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Heft 21: Meere

Ohne Meere kein Leben: Ökologisch intakte Meeres- und Küstenökosysteme bilden eine weltweite Belastungsgrenze, die nicht überschritten werden darf.
Das Heft als PDF (1,6 MB) – September 2018
Die Infografik als PDF (3,6 MB)

Heft 21: Meere

Strategien zur Erhaltung des Wattenmeers

Klimawandel, Plastik, Fischerei: Das Wattenmeer hat – obwohl durch Verträge und Gesetze geschützt – mit einer Fülle von Gefährdungen und Ansprüchen zu kämpfen. Die Nationalparkverwaltungen und ihre Partner bemühen sich im Dialog mit vielen Interessengruppen um langfristig tragbare Lösungen.

Text: Peter Südbeck und Florian Carius

Das Wattenmeer der südöstlichen Nordsee bildet das größte zusammenhängende Sand- und Schlickwattsystem der Welt. Natürliche geologische und ökologische Prozesse laufen hier weitgehend ungestört ab.

Das Ökosystem umfasst mit Wattflächen, Prielen, Sandbänken, Stränden, Salzwiesen und Dünen verschiedene Übergangszonen zwischen Land und Meer. Mehr als 10.000 Tier- und Pflanzenarten wurden hier bislang dokumentiert, viele davon sind an extreme Umweltbedingungen angepasst. Das Wattenmeer gilt als eines der weltweit bedeutendsten Brut- und Rastgebiete für Zugvögel.

Das niedersächsische Wattenmeer wurde bereits 1986 als Nationalpark unter Schutz gestellt. Die Unesco hat das Wattenmeer in den Niederlanden, Deutschland und Dänemark als Teil des trilateralen Weltnaturerbes und als Biosphärenreservat anerkannt. Auch durch mehrere internationale Verträge und europäische Gesetze ist das Wattenmeer geschützt.

Viele Ansprüche, viele Gefährdungen

Wegen seiner Großflächigkeit, aber auch durch globale Entwicklungen hat dieser Lebensraum jedoch mit einer Fülle anderer Interessen, Ansprüche und Gefährdungen zu kämpfen. So hat der Klimawandel den Meeresspiegel in den letzten 100 Jahren um etwa 25 Zentimeter steigen lassen. Bis zum Ende des Jahrhunderts werden je nach Szenario weitere 50 bis 80 Zentimeter erwartet – mit nicht absehbaren Folgen für das Ökosystem und seine Bewohner und gleichzeitig wachsenden Herausforderungen für den Küstenschutz.

Die Energiewende in Deutschland erfordert auch den Ausbau von Offshore-Windparks in der Nordsee, deren Kabelanbindung ans Festland mit aufwändigen Bauarbeiten im Wattenmeer verbunden ist. Mit Hamburg, Bremerhaven und Wilhelmshaven grenzen drei im globalen Welthandel agierende Containerhäfen an den Nationalpark, einige der weltweit meistfrequentierten Seeschifffahrtsrouten verlaufen nah am Schutzgebiet. Abbaggerungen, Verklappung von Sedimenten und Freihalten von Hafenzufahrten sind daraus folgende Eingriffe in die Natur des dynamischen Wattenmeeres und der Nordsee.

Auch die grundberührende Fischerei, bei der Schleppnetze über den Meeresboden schaben, kann die natürlichen Bodenstrukturen und die darauf siedelnden Organismen beeinträchtigen. Von Schiffen, über Flüsse und auf anderen Wegen gelangt Müll in die Nordsee, der auf den Meeresboden sinkt oder im Wasser treibt und an den Stränden des Wattenmeers angespült wird. Kleinstpartikel, sogenanntes Mikroplastik, können sich als Abbauprodukte im System akkumulieren – mit bisher kaum prognostizierbaren Konsequenzen für den Naturhaushalt und für uns Menschen.

Integrative Lösungen für den Nationalpark

In Nationalparks soll es grundsätzlich keine menschlichen Eingriffe in die natürlichen Abläufe geben. "Natur Natur sein lassen" ist hier der Leitsatz. Auch wegen der internationalen Verantwortung für die ökologische Integrität des Wattenmeeres unternehmen die Nationalparkverwaltungen und ihre zahlreichen Partner umfangreiche Schutzbemühungen mit einer Fülle von Einzelmaßnahmen, Strategien und Verfahren. Dialogorientiert und im Sinne eines integrativen Naturschutzes sollen dabei langfristig tragbare Lösungen entwickelt werden, sodass hier eine Modellregion für nachhaltige Entwicklung möglich wird.

Die Maßnahmen und Planungen dafür decken ein breites Spektrum ab. Zurzeit geht es um ökologisches Sedimentmanagement, Schiffssicherheit und Schadstoffvorsorge, aber auch um die Renaturierung von Salzwiesen, den Rückbau technischer Strukturen im Watt oder die Entnahme eingeführter Raubtiere auf Inseln. Nutzungsansprüche wie bei der Miesmuschelbewirtschaftung oder der Befahrensregelung für den Schiffsverkehr sind zu steuern, während Strandbrüter und weitere Bewohner Schutz brauchen. Wichtig für die Besucherlenkung ist das Zonierungskonzept des Nationalparks mit einem Wegegebot in der Ruhezone und weiteren sensiblen Bereichen.

Daneben laufen stets umfangreiche Monitoringprogramme zur Überwachung und Bewertung des Naturzustands. Dabei steht die Nationalparkverwaltung nicht allein da. Besucherinfozentren, zahlreiche Freiwillige, die ehrenamtliche Nationalparkwacht sowie hunderte qualifizierte Partner aus verschiedenen Bereichen sind für das gemeinsame Anliegen wertvolle Multiplikatoren, die Meeresnaturschutz leben, voranbringen und in den Köpfen der Einheimischen und Urlauber verankern. Die jüngsten internationalen und nationalen Evaluationen des Biosphärenreservats und des Nationalparks haben diese vielfältigen Ansätze durchweg positiv gewürdigt.

Ralf Roletschek Wikimedia CommonsBlick auf das nordfriesische Wattenmeer (Foto: Ralf Roletschek)

Peter Südbeck und Florian Carius arbeiten in der Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer