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Heft 21: Meere

Ohne Meere kein Leben: Ökologisch intakte Meeres- und Küstenökosysteme bilden eine weltweite Belastungsgrenze, die nicht überschritten werden darf.
Das Heft als PDF (1,6 MB) – September 2018
Die Infografik als PDF (3,6 MB)

Heft 21: Meere

Fischen im Plastikmeer

Jedes Jahr gelangen Millionen Tonnen Plastikmüll ins Meer. Ihn wieder herauszuholen ist eine Sisyphusaufgabe. Umweltschützer fordern ein internationales Plastik-Abkommen nach dem Vorbild des Pariser Klimavertrags.

Text: Friederike Meier

Wer diese Zahlen hört, kann schnell verzweifeln: Zwischen 100 und 142 Millionen Tonnen Müll schwimmen mittlerweile in den Weltmeeren. Als wäre das nicht genug, kommen jedes Jahr um die zehn Millionen Tonnen dazu. Zu drei Vierteln besteht dieser Müll aus Plastik.

Nils AllyWikimedia CommonsMittlerweile wird Plastikmüll an den entlegensten Stränden der Welt gesichtet. (Foto: Nils Ally/​Wikimedia Commons)

Die Folgen der Verschmutzung sind gewaltig. Tiere halten die Plastikteile für Nahrung und ersticken daran. Das Plastik wird durch Wellen und Wasser zerkleinert, reichert sich als Mikroplastik in der Nahrungskette an und landet am Ende auf unseren Tellern. Es muss also schnell eine Lösung her. Aber wie bekommt man das Plastik wieder aus dem Ozean?

Mit seinem Projekt "Fishing for Litter" kämpft der Naturschutzbund Nabu schon seit dem Jahr 2011 gegen die Plastikverschmutzung. Der Grundgedanke beim "Müllfischen" ist einfach. Fischer fangen neben Fisch meist auch große Mengen Meeresmüll mit ihren Netzen ein. Früher warfen sie ihn oft einfach wieder über Bord. "Fishing for Litter" gibt ihnen große Sammelsäcke mit.

Zurück im Hafen können sie den Müll dann in eigens bereitgestellten Behältern entsorgen. Inzwischen sind an der deutschen Nord- und Ostsee mehr als 120 Fischer in 15 Häfen beteiligt, Tendenz steigend.

Riesenkonstruktion aus Schläuchen und Netzen

Doch wie effektiv ist die Methode? "Würden 500 Schiffe teilnehmen, könnte eine Sammelrate von jährlich rund 2.000 Tonnen Müll erreicht werden, die durch die Fischerei vom Meeresboden geborgen würden", so eine Einschätzung des Umweltbundesamtes. Das seien immerhin zehn Prozent der jährlich in die Nordsee eingebrachten 20.000 Tonnen.

In größeren Maßstäben denkt Boyan Slat. Der 24-jährige Niederländer hat das Projekt "The Ocean Cleanup" gegründet und ein System entwickelt, mit dem er das Plastik aus dem Meer fischen will. Es besteht aus 600 Meter langen Schläuchen, die wie riesige Fangarme den Müll zusammentreiben sollen. Unten an den Armen hängen Netze.

Die Idee: Wenn der Schlauch durch den Wind vorwärts getrieben wird, bewegt er sich schneller als der Müll und konzentriert diesen an einer Stelle. Dort soll der Müll dann von Schiffen abgeholt, an Land gebracht und recycelt werden.

Zuerst hat sich Slats Team den Großen Pazifischen Müllstrudel vorgenommen. Das ist der größte von weltweit fünf Müllstrudeln – riesigen Strömungswirbeln, in denen der Plastikmüll von den Ozeanströmungen zusammengetrieben wird. Der im Pazifik ist laut einer aktuellen Studie etwa viereinhalbmal so groß wie Deutschland.

Im September ist der erste Fangarm von Slats Flotte ins Meer gestochen. Wenn einmal alle 60 Fangarme auf dem Meer sind, soll das Projekt nach eigener Planung innerhalb von fünf Jahren die Hälfte des pazifischen Müllstrudels einsammeln.

Ruf nach Welt-Plastik-Vertrag wird lauter

"Es ist gut, dass sich so viele Köpfe Gedanken machen, wie man den Müll herausbekommt", sagt Britta König von der Naturschutzorganisation WWF. "Aus unserer Sicht muss es aber darum gehen, die Plastikflut an der Quelle zu stoppen."

Der meiste Müll, der in die Meere gelangt, kommt aus Südostasien. "Es gibt dort, aber auch in vielen anderen Entwicklungs- und Schwellenländern, kaum Strukturen für die Müllsammlung und Entsorgung", so König. Über Flüsse, offene Deponien und kleine Kanäle gelangt der Müll dann ins Meer. Der WWF führt deshalb zum Beispiel in Vietnam ein Pilotprojekt durch, in dem die getrennte Sammlung von Abfall getestet wird.

"Wir fordern ein internationales Abkommen, um zu verhindern, dass Müll ins Meer kommt, analog zum Pariser Klimaabkommen", sagt König. Einer Studie des Berliner Thinktanks Adelphi zufolge hätte ein solches Abkommen auch wirtschaftliche Vorteile. "Eine nachhaltige Plastikwirtschaft kann helfen, Millionenschäden zu vermeiden und Milliarden an Ressourcen zu sparen", heißt es in dem Papier.

TOC system001 tow 1 low"The Ocean Cleanup": Ein Schiff zieht eine 600 Meter lange schwimmende Barriere hinter sich her, um Plastikteile aus dem Meer einzufangen. (Foto: Benjamin Von Wong/​The Ocean Cleanup)

Dass es ein solches Abkommen geben wird, ist gar nicht so unwahrscheinlich. Auf der UN-Umweltversammlung im vergangenen Jahr in Nairobi wurde darüber schon diskutiert. Aber bis es endlich beschlossen ist, werden noch viele Millionen Tonnen Plastik im Meer landen.