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Heft 21: Meere

Ohne Meere kein Leben: Ökologisch intakte Meeres- und Küstenökosysteme bilden eine weltweite Belastungsgrenze, die nicht überschritten werden darf.
Das Heft als PDF (1,6 MB) – September 2018
Die Infografik als PDF (3,6 MB)

Heft 21: Meere

Das Meer ist nicht unerschöpflich

Unser Bild vom Meer ist meist von unendlicher Weite, Unbekanntem oder Abenteuer geprägt. Nicht bewusst wird uns das Ausmaß, in dem das Meer den Zustand der Erde bestimmt und unsere Lebensumwelt prägt – von der Regulation des Klimas bis zum Wasserkreislauf. Die Zukunft der Menschheit hängt entscheidend vom Zustand der Meere ab.

Text: Karin Lochte

Im Jahr 2006 veröffentlichte der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung für Globale Umweltveränderungen (WBGU) ein Sondergutachten mit dem Titel "Die Zukunft der Meere – zu warm, zu hoch, zu sauer". Das bringt die Bedrohung der Weltmeere durch den Klimawandel auf den Punkt. Die globale Erwärmung zeigt sich klar im Temperaturanstieg im Meer, denn in den letzten 30 Jahren wurden über 90 Prozent der zusätzlichen Wärmeenergie vom Meer aufgenommen.

Diese Erwärmung des Meerwassers sowie das Abschmelzen von Gletschern und Eisschilden verursachen einen jetzt nicht mehr zu vernachlässigenden Anstieg des Meeresspiegels mit bedrohlichen Auswirkungen auf niedrig liegende Insel- und Küstenstaaten. Die erhöhten Kohlendioxid-Konzentrationen in der Atmosphäre haben zu einer inzwischen deutlich messbaren Versauerung des Meerwassers geführt mit Auswirkungen auf verschiedene Meeresorganismen.

Vielfältige, zunehmende Nutzungsansprüche

Jedoch ist der Klimawandel nicht der einzige Faktor, der Einfluss auf die Meeressysteme nimmt. Die Beobachtungen zur Vermüllung der Meere mit Plastik zeigen, wie stark selbst in weit abgelegenen Regionen das Meer durch den Abfall unserer Gesellschaft schon betroffen ist. Neben den Plastikteilen erreichen Schadstoffe, Düngemittel und alle möglichen Abfallprodukte von Land aus oder von Schiffen das Meer. Besonders betroffen sind davon natürlich die Küstenzonen. Hier sind die Einträge von Land hoch und die Nutzung der Küstenregionen ist besonders intensiv. Die meisten Megacitys liegen an der Küste und ein Großteil der Menschheit lebt in Küstennähe.

Nahrung ist von alters her ein lebenswichtiger Beitrag des Meeres für die Menschen. Durch neue Technologien der Fischerei ist es gelungen, diese Ressource so effektiv auszubeuten, dass viele Fischbestände heute bedroht sind. Regulierungen von Fischfangquoten haben sich zum Schutz der Bestände dann als hilfreich erwiesen, wenn sie wissenschaftlich begründet sind und konsequent eingehalten werden. Viele Hochseegebiete sind jedoch schwer zu überwachen und unregulierte Fischerei stellt ein Problem dar. Durch die Temperaturerhöhung im Meer verlagern sich zudem die Verbreitungsgebiete von Fischbeständen in kühlere Temperaturbereiche und neue Arten treten auf.

Die vielfältige Nutzung des Meeres als Transportweg, Rohstoffquelle und jetzt auch als Energielieferant führte dazu, dass diverse Bauwerke am und im Meer errichtet wurden. Von Häfen bis zu Ölplattformen und Windrädern entstehen diese technischen Konstruktionen im Meer und verändern ihre Umgebung. Diese Entwicklung wird sich beschleunigen, wenn man an die Vorschläge für Flughäfen auf dem Meer oder schwimmende Stadtteile denkt – Stichwort "Urbanisierung des Meeres".

Je tiefer wir in das Meer hineinblicken, umso deutlicher wird, dass sich das Meer schon in vielerlei Hinsicht verändert hat. Klimawandel, Schadstoffeinträge, Fischerei und Nutzung der Meeresressourcen haben alle ihre spezifischen Einflüsse. Viele davon wirken regional, aber einige haben weltweite Auswirkungen – vor allem der Klimawandel. Besondere Brennpunkte der Veränderungen sind die Küstenregionen, die Randmeere und der Arktische Ozean.

Schutzgebiete erfassen nicht das ganze Problem

Herauszuheben ist hier der Arktische Ozean, weil sich dort durch den fortschreitenden Verlust des Meereises der Austausch zwischen Meer und Atmosphäre ändert. Die reduzierte Meereisbedeckung erfasst das ganze Meeressystem grundlegend, wobei die Not der Eisbären, die ohne Meereis nicht überleben können, nur die sprichwörtliche "Spitze des Eisbergs" ist. Von den Mikroalgen über Krebse und Fische bis zu den Säugetieren ergeben sich starke Veränderungen und es wird ein neues Ökosystem entstehen. Wie es aussehen wird, ist allerdings noch nicht klar.

Das Meer hat ein großes Potenzial, auf Veränderungen zu reagieren, um entweder die Veränderungen zu kompensieren oder um in einen neuen Systemzustand überzugehen. Regionale negative Auswirkungen kann der Mensch durch gezielte Maßnahmen vermeiden. Fischbestände können sich erholen, wenn sie angemessen geschützt werden, und die von Land eingeleiteten Substanzen lassen sich reduzieren. Deshalb sind Meeresschutzgebiete von großer Bedeutung und müssen mit Vorrang eingerichtet werden.

Jedoch können solche Schutzgebiete nur einen Teil der Probleme erfassen. Großflächige Veränderungen, die zu Änderungen im Systemzustand führen, wie die zurückgehende Meereisdecke, die Verlagerung von Strömungen, der Meeresspiegelanstieg, die Versauerung des Meerwassers oder der Sauerstoffmangel in Randbereichen des Ozeans können dadurch nicht abgemildert werden. Die Meere zu schützen bedeutet daher auch, den Ausstoß von Treibhausgasen herunterzufahren und konsequente Maßnahmen gegen die globale Erwärmung zu ergreifen.

Es ist unvermeidlich, dass die Nutzung des Meeres weiter zunehmen wird, aber das muss mit Bedacht erfolgen, um die wichtigen Funktionen und Leistungen des Meeres nicht zu beeinträchtigen. Es erfordert Wissen über die Prozesse im Meer, internationale Regulierungen für den verantwortungsvollen Umgang mit dem Meer und ein allgemeines Verständnis für die große Bedeutung des Meeres für die Menschheit.

Taucher im OzeanTaucher im Ozean: Selbst weit abgelegene Meeresregionen sind schon von Vermüllung betroffen. (Foto: Pixabay)

Karin Lochte ist Ozeanografin und war von 2007 bis 2017 Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts in Bremerhaven.