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Heft 3: Landwirtschaft

Wir brauchen eine bäuerlich-ökologische, eine solarbasierte Agrarkultur. Nur so werden wir genügend Lebensmittel, Arbeitsplätze im ländlichen Raum und dauerhaft gute Umweltbedingen schaffen.
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Heft 3: Landwirtschaft

Transformation in der Nische: Permakultur

Permakultur ist weit mehr als eine alternative Anbaumethode: Es geht um die Rückbesinnung auf den Menschen als Teil des Naturkreislaufs. Bisher werden die Permakulturdesigner jedoch von der Agrarwissenschaft nicht ernst genommen. Ein Projekt in Göttingen könnte das ändern.

Text: Susanne Götze

Der Landschaftsökologe Uwe Scheibler hatte zusammen mit zwei seiner Studenten vor vier Jahren eine mutige Idee: Statt sich in endlosen Vorlesungen mit Ertragsrechnungen zu langweilen, wurden die Studierenden im wahrsten Sinne des Wortes vor die Tür gesetzt. Auf mehreren, von der Universität und der Stadt Göttingen bereitgestellten Arealen dürfen die angehenden Geografen, Soziologen, Forst- und Agrarwissenschaftler seitdem ganz praktisch gärtnern und produzieren. Doch damit nicht genug, ging es nicht einfach "nur" darum, ein paar Tomatenstauden zu züchten, sondern um die an den deutschen Agrarfakultäten verpönte Permakultur. Während schon der Ökolandbau in Hörsälen kaum Beachtung findet, wird die Permakultur praktisch totgeschwiegen.

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Permakultur an der Uni Göttingen: Über die Kompost-Toilette aus Recyclingmaterialien werden Pflanzennährstoffe gewonnen. (Foto: Universität Göttingen)

Konventionelle Landwirtschaft und Permakultur können unterschiedlicher nicht sein. "Die Frage in der klassischen Landwirtschaft lautet: Wie viel Ertrag kann mit möglichst wenig Aufwand aus dem Boden herausgeholt werden?", erklärt Umweltdozent Scheibler. Die Antwort führe unweigerlich dazu, die landwirtschaftliche Nutzfläche so zu optimieren, dass bei der Ernte möglichst viele Kilos auf die Waage kommen. Alles andere bleibe weitgehend unberücksichtigt.

"Dieses sektorielle Denken herrscht seit dem 19. Jahrhundert vor und daraus entstand auch die industrielle Agrarwirtschaft, die aus Europa in die ganze Welt exportiert wurde", so Scheibler. Das Ergebnis sei, dass heute nur noch rund ein Prozent der Menschen in Deutschland als Bauern arbeiten, niemand mehr wisse, woher die Milch kommt und die Folgen des intensiven Anbaus auf Umwelt und Mensch wieder zurückfallen.

Ertrag und Gewinn spielen nur eine Nebenrolle

Die Permakultur stellt nach ihren Begründern – den Australiern Bill Mollison und David Holmgren – eine grundlegend andere Frage: Wie kann die Produktion am besten an die Standortbedingungen angepasst werden und als ökosoziales Gesamtsystem nachhaltig betrieben werden? Will heißen: Der Bauer oder die Gärtnerin nehmen das, was sie vor Ort finden, versuchen ihren Anbau optimal in das vorhandene Ökosystem zu integrieren. Nicht das Mehr entscheidet, sondern das Wie und Wofür. Ganz im Sinne des neuen wachstumskritischen Diskurses ist wichtig, wie etwas im Einklang mit der Umgebung produziert und wie es letztendlich konsumiert wird.

Der Anspruch an den Permakulturdesigner ist also groß: Es geht um ein selbstorganisiertes Leben mit und in der Natur, jenseits der herkömmlichen Ertrags- und Profitrechnungen. Denn mit der Ernte hört die Permakultur, wie der Name schon vermuten lässt, nicht auf: Alles soll wieder verwendet, der Ertrag getauscht und nicht primär zu Geld gemacht werden.

Das ist sicherlich der entscheidende Grund, warum Permakultur es nicht in den Mainstream-Diskurs der Agrarwissenschaft schafft. Immerhin studiert man heute ja auch "Agrarökonomie". Selbstversorgern, entschleunigtem Leben und Kritik am Geldsystem haftet hingegen der Geruch von mittelalterlichen Methoden und Hängematten-Esoterik an. Permakultur-Vertreter sind deshalb bis heute so etwas wie die Anarchisten der Agrarwirtschaft.

"Selten waren Studenten so hoch motiviert"

Der Kurs von Uwe Scheibler in Göttingen ist mittlerweile weit über seine akademischen Grenzen hinausgewachsen und hat eine unerwartete Eigendynamik entwickelt, so begeistert waren die Studenten. Heute wohnt ein Teil von ihnen vor Ort. Sie organisieren sich selbst Strom und Wasser, leben von ihren eigenen Lebensmitteln und gehen "containern" – Reste von Supermärkten einsammeln –, wenn die Ernte nicht reicht. "Ich habe selten so hoch motivierte Studenten erlebt", erzählt Scheibler, "sie gehen nun ganz anders mit Lebensmitteln um, organisieren sich völlig selbstständig und haben einen unglaublichen Wissensdurst."

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Bienenspezialist Jonas Brab demonstriert die permakulturelle Bienenhaltung. Uni-Vizepräsident Wolfgang Lücke, Studiendekan Heiko Faust und Chemieprofessor Volker Thiel hören aufmerksam zu. (Foto: permakulturraum.de)

Heute sind zwar beim Permakultur-Infoportal rund 70 Projekte in Deutschland gelistet, der Flächenanteil ist jedoch absolut marginal. Die Chancen auf den großen Durchbruch wie beim Ökolandbau sind sehr gering. Jedoch ist sich der Permakultur-Befürworter Scheibler sicher, dass die Idee langfristig an Zulauf gewinnt: "Permakultur kann überall und in jeder Größenordnung betrieben werden, deshalb ist bei einer steigenden Anzahl von prekär lebenden Menschen in Europa zu erwarten, dass sie sich Alternativen jenseits von Konsumzwang und Geldherrschaft suchen."