Ausgabe 9 Cover

Heft 9: Mobilität

Nur wenn sich unsere Mobilität grundlegend ändert, können wir den Klimawandel stoppen und lebendige Städte schaffen, in denen die Bedürfnisse der Menschen und nicht der Autos die Hauptrolle spielen.
Das Heft als PDF (30,5 MB) – Dezember 2015

Heft 9: Mobilität

"Man ist noch immer, was man fährt"

A9uRT5p xOMaKXJbHm8gqJsxmt7EofCfdkN5BmNF9xsBerliner Youngsters braucht man nicht mehr mit SUVs zu kommen, sie gestalten ihre Mobilität heute selbst via Smartphone. Doch auf dem Land bleibt der Individualverkehr oft die einzige gangbare Alternative, sagt der Psychologe und Psychoanalytiker Micha Hilgers. Er ist als Dozent, Supervisior und Lehranalytiker in Aachen und Köln tätig.

Herr Hilgers, Hand aufs Herz: Haben Sie einen Skandal wie bei VW mit manipulierten Abgassystemen bei Millionen Autos vorher für möglich oder denkbar gehalten?

Micha Hilgers: Dazu brauchte es keine Hellseherei. Haben sich die meisten Autofahrer nicht schon seit Jahren gewundert, wie sich mit magischer Hand die Verbrauchswerte der Fahrzeuge zwischen den Laborwerten der Hersteller und jenen des Alltags drastisch unterschieden? Schon lange ist bekannt, wie Hersteller unter den laborähnlichen Bedingungen die gewünschten Werte quasi fabrizieren. Wirklich überraschend ist nur, dass sich politische Entscheidungsträger durch Stillhalten und Wegsehen mit diesem Herstellerverhalten über Jahre einverstanden erklärten.

Die Autowelt wandelt sich: Zum einen werden große SUV gekauft, die nie offroad fahren, zum anderen boomen Carsharing oder Mitfahrmodelle. Kommt zur Vielfalt von Lebensstilen auch eine der automobilen Fortbewegung?

Die Zukunft liege bei den SUV, trötet Daimler-Chef Dieter Zetsche – und hat eben nur zum Teil recht. Der Markt diversifiziert sich – übrigens nicht nur bei Mobilität, sondern auch bei Ernährung, Gesundheit, Wohnen und so weiter, kurz gesagt: bei den Lebensstilen. Berliner Youngsters braucht man mit SUV, bei denen sie viel Geld und Zeit aufwenden müssten, um innerstädtisch angesagte Fahrziele zu erreichen, nicht zu kommen. Wenn sie endlich da wären, würden sie keinen Parkplatz finden.

Aber der Trend gilt nur für bestimmte, sich sehr flexibel in ihrem Mobilitätsverhalten bewegende Personengruppen mit guter Bildung und dem Wissen über alle möglichen Mobilitätsangebote jenseits des privat genutzten Pkw und ausgestattet mit der Unabhängigkeit von dem Image- und Potenzgehabe identitätsspendender und aufgemotzter Karren.

Das weiß natürlich auch die Autobranche, weswegen sie alle möglichen Fahrzeuge für den jeweiligen Nutzer anbietet. Das Auto ist ein Beförderungsmittel der Seele: Man ist, was man fährt oder auch zum Präsentieren in der Parklücke stehen weiß.

Ist nicht aber für die neue Generation das Smartphone das Statussymbol und nicht mehr der Pkw? Wandelt sich das Auto nicht gerade zu einem eher stinknormalen Gebrauchsgegenstand?

Das gilt eben nur für bestimmte innovative gesellschaftliche Gruppen im urbanen Raum. In anderen Regionen können Sie noch so umweltbewusst und kenntnisreich hinsichtlich aller möglichen Mobilitätsangebote sein und Ihr Image mittels Smartphone oder, noch besser, durch Sie selbst gestalten. Aber auf dem Land in der Eifel, dem Bayerischen Wald, in Mecklenburg-Vorpommern oder Brandenburg nutzen Ihnen diese Erkenntnisse wenig, sofern Sie vor Ihrer Haustür nicht nur Montainbike fahren oder Vögel beobachten möchten.

4844475462 db232a8e14 o
Neue Mobilitätstrends kommen vor allem bei jungen Städtern gut an. (Foto: Anders Unterwegs/Flickr)

Wenn Sie dort verschiedene Arbeitsplätze haben, abends ins Kino oder in die Disko wollen oder – ganz simpel – einen Kasten Bier nach Hause bringen möchten, sind Sie in der ländlichen Peripherie auf Automobilität angewiesen. Allerdings nicht zwingend auf eine individuelle, mit ausschließlich einem einzigen Besitzer.

Als aktuelle Krönung der Autotechnik gilt der selbstfahrende Premium-Flitzer. Wenn der Computer das Lenkrad hält – was wird dann aus der ursprünglichen Idee des Auto-Mobils, also des Selbst-Bewegens?

Gegenfrage: Möchten Sie auf Ihrem Surfbrett stehen und alles wird durch einen Chip erledigt? Oder sich aufs Fahrrad setzen und weder muskulär noch kognitiv gefordert sein? Sich mit Rolltreppen durch die Alpen bewegen lassen?

Mit Rolltreppen vielleicht nicht, aber das Netz abertausender Alpen-Skilifte spricht doch für die Faulheit einer angeblich mobilen Generation ...

Eher für deren Pragmatismus: Rauf zu Fuß ist anstrengend, runter verspricht Fahrspaß. Lange Autobahnstrecken sind anstrengend, da mag das selbstfahrende Auto für manche Sinn machen.

Bewegung ist psychologisch eng mit Autonomie verknüpft. Dieses selbstwertregulierende Gefühl wird die Mehrheit nicht dauerhaft, sondern eher bei langweiligen Fahrten abzugeben bereit sein: Mal will man selbst fahren und ein anderes Mal nicht. Und einigen gesellschaftlichen Gruppen darf man mit dieser Art Untätigkeit gar nicht erst kommen, weil dann Leere droht. Andere werden die computergesteuerte Mobilität je nach den gerade anstehenden Aufgaben begrüßen.

Generell müssen wir auch bei der Mobilität wegkommen von einer alle beglückenden Idee. Es wird immer mehr sehr unterschiedliche Nutzerverhalten geben. Das ist die Herausforderung der Zukunft – für die Industrie wie für diejenigen, die die politischen Rahmenbedingungen schaffen. Sofern sie es denn erkennen und wollen.

Interview: Jörg Staude