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Heft 21: Meere

Ohne Meere kein Leben: Ökologisch intakte Meeres- und Küstenökosysteme bilden eine weltweite Belastungsgrenze, die nicht überschritten werden darf.
Das Heft als PDF (1,6 MB) – September 2018
Die Infografik als PDF (3,6 MB)

Heft 21: Meere

Editorial

Es gibt eine nie da gewesene öffentliche Aufmerksamkeit für den Meeresschutz. Wird ein repräsentativer Teil der Meere zu Schutzgebieten erklärt, der Plastikeintrag gestoppt und Fischerei nachhaltiger betrieben, haben die Meeres-Lebensräume eine Chance, sich zu erholen.

Text: Christoph Heinrich

Unsere Weltmeere sind faszinierende Alleskönner: Sie bilden den größten Lebensraum auf unserer blauen Erde, sind Quelle für Leben und Nahrung, sind Sauerstoffproduzenten und Klimaschützer. Gerade erst entdeckt die Menschheit die biologische Vielfalt der offenen Ozeane und die Schätze der Tiefsee, und schon jetzt wird schmerzhaft deutlich, dass sowohl die lichtdurchflutete Schicht des Wassers als auch die tieferen, dunklen Zonen massiv bedroht sind. Die Verursacher sind menschliche Einflüsse wie Fischerei, rohstoffbasierte Industrien, Landwirtschaft und die Schifffahrt.

Meeresverschmutzung wird zum Völkerrechtsfall

Die Vernichtung von Korallenriffen, Mangrovenwäldern und Flachmeeren hat die Bestände vieler Arten von Meerestieren auf den niedrigsten Stand seit Menschengedenken schrumpfen lassen. Das Ziel der Staatengemeinschaft, wenigstens zehn Prozent der Meere bis 2020 unter effektiven Schutz vor menschlichen Aktivitäten zu stellen, liegt in weiter Ferne. Dabei mahnen Wissenschaftler seit Jahren, dass mindestens 30 Prozent der Meere geschützt sein müssen, damit ihre zahlreichen Funktionen für Mensch und Umwelt bewahrt bleiben.

Bildhaft für den menschlichen Umgang mit der marinen Natur steht die durch Plastikmüll verendete Meeresschildkröte. Der Mülleintrag – allein weltweit acht Millionen Tonnen Plastikmüll pro Jahr – droht alle Bemühungen um den Schutz der Ozeane zu ersticken. Verpackungen aus Plastik zu vermeiden oder wenigstens nicht in die Umwelt gelangen zu lassen ist ein Gebot der Stunde. Dazu müssen die Länder, die den meisten Müll verursachen, eine funktionierende Kreislaufwirtschaft und eine erweiterte Produzentenverantwortung in die Wege leiten. Gleichzeitig wird es nicht ohne völkerrechtlich bindende Vereinbarungen und nationale Regelungen zur Vermeidung von Plastikmüll gehen.

Auch ein zweiter Treiber der Zerstörung von marinen Lebensräumen, die global agierende Fischerei, muss sich ihren Hausaufgaben stellen. Nach Angaben der Welternährungsorganisation FAO ist über ein Drittel der kommerziell genutzten Fischbestände überfischt. 58 Prozent der Bestände werden an der Grenze dessen genutzt, was in der Fischpopulation natürlich nachwachsen kann – mit spürbaren Folgen auch für uns. Für über eine Milliarde Menschen ist Fisch die Hauptproteinquelle.

Überdüngte Ostsee hat Folgen bis nach Afrika

Ein lokales Beispiel mit globalen Folgen ist der westliche Ostseehering. Über Jahrhunderte war er der "Brotfisch" der Deutschen. Doch seine Lebensumstände haben sich in den letzten Jahrzehnten gravierend verändert. Seine Hauptnahrung wurde durch eine invasive Krebsart aus der Südsee ersetzt, seine Laichgründe, die Unterwasserwiesen rund um Rügen, sind durch Überdüngung um 90 Prozent geschrumpft und die intensive Befischung tat ihr Übriges. Der westliche Ostseehering kann sich seit knapp einem Jahrzehnt nicht mehr erholen. Voraussichtlich muss deshalb die Fischerei im kommenden Jahr komplett gestoppt werden.

Die Überfischung der europäischen Gewässer führt dazu, dass über 50 Prozent der Fisch-Nachfrage durch Importe gedeckt werden müssen, davon wiederum mehr als die Hälfte aus Entwicklungsländern. Die Industriefischerei vor den Küsten von Entwicklungs- und Schwellenländern zerstört die Lebensgrundlagen der Kleinfischer.

Subventionen auf die UN-Ziele umlenken

Schädliche Subventionen sind ein Haupttreiber dieser Entwicklung. Subventionen führen zu Überkapazitäten in der Fangflotte und senken die Betriebskosten so weit, dass auch unrentable Fischereiaktivitäten fortgeführt werden können. Zusätzlich treiben staatliche Zuschüsse für Schiffsneubauten und Treibstoffe die Überfischung auf der hohen See und vor den Küsten weit entfernter Drittstaaten an. Weltweit wird der Fischereisektor mit etwa 35 Milliarden US-Dollar an Subventionen unterstützt.

Mithilfe eines verbindlichen multilateralen Abkommens ließe sich auch eines der UN-Nachhaltigkeitsziele erfüllen, das den Abbau von Fischereisubventionen im Rahmen der Welthandelsorganisation WTO bis 2020 vorsieht. Der Fokus bei den anstehenden WTO-Verhandlungen muss darauf liegen, Subventionen umzulenken, um Fischereiressourcen besser zu managen sowie Fischereiüberwachungs- und Berichterstattungskapazitäten auszubauen, angefangen bei besserer Datenerhebung über Fischbestände.

Momentan gibt es eine nie da gewesene gesellschaftliche, politische und mediale Aufmerksamkeit für den Meeresschutz. Würde ein repräsentativer Teil unserer Meere zu Schutzgebieten erklärt, der Plastikeintrag gestoppt und Fischerei generell nachhaltiger betrieben werden, hätten die Meeres-Lebensräume und die weltweiten Fischbestände eine reelle Chance, sich zu erholen.

1008px Albatross at Midway Atoll Refuge 8080507529Der Mülleintrag droht alle Bemühungen um den Schutz der Ozeane zu ersticken. (Foto: Chris Jordan/​Wikimedia Commons)

Der Geograf und Naturschützer Christoph Heinrich ist Mitglied der Geschäftsleitung des WWF Deutschland und dort für die Arbeit zum Erhalt der biologischen Vielfalt zuständig