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Heft 3: Landwirtschaft

Wir brauchen eine bäuerlich-ökologische, eine solarbasierte Agrarkultur. Nur so werden wir genügend Lebensmittel, Arbeitsplätze im ländlichen Raum und dauerhaft gute Umweltbedingen schaffen.
Das Heft als PDF (5,5 MB) – Dezember 2014

Heft 3: Landwirtschaft

Ohne Phosphor geht es nicht

Das wichtigste Element der Landwirtschaft wird knapp – eine unterschätzte Gefahr für die Ernährung von neun Milliarden Menschen. Geht der Phosphat-Mineraldünger zur Neige, verliert die industrielle Nahrungsmittelproduktion ihre Grundlage. Dann drohen Massenunruhen.

Text: Nick Reimer

Es trägt die Ordnungszahl 15 im Periodensystem der Elemente: Phosphor ist für alle lebenden Organismen essenziell. Phosphor befindet sich in jeder Pflanze, jedem Tier, es stabilisiert Zellwände, bildet Knochen und ermöglicht Wachstum. Phosphorverbindungen sind Bestandteil der Erbinformationen. Phosphor beeinflusst die Photosynthese, den Kohlenhydrat- und den Wasserhaushalt. Leben ist ohne Phosphor undenkbar.

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Gülle auf die Felder: Was im Ökolandbau Teil eines Kreislaufs ist, wird in der industriellen Landwirtschaft zum Riesenproblem. (Foto: Schulze von Glaßer)

Dass die industrielle Landwirtschaft Anfang des 21. Jahrhunderts sieben Milliarden Menschen mehr oder weniger ausreichend ernähren kann, liegt hauptsächlich an drei Elementen: Kalium, Stickstoff und Phosphor. Die Stoffe, aus denen der Kunstdünger entstand. Sie haben im letzten Jahrhundert zu einer Revolution, zu einer immensen Steigerung der landwirtschaftlichen Produktivität geführt.

Auf der anderen Seite machten die Erfindung der Wassertoilette, die Industrialisierung der Landwirtschaft und unsere mittlerweile alltägliche Fleischeslust den Einsatz von Phosphormineraldünger überhaupt erst nötig. Heute werden weltweit 100.000 Tonnen Phosphor im Jahr in Minen abgebaut, 90 Prozent davon werden zu chemischen Düngemitteln verarbeitet. Vier Fünftel des zurzeit nutzbaren Phosphors lagern in nur vier Ländern: Marokko mit der besetzten Westsahara, China, Russland und USA.

In der vorindustriellen Landwirtschaft, als Ausscheidungen als Dünger dienten, gelangten etwa so viele Nährstoffe zurück in den Boden, wie zuvor entnommen wurden. Durch die "modernen" landwirtschaftlichen Methoden wird heute dreimal so viel Phosphor aus dem Boden ausgewaschen. Zwar werden inzwischen Verfahren zur Gewinnung von Dünger aus verbranntem Klärschlamm oder Schlachtabfällen entwickelt. Trotzdem nehmen die weltweiten Phosphorvorräte rapide ab. Vor allem der ökologische Landbau versucht derzeit, die wertvollen Phosphate aus Abfällen und Abwässern wieder dem regionalen Kreislauf zuzuführen.

Der Untergang der Zivilisation ist nicht länger Theorie

Seit dem Jahr 2010 ist eine Reihe wissenschaftlicher Studien erschienen, die von einer Katastrophe künden. Forschungen aus Schweden, Australien oder den USA legen nahe, dass schon zur Mitte des Jahrhunderts das Phosphor knapp wird. Schon heute beobachten die Wissenschaftler irrwitzige Preissprünge auf den globalen Rohstoffmärkten, an den Börsen tobten milliardenschwere Übernahmeschlachten von Phosphor-Produzenten. Die Wissenschaftler warnen: Wird der Phosphat-Mineraldünger knapp, geht die industrielle Nahrungsmittelproduktion zurück. Massenunruhen und Hungersnöte seien die wahrscheinliche Folge, sogar Kriege.

Was geschieht, wenn um das Jahr 2050 tatsächlich – wie prognostiziert – neun Milliarden Menschen auf der Erde leben, wegen der Erderwärmung und zunehmenden Versteppung die landwirtschaftliche Nutzfläche rapide sinkt – und dann auch noch Phosphormangel dazu kommt?

"Der Untergang unserer Zivilisation ist nicht länger eine Theorie oder eine akademische Möglichkeit. Es ist der Weg, auf dem wir sind", sagt Peter Goldmark, ehemaliger Leiter der Rockefeller-Stiftung. Was den Untergang auslösen wird, glaubt Lester Brown zu wissen, der Gründer des Earth Policy Institute: "Mit den Fortschritten in der modernen Landwirtschaft habe ich die Idee lange abgelehnt, dass die Nahrungsmittelversorgung das schwache Glied in der Kette sein könnte." Doch heute ist Brown überzeugt: Genau so wird es kommen.

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Ohne Kunstdünger läuft in der "modernen" Agrarwirtschaft nichts. Wehe, wenn ihr der Stoff ausgeht. (Foto: CJP24/Wikimedia Commons)

Zwei Wege scheint es zu geben, um die Katastrophe abzuwenden: einen neuen Schub für die industrielle Landwirtschaft oder den Umstieg auf Agrarökologie. Der erste Weg ist energie- und kapitalintensiv, der zweite arbeitsintensiv. Die Zukunft ist offen.