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Heft 3: Landwirtschaft

Wir brauchen eine bäuerlich-ökologische, eine solarbasierte Agrarkultur. Nur so werden wir genügend Lebensmittel, Arbeitsplätze im ländlichen Raum und dauerhaft gute Umweltbedingen schaffen.
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Heft 3: Landwirtschaft

"Die Lösung kommt nicht von oben"

BildIn der weltweiten Agrarpolitik gibt es klassische Interessengegensätze zwischen oben und unten, sagt der Agrarexperte Benedikt Härlin. Um Veränderungen zu erreichen, kommt es weniger auf Geld an als auf Bildung, das Recht auf Land, auf Frauenrechte und den Schutz vor Willkür. Es geht in allererster Linie um Menschenrechte und mehr Demokratie.


Herr Härlin, bis 2100 könnte die Weltbevölkerung von heute sieben Milliarden auf elf Milliarden angewachsen sein. Ist die Erde in der Lage, alle diese Menschen zu ernähren?

Benedikt Härlin: Was die Landwirtschaft heute produziert, könnte gut zwölf Milliarden Menschen ernähren, wenn wir nichts davon wegwerfen, weniger Fleisch konsumieren und darauf verzichten, unseren Sprit auf dem Acker anzubauen.

Die Biokapazität der Erde ist nicht das Problem. Die Frage ist, ob wir in der Lage sind, das Biosystem so zu erhalten, dass es uns weiter ernährt. Die größte Sünde der letzten Jahrzehnte war die blinde Produktionssteigerung in der Landwirtschaft – auf Kosten der Artenvielfalt, des Klimas, des Wasserhaushalts und des Phosphor- und Stickstoffkreislaufs. Wenn wir so weitermachen, können sich irgendwann nicht einmal mehr sieben Milliarden Menschen ernähren.

Kann denn eine global komplett ökologisch ausgerichtete Landwirtschaft tatsächlich zwölf Milliarden Menschen versorgen?

Dass wir uns nicht ernähren können, wenn wir keinen Kunstdünger mehr einsetzen, weil uns dann die Flächen nicht reichen, ist Quatsch. Man kann die zwölf Milliarden auch auf ökologische Art und Weise ernähren. Allerdings brauchen wir in einem agrarökologischen System mehr Effizienz. Hier gibt es noch enorme Steigerungspotenziale.

Was muss dafür passieren?

Nehmen wir die große Zahl von Kleinstbauernhöfen in Afrika und Asien mit weniger als einem Hektar Land. Untersuchungen zeigen, dass diese Höfe ihren Ertrag innerhalb von fünf Jahren etwa verdoppeln könnten, ohne den Energieeinsatz zu steigern und mehr Mineraldünger und Pestizide einzusetzen.

Die Lösungen finden sich in einem besseren Wassermanagement, im Pflanzen von Bäumen, die dafür sorgen, dass das Wasser nicht so schnell verdunstet, im Einsatz von Leguminosen und Zwischenfrüchten und in der Verbesserung der Fruchtfolgen und der Kombination der angebauten Früchte. Wir müssen die Kreisläufe optimieren, auch beim Einsatz von Tieren und Tierdung.

Sechs Jahre ist es her, dass der Weltagrarbericht veröffentlicht wurde, in dem 400 Experten eine radikale Abkehr von der industriellen Landwirtschaft und den Umstieg auf eine ökologische Landwirtschaft fordern. Hat der Bericht etwas bewirkt?

Der Weltagrarbericht hat im wissenschaftlichen und politischen Diskurs erhebliche Spuren hinterlassen. Heute sprechen von der Weltbank über UN-Organisationen und Regierungen bis hin zu Agrarprofessoren und Unternehmen fast alle davon, dass es auf die kleinbäuerliche Landwirtschaft und hier vor allem auf die Frauen ankommt.

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Kleinbauern mit ihren Rindern in Äthiopien: Der Weltagrarbericht fordert, sie zu stärken, um Hunger zu bekämpfen und Ernähungssouveränität zu erreichen. (Foto: Nick Reimer)

Viele geben zu, dass agrarökologische Maßnahmen die vielleicht wichtigste Form der Innovation sind. Sie wissen auch, dass der Hunger nur vor Ort zu überwinden ist und der Welthandel zur Bekämpfung des Hungers nur höchst beschränkte oder – wenn man es falsch macht – sogar negative Beiträge leistet. Aber die Praxis ist leider eine völlig andere.

Woran liegt das? Wer sind die größten Widersacher einer agrarökologischen Wende?

In erster Linie sind das die Industrie-Unternehmen, die Saatgut, Kunstdünger und Pestizide verkaufen. Die haben sehr viel Geld, sind mächtig und bestimmen teilweise die Aktivitäten von großen Stiftungen wie der Rockefeller-Stiftung oder der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung.

Entscheidend ist aber auch die Ignoranz der städtischen Eliten gegenüber den Bedürfnissen der ländlichen Entwicklung insgesamt und des Bauernstands im Speziellen. Deshalb ist in den meisten Teilen der Welt die Landwirtschaft gerade für die Ambitionierten, die besser gebildeten und kräftigen jungen Leute keine attraktive Berufsperspektive. Die gehen lieber in die Stadt, als auf dem Land etwas aufzubauen. Das spielt der Industrialisierung in die Hände.

Und dann gibt es eine enorme Gier auf allen Ebenen, vom Kleinbauern bis zum großen Agrarspekulanten. Diese Gier wird im Moment strukturell durch nicht nachhaltige Anreize sehr viel stärker angezogen als durch nachhaltige.

Wie lassen sich trotzdem die notwendigen Veränderungen anstoßen?

Nicht mit Geld von oben. Denn das geht erst einmal komplett durch die oftmals korrupten Strukturen in vielen Ländern. Nur ein kleiner Prozentsatz des Geldes landet am Ende da, wo es gebraucht wird.

Es kommt weniger auf Geld an als auf Bildung, das Recht auf Land und den Schutz vor Willkür; auf das Recht von Frauen, ein Konto zu eröffnen, lesen und schreiben zu lernen und nur so viele Kinder zu bekommen, wie sie wollen. Es geht in allererster Linie um Menschenrechte und mehr Demokratie, also um Ernährungssouveränität.

Mangelnde Demokratie, Imageprobleme des Landlebens und der Widerstand von Big Business – die globale Agrarwende erscheint als ein ungeheuer komplexer Prozess. Wo soll man überhaupt anfangen?

Von oben nach unten und in einem Stück werden wir das natürlich nicht lösen können. Aber wenn wir uns der Sache Stück für Stück und Dorf für Dorf oder Haushalt für Haushalt nähern, können wir etwas bewirken. Nehmen wir uns ein paar Grundsätze zu Herzen, nach denen wir unseren eigenen Konsum neu ausrichten. Wenn viele das tun, können wir darauf hoffen, dass sich tatsächlich etwas ändert.

Aber muss man sich nicht auch mit den globalen agrarpolitischen Rahmenbedingungen auseinandersetzen – zum Beispiel wenn große Konzerne sich mit Gewalt Land aneignen? Was kann man dem entgegensetzen?

Kämpfen! Hier geht es um klassische Kämpfe zwischen den unterschiedlichen Interessen von oben und unten. Den Menschen vor Ort bleibt nichts anderes übrig, als sich zu organisieren und gegen solche Unternehmen und Politiker zur Wehr zu setzen. Wir müssen diesen Widerstand unterstützen.

Benedikt Härlin ist Leiter des Berliner Büros der Zukunftsstiftung Landwirtschaft

Interview: Eva Mahnke