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Heft 9: Mobilität

Nur wenn sich unsere Mobilität grundlegend ändert, können wir den Klimawandel stoppen und lebendige Städte schaffen, in denen die Bedürfnisse der Menschen und nicht der Autos die Hauptrolle spielen.
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Heft 9: Mobilität

Der Strom liegt auf der Straße

Deutsche und französische Firmen liefern sich einen Wettlauf um die erste Solarstraße in Europa. Der ökologische Nutzen bleibt umstritten. Materialforscher warnen Kommunen davor, auf eine nicht erprobte Technik zu setzen.

Text: Susanne Götze

Rund 650.000 Kilometer Straßen durchziehen Deutschland. Diese enormen Asphalt- und Betonflächen, mit denen das Land versiegelt ist, dienen heute nur dafür, Menschen und Güter von A nach B zu bringen. Bald schon könnten sie jedoch die Retter der Verkehrs- und Energiewende sein. So stellen sich das jedenfalls die Entwickler von sogenannten Solarstraßen vor.

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In der niederländischen Gemeinde Krommenie entstand der europaweit erste Fahrradweg, mit dem Strom erzeugt werden kann. (Foto: SolaRoad)

Mittlerweile forschen mehrere europäische Unternehmen an ausrollbaren Solarmodulen, die über den Straßenbelag aufgebracht werden sollen, um dort Strom zu produzieren. In den Niederlanden versuchte es die Firma Solaroad mit einem 70 Meter langen photovoltaischen Fahrradweg. Nun ist aber die erste richtige Solarstraße Europas offenbar marktreif: Das französische Unternehmen Colas hat im Oktober auf der Messe "World Efficiency" in Paris seine ersten Solarmodule für die Straße vorgestellt. Nur wenige Millimeter seien sie dick, teilte das Unternehmen mit. Mit dem produzierten Strom könne man dann Straßenlaternen oder auch Ampeln betreiben. Die Pilotprojekte sind bisher nur ein paar Meter lang, laut Colas haben die Module aber Marktreife erreicht.

Geht es nach den Entwicklern, sollen Solarstraßen in Zukunft sogar Elektroautos und E-Bikes aufladen. Sie sehen in den Straßen einen grundlegenden Baustein für die sogenannten "Smart Cities", die intelligenten Städte der Zukunft.

Auch der deutsche Tüftler Donald Müller-Judex will mit der Idee ganz groß rauskommen. "Rund 1,4 Milliarden Quadratmeter könnten theoretisch in Deutschland auf diese Weise ausgestattet werden und damit beispielsweise 20 Millionen Elektroautos mit Strom versorgen", erklärt der Ingenieur. Er hat die Firma Solmove gegründet, die die Idee der Solarstraßen nach Deutschland bringen will.

"Der Wirkungsgrad sinkt schnell"

Die erste deutsche Solarstraße soll rutschfest sein und außerdem Schall und klimaschädliche Stickoxide absorbieren. Die lichtempfindliche Oberfläche aus Spezialglas ist fünf bis sechs Millimeter dick und soll dennoch so stabil sein, dass auch tonnenschwere Lkws die Solarstraße problemlos befahren können. Ähnlich wie bei heutigen Photovoltaik-Anlagen gehen die Entwickler trotz der Belastung von einer Haltbarkeit zwischen 20 und 30 Jahren aus. Der Wirkungsgrad falle hingegen um etwa 15 bis 20 Prozent geringer aus, da die Module nicht so dicht gepackt werden können und die Oberfläche einen Teil des Lichts reflektiert.

Der ökologische Nutzen der solaren Straßen ist indes umstritten. Die ersten Module des solaren Fahrradwegs gingen schon kurz nach Inbetriebnahme kaputt, weil die Beschichtung die Temperaturschwankungen im Winter nicht vertrug. Außerdem zerkratzte die Oberfläche bald – der Wirkungsgrad sinkt dabei. Die Niederländer arbeiten derzeit an einer neuen Beschichtung.

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... doch der Solar-Radweg im Norden von Amsterdam hat schnell an Effizienz verloren. (Foto: Blueknight/Wikimedia Commons)

Unter realen Bedingungen produzieren solche Straßen schon nach kurzer Zeit nur noch halb so viel Strom wie ein herkömmliches Solarpanel, schätzt der Materialforscher Jens Günster von der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM): "Den Schaden hat am Ende nicht der Hersteller, sondern der Nutzer, also die Kommune", warnt er. Als Experte für Glas hat Günster große Zweifel daran, dass die Solarstraßen-Idee mehr ist als nur ein kurzfristiger Hype. Durch Dreck, Staub, Sand und Steine werde die Oberfläche der Module nach und nach zerkratzt. Ob die Idee wirklich hält, was sie verspricht, wird sich letztendlich im Praxistest erweisen müssen.