Ausgabe 9 Cover

Heft 9: Mobilität

Nur wenn sich unsere Mobilität grundlegend ändert, können wir den Klimawandel stoppen und lebendige Städte schaffen, in denen die Bedürfnisse der Menschen und nicht der Autos die Hauptrolle spielen.
Das Heft als PDF (30,5 MB) – Dezember 2015

Heft 9: Mobilität

Der Porsche im Geleitzug

Das autonome Fahren kann das Auto sicherer und umweltfreundlicher machen – und die PS-Boliden ausbremsen. Es kann aber auch zu einem neuen Wachstumsschub mit mehr Verkehr und höherem Ressourcenverbrauch führen.

Text: Joachim Wille

Ein Porsche-Fahrer – kann man sich den so vorstellen? Fährt mit seinem neuen 911er, der 370 PS hat und 295 Spitze schafft, in Frankfurt am Main auf die Autobahn. Dann lehnt er sich entspannt zurück, und der Autopilot, der für Autobahnen auf die Richtgeschwindigkeit von 130 Stundenkilometern programmiert ist, bringt ihn ohne jede Hektik, nämlich ohne Vollgas, rasante Überholmanöver und Lichthupe, in knapp fünf Stunden nach Hamburg. Schön eingereiht zwischen den Corsas, Golfs und E-Klasse-Mercedes, die sich an den Auf- und Ausfahrten in die jeweils mit gutem Sicherheitsabstand dahinsegelnde Pkw-Kolonne ein- und ausfädeln.

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Wie eine Carrera-Bahn, nur in echt: Mit programmgesteuerten Fahrzeugen wollen die Autobauer wieder richtig Geld verdienen. (Foto: Nic Redhead/Flickr)

Ein Porsche, bei dem kein Mensch, sondern Sensoren und Algorithmen Gaspedal und Bremse bewegen? So richtig vorstellen kann man sich das eigentlich nicht. Kein Wunder also, dass der frühere Chef des Stuttgarter Sportwagen-Bauers, Matthias Müller, als erster Top-Automanager die von der Branche sonst so vehement gepushte Vision des selbstfahrenden Autos in Frage stellte. Just zur Frankfurter IAA, auf der Elektroantrieb und Robot-Auto als Mittel zur Neuerfindung der Mobilität gefeiert wurden, goss er ordentlich Wasser in den Sprit. "Das autonome Fahren stellt für mich einen Hype dar, der durch nichts zu rechtfertigen ist", sagte Müller, der kurz darauf Nachfolger des wegen der Abgas-Affäre zurückgetretenen VW-Chefs Martin Winterkorn wurde, in Auto Motor und Sport.

"Die Wachstumsmaschine der nächsten 15 Jahre"

Die Autoindustrie ist verunsichert durch vollständig oder nahezu gesättigte Märkte in Europa und den USA, vor allem aber durch die stark eingetrübten Aussichten im Boomland China. Da kommt das Robot-Auto als potenzieller neuer Wachstums- und Umsatztreiber gerade recht. VW rechnet damit, dass dadurch sowie durch die digitale Vernetzung der Pkw der sogenannte Wertschöpfungsanteil der Elektronik von heute 30 auf 50 Prozent in nur fünf Jahren steigt. Elektronik-Zulieferer wie Bosch und Continental erwarten, dass hoch automatisiertes Fahren auf Autobahnen – wo das weit einfacher zu realisieren ist als im Stadtraum mit seinen Kreuzungen, Ampeln sowie dem Fußgänger- und Fahrrad-Verkehr – dann bereits Realität ist, und nur weitere fünf Jahre später das Fahren ganz ohne menschliche Kontrolle.

Riesige Umsätze winken, glaubt man den Branchenexperten. "Autopapst" Ferdinand Dudenhöffer, Chef des Center of Automotive Research (CAR) an der Universität Duisburg-Essen, erwartet zum Beispiel, dass die Autobauer mit Fahrassistenten und teilautomatisierten Systemen 2030 weltweit über 300 Milliarden Euro umsetzen werden. Das Robot-Fahren hält er für "die Wachstumsmaschine der nächsten 15 Jahre". Die US-Unternehmensberatung Oliver Wyman erwartet, dass in 20 Jahren bis zu 30 Prozent der verkauften Neuwagen teil- oder vollautomatisiert sein werden.

Dass Einparkhilfen, Spurassistenten, Abstandhalter oder Tempomate, die man auch abschalten kann, bald in allen Neuwagen angeboten werden, ist höchst wahrscheinlich. Zumindest, wenn die Kosten für diese Systeme, die heute noch mit 2.000 bis 4.000 Euro zu Buche schlagen, durch Massenproduktion sinken. Ob aber das passive "Gefahren-Werden" statt des Selbst-Steuerns sich in einer Branche, die mit "Freude am Fahren", "Freie Fahrt für freie Bürger" oder "Nur fliegen ist schöner" warb und wirbt, so schnell durchsetzen wird, steht auf einem anderen Blatt.

Optimiertes Fahren bedeutet mehr Verkehr

Kritische Verkehrsexperten wie der Kasseler Professor Helmut Holzapfel weisen auf prinzipielle Probleme der Robot-Autos hin. Die Möglichkeiten der Automatisierung würden meist überschätzt, meint er. Die technische Umsetzung sei besonders im Stadtraum hoch komplex und bei einem tonnenschweren, sich dort mit Tempo 30, 50 und auf Autobahnen mit über 100 Stundenkilometern bewegenden Fahrzeug eben auch hoch gefährlich. Zudem stellten sich ethische Fragen, die eine Elektronik grundsätzlich nicht beantworten kann.

"Wie verhält sich ein solches Fahrzeug in einer Konfliktsituation, in der verschiedene Risiken gegeneinander abgewogen werden müssen?", fragt Holzapfel. "Soll es bei einem auf der eigenen Fahrspur entgegenkommenden Fahrzeug auf den Bürgersteig ausweichen, wo sich Fußgänger befinden?" Auf solche, wirklich nicht triviale Konflikte wies auch Porsche-Chef Müller hin: "Ich frage mich immer, wie ein Programmierer mit seiner Arbeit entscheiden können soll, ob ein autonom fahrendes Auto im Zweifelsfall nach rechts in den Lkw schießt oder nach links in einen Kleinwagen."

Auch ob die Robot-Autos zu einem umweltfreundlicheren Verkehr führen werden, ist offen. Verkehrsexperten schätzen, dass das autonome Fahren die Aufnahmefähigkeit der Straßen dank des gleichmäßigeren Verkehrsflusses deutlich steigen lässt. Der Verkehr könnte also sogar weiter zunehmen. Einer der wichtigsten Verkehrsplaner Deutschlands, Konrad Rothfuchs, warnt davor. "Die entstehenden Freiräume dürfen nicht wieder mit Kraftfahrzeugen aufgefüllt werden", sagte er in einem Interview. Sie sollten, etwa in den Städten, genutzt werden, um zum Beispiel "einen Rückbau von Verkehrsflächen zu ermöglichen".

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Google glaubt an das autonome Auto, im Bild ein Prototyp. Die viele Elektronik erhöht den "Wert" des Produkts – und den Ressourcenverbrauch. (Foto: smoothgroover22/Flickr)

Rothfuchs, der eine leitende Funktion bei der Bundesvereinigung der Straßenbau- und Verkehrsingenieure hat, glaubt, das sei "auch politisch tragbar". Der Trend, dass junge Leute in den Städten "das Auto nicht mehr als wichtigstes Gut für ihre Lebensentwürfe sehen", werde sich nämlich weiter verstärken.