können wir den Klimawandel stoppen und lebendige Städte schaffen, in denen die Bedürfnisse der Menschen und nicht der Autos die Hauptrolle spielen.
Das Heft als PDF (30,5 MB) – Dezember 2015

Heft 9: Mobilität

Luxusdampfer bleiben Umweltkiller

Die Natur bestaunen und sie dabei verschmutzen: Kreuzfahrtschiffe fahren mit besonders umweltschädlichem Schweröl und filtern ihre Abgase kaum. Dabei gibt es Wege, die Schiffe umweltfreundlicher zu machen.

Text: Friederike Meier

Fjorde, Lagunen, einsame Südseeinseln entdecken und dabei relaxen – diese Mischung aus Abenteuer und Entspannung versprechen Reiseanbieter von Kreuzfahrten in ihren Katalogen. Und das kommt gut an: Rund zwei Millionen Deutsche pro Jahr buchen Pauschalreisen auf hoher See in der Hoffnung auf einen "perfekten Urlaub". Seit 2005 hat sich die Anzahl der Kreuzfahrtpassagiere verdreifacht. Nur wenige Gäste wissen aber, dass sie mit ihren Reisen das zerstören, was sie genießen wollen. Denn fast alle Kreuzfahrtschiffe sind nach wie vor wahre Dreckschleudern, die Mensch und Natur schweren Schaden zufügen.

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Ein Kreuzfahrtschiff auf Tour: "Respektlosigkeit auf dem Höhepunkt", nennt der Verkehrsforscher Helmut Holzapfel die angeblichen Traumschiffe. (Foto: Michael Hapke/Nabu)

Das Schweröl, das die Schiffe als Kraftstoff verwenden, ist ein Rückstand aus Ölraffinerien. Es enthält zwischen 0,1 und 3,5 Prozent Schwefel, außerdem Nickel und Vanadium. Zum Vergleich: Der Schwefelanteil in Dieselkraftstoff für Lkw und Pkw darf in der EU nur 0,001 Prozent betragen – ein Unterschied um den Faktor Hundert und mehr. Bei der Verbrennung von Schweröl verlassen Schwefel- und Stickoxide die Schornsteine der Schiffe. Diese Stoffe versauern und überdüngen Ökosysteme und sorgen in der Arktis dafür, dass das Eis schneller schmilzt.

Dreckschleudern laufen im Hafen weiter

Doch auch Menschen werden von den Traumschiff-Abgasen krank. Nicht etwa weit draußen auf dem Meer, sondern in den Häfen oder in der Nähe der Küsten stoßen Kreuzfahrtschiffe den größten Teil ihrer Abgase aus. Erst im Juni hat eine Studie des Helmholtz-Zentrums München bestätigt, dass Schiffsabgase die Lunge schädigen.

Der Naturschutzbund Nabu hat für sein aktuelles Kreuzfahrt-Ranking die Planungsunterlagen für 28 Schiffe untersucht, die bis 2020 neu zum Einsatz kommen sollen. Die neuen Schiffe der Kreuzfahrtgesellschaft Aida und ihres italienischen Mutterkonzerns Costa erreichten dabei die besten Bewertungen. Die beiden Aida-Schiffe "Prima" und "Mia", die kommendes Jahr erstmals in See stechen sollen, werden zwar noch mit Schweröl unterwegs sein, ihre Abgase aber mit moderner Technik reinigen. Ab 2019 wollen aber je zwei Schiffe von Costa und Aida zur Versorgung im Hafen zusätzlich Strom von Land nutzen, statt ihren Motor laufen zu lassen, oder sogar auf das umweltfreundlichere Flüssiggas umsteigen.

"Die Reeder haben lange bestritten, dass es technisch machbar ist, die Abgase zu reinigen" sagt Daniel Rieger, verkehrspolitischer Referent beim Nabu. "Die gleiche Diskussion hatten wir schon vor Jahren bei den Pkws."

Die Umweltschützer haben in ihrem Ranking bewertet, ob die Schiffe mit umweltschädlichem Schweröl fahren und ob sie zur Reinigung der Abgase ausgerüstet sind. Die rund 600 Schiffe, die schon auf den Meeren unterwegs sind, wären vermutlich beim Ranking alle durchgefallen.

Trotz der Folgen, die der Schiffsverkehr für Mensch und Umwelt hat, gibt es noch keine international geltenden Grenzwerte. Zuständig ist die Internationale Seeschiffahrtsorganisation IMO, eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen. Nur in einigen Meeresgebieten gelten bereits Begrenzungen für Schwefel- und Stickoxide oder Ruß.

Hoffen auf öffentlichen Druck

Auch dort gebe es aber "ein großes Defizit bei der Überwachung der Grenzwerte", meint Daniel Rieger. "Die Einhaltung muss in den Hafenstädten kontrolliert werden." Die Überwachung auf See sei schwierig: Wenn ein Schiff die Elbemündung verlassen hat, könnte es theoretisch wieder das billigere Schweröl verheizen – niemand würde es bemerken.

Um trotz der Grenzwerte noch mit Schweröl fahren zu können, verwenden viele Schiffe sogenannte Scrubber, die die Abgase mit Wasser oder Kalk aus der Luft "waschen". Dabei entstehen schädliche Abfälle – die dann häufig ins Meer entsorgt werden. Mit Rußfiltern und speziellen Katalysatoren, die Stickoxide reduzieren, wäre es schon heute möglich, die Abgase von Ruß und Stickoxiden zu reinigen. Doch nur wenige Schiffe verfügen über diese Technik.

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Kreuzfahrten sind für viele Menschen ein Traum – für Umwelt und Klima hingegen eher ein Alptraum. (Foto: Dirk Vorderstraße/​Flickr)

Weil die internationale Gesetzgebung so langsam vorangeht und die Einhaltung der Grenzwerte so schwer überprüfbar ist, hofft der Nabu darauf, dass die Reedereien sich dem öffentlichen Druck beugen.