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Heft 9: Mobilität

Nur wenn sich unsere Mobilität grundlegend ändert, können wir den Klimawandel stoppen und lebendige Städte schaffen, in denen die Bedürfnisse der Menschen und nicht der Autos die Hauptrolle spielen.
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Heft 9: Mobilität

Editorial

Die Mobilitätswende kommt. Es geht gar nicht mehr ohne sie – weil die Energiewende die Verkehrswende braucht.

Text: Martin Held und Michael Ziesak

Nur wenn sich Mobilität grundlegend ändert, können wir es schaffen, dass die Treibhausgasemissionen auch im Verkehrsbereich zurückgehen. Ein großer Schritt, der bislang nicht gelungen, aber unbedingt nötig ist. Die Zeichen für einen Wandel werden spürbarer, denn das Bewusstsein ist gewachsen: Wir brauchen lebendige Städte und Gemeinden, die die Mobilitätsbedürfnisse der Menschen in den Blick nehmen und unsere Lebensqualität steigern.

Was heißt Mobilitätswende? Vor allem von guten Erfahrungen zu lernen – in und außerhalb der Städte. Eine Mobilitätswende muss Gesundheit, Klimaschutz und Sicherheit ernst nehmen. Dabei sollte die aktive Mobilität aus eigener Körperkraft gefördert und die Nahmobilität neu strukturiert werden – hin zu einer Stadt der kurzen Wege. Großflächig Tempo 30 ermöglicht es Senioren, länger am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Kinder und Jugendliche können unbeschwert spielen. Für alle zusammen wird es sicherer. Aus reinen Verkehrsflächen wird wieder öffentlicher Raum – mit vielfältigen Nutzungen, einer höheren Aufenthaltsqualität, gesellschaftlichem Leben. Für all das braucht es die Veränderung in den Köpfen. Und das Pedelec oder E-Bike – genauer: elektrisch unterstützte Körperkraftmobilität – ist der entscheidende "Spielveränderer". Schon hier und heute verändert sich damit der Einzugsbereich, der mit dem Fahrrad erreichbar ist. Das ist ein ähnlicher Qualitätssprung wie der durch das klassische Fahrrad zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Die Mobilitätswende ist kein Selbstläufer

Einhergehend mit der digitalen Revolution wird zugleich deutlich: Die Mobilitätswende kommt nicht von allein und ist kein Selbstläufer. Die schöne neue Lieferwelt führt zu immer mehr Transporten. Aber auch das lässt sich nachhaltig regeln. So kann man Verteilzentren in den Städten fördern, die mit Lastenfahrrädern die Endkunden beliefern – die so genannten Mikrodepots. Hier müssen Kommunen und Unternehmen stärker zusammenarbeiten. Sicher ist an einigen Stellen motorisierter Güterverkehr noch nötig. In der Innenstadt gibt es auch hier Alternativen, beispielsweise Antriebe mit Erdgas – und auf lange Sicht die Umstellung auf Elektrofahrzeuge.

Doch auch außerhalb der Städte gibt es Handlungsbedarf: Die Güterverkehrspolitik darf nicht länger eine Sache der Förderung von Gigaliner-Lkw sein. Ganz im Gegenteil: In die richtige Richtung geht ein schallgedämpfter Güterverkehr auf der Schiene, mit eigenen Trassen, die nicht länger Städte und Siedlungen durchqueren. Auch die direkte Nutzung von Windkraft zur See muss überdacht werden und elektrische Antriebe in Hafennähe könnten die Menschen in Küstenstädten wieder aufatmen lassen.

Doch wie soll das alles finanziert werden? Beginnen wir mit dem Abbau umweltschädlicher Subventionen – beim Dienstwagenprivileg, bei der Steuervergünstigung für Dieselkraftstoff, bei der Kilometerpauschale. Schaffen wir mehr Fairness bei der Besteuerung der Verkehrsträger. Die Verkehrspolitik darf nicht länger als pure Industriepolitik verstanden werden.

Deutschland ist ein Nachzügler

Es geht darum, die Mobilitätswende aktiv und entschlossen anzupacken. "Dieselgate" eröffnet die Chance, dass alle Beteiligten ernsthaft an einer menschenfreundlichen, klimaverträglichen und postfossilen Gestaltung der Mobilität, der Städte und Raumstrukturen arbeiten. Die Politik wird dann nicht von einem einzigen Verkehrsträger dominiert, sondern von einem guten Zusammenspiel der vielfältigen Akteure getragen.

Deutschland ist jedoch ein Nachzügler in Sachen Mobilitätswende. Wie in anderen Ländern sollte auf allen Straßen ein Tempolimit gelten. Wie in anderen Ländern kann ein viel höherer Anteil des Güterfernverkehrs auf der Schiene abgewickelt werden. Wir müssen weg von der Förderung einzelner Verkehrsträger und der Hoffnung, dass Technik allein die Lösung bringt.

Mobilitätswende – das ist ein grundlegender Baustein der beginnenden Großen Transformation in Richtung einer postfossilen nachhaltigen Entwicklung. Machen wir uns auf den Weg.

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Eine Stadt der kurzen Wege passt gut zu aktiver Mobilität aus eigener Körperkraft. (Foto: Susanne Götze)

Martin Held ist Koordinator des Gesprächskreises Die Transformateure. Michael Ziesak ist Bundesvorsitzender des Verkehrsclubs Deutschland (VCD)