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Heft 3: Landwirtschaft

Wir brauchen eine bäuerlich-ökologische, eine solarbasierte Agrarkultur. Nur so werden wir genügend Lebensmittel, Arbeitsplätze im ländlichen Raum und dauerhaft gute Umweltbedingen schaffen.
Das Heft als PDF (5,5 MB) – Dezember 2014

Heft 3: Landwirtschaft

"Den Dialog zwischen Stadt und Land beleben"

BildOb die Landwirtschaft zukunftsfähig wird, entscheiden vor allem die Konsumenten bei ihrem Einkauf. Städter schauen noch viel zu selten, woher ihre Lebensmittel kommen, sagt die Agrarwissenschaftlerin und Politikexpertin Antje Kölling vom ökologischen Anbauverband Demeter. Aber die Politik dürfe sich nicht aus der Verantwortung stehlen, bessere Rahmenbedingungen zu setzen. Auf "Killerphrasen" der Agrarindustrie sollte dagegen niemand hereinfallen.

 
Frau Kölling, Landwirtschaft zerstört massiv die Umwelt, die Gewässer, das Klima. Allein die landnutzungsbedingten CO2-Emissionen sind drastisch gestiegen. Was muss sich ändern?

Antje Kölling: In der Landwirtschaft geht es nicht nur um Kohlendioxid. Lachgas ist 296-mal klimaschädlicher. Es entweicht vor allem aus Böden, die im konventionellen Landbau mit viel Stickstoffdünger behandelt wurden. Wir brauchen aber ökologischen Landbau, denn bei organischer Düngung wird durch Humusbildung Kohlenstoff im Boden gebunden. Auch die Anpassung an die Folgen des Klimawandels ist wichtig. Böden, die mit organischer Landwirtschaft bewirtschaftet werden, haben eine bessere Wasseraufnahmefähigkeit bei Starkregenfällen.

Außerdem brauchen wir robuste Pflanzen und mehr Sortenvielfalt für größere wirtschaftliche Klima-Resilienz. Wer seine Landwirtschaft auf Vielfalt aufbaut, kann bei klimabedingtem Ausfall einer Frucht von den Erträgen der übrigen Kulturen und Betriebszweige leben. Die Folgen der industriellen Landwirtschaft wie Bodenerosion und Verlust der biologischen Vielfalt können wir uns auf Dauer nicht leisten.

Wer kann die notwendige Transformation überhaupt anschieben? Die Politik oder die Verbraucher?

Zum einen müssen wir den Dialog zwischen Stadt und Land beleben. Städter schauen noch viel zu selten, woher ihre Lebensmittel kommen – auch wenn es schon tolle Ansätze wie Saisongärten oder solidarische Landwirtschaft gibt. Letztlich stimmen die Konsumenten mit ihrem Einkaufskorb ab.

Aber die Politik kann sich nicht aus der Verantwortung stehlen, bessere Rahmenbedingungen zu setzen. Der Zugang zu Land wird für Jung- und Kleinbauern immer schwieriger. Außerlandwirtschaftliche Investoren treiben die Landpreise hoch – hier muss die Politik steuernd eingreifen, damit eine diversifizierte Kulturlandschaft erhalten bleibt.

Ist die EU-Agrarreform aus dem vergangenen Jahr ein Schritt in die richtige Richtung? Oder ist die Gemeinsame Agrarpolitik der EU wirkungslos?

Die Agrarreform hat Chancen eröffnet, doch letztlich ist sie durch die vielen Ausnahmeregelungen zahnlos geworden. So waren beispielsweise Umwelt- und Bio-Verbände sehr enttäuscht, dass Deutschland die Vorgaben für die ökologischen Vorrangflächen aufgeweicht hat, auf denen nun sogar Chemikalien eingesetzt werden dürfen. Außerdem hatten wir auf eine breitere Finanzierung der ländlichen Entwicklung gehofft. Ökologische Maßnahmen und bäuerliche Strukturen hätten gezielter gefördert werden können.

Jetzt liegt der Ball bei den Bundesländern. Sie können die Beratung für den ökologischen Landbau fördern oder Zusammenschlüsse für die Vermarktung. Neu ist ein Programm zur Vernetzung von Wissenschaft und Landwirtschaft, um zu mehr Nachhaltigkeit und Produktivität zu kommen. Das ist ein Anfang – aber zu wenig für eine Agrarwende.

Brauchen wir wirklich mehr Ökolandbau-Förderung? Ist es nicht sinnvoller, etwa den Ausstoß von Treibhausgasen per Gesetz zu begrenzen?

In einer idealen Welt wären auch externe Kosten der Landwirtschaft wie Umwelt- und Gesundheitsschäden im Preis des Lebensmittels inbegriffen – dann wäre Ökolandbau wettbewerbsfähig. Doch wir haben einen stark verzerrten Wettbewerb, bei dem die externen Kosten der konventionellen Landwirtschaft letztlich der Gesellschaft aufgebürdet werden. Deshalb ist es wichtig, den ökologischen Landbau zu fördern. Besonders am Anfang, denn um einen Hof umzustellen braucht es Wissen, Zeit und Geld und man hat größere Risiken, solange die ökologischen Systeme und die Absatzmärkte noch nicht eingespielt sind.

Kann der klimasmarte Anbau, wie ihn die UN propagiert, die Landwirtschaft retten?

Wie so oft: Gute Ansätze sind vorhanden, auf die Umsetzung kommt es an. Wir dürfen nicht zulassen, dass Begriffe wie Nachhaltigkeit und "klimasmart" von Chemiekonzernen besetzt werden. Weltweit werden 70 Prozent der Nahrung von Kleinbauern erzeugt, für die meisten von ihnen sind Hightech-Lösungen wie Präzisionslandwirtschaft ohnehin unerschwinglich.

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Bäuerinnen verkaufen Brot im Uigurischen Autonomen Gebiet Xinjiang: Weltweit wird es für Kleinbauern immer schwerer Zugang, zu Land zu erhalten und damit zu überleben. (Foto: Nick Reimer)

Durch eine bessere Ausbildung in ökologischen Anbaumethoden können Bauern gerade in Entwicklungsländern ohne den Zukauf teurer Inputs Ertragssteigerungen erzielen: durch Humusaufbau, eine gute Fruchtfolge und Mischkulturen sowie biologische Schädlingsbekämpfung. Wissenstransfer hat eine Schlüsselfunktion auf dem Weg zu besserer und regional selbstbestimmter Nahrungsmittelversorgung.

Oft heißt es, dass Biolandbau nicht Milliarden Menschen ernähren kann.

Das ist eine Killerphrase. Die Agrarindustrie kann ihrerseits nicht beweisen, dass sie die Menschheit ernähren kann – und zwar nicht nur heute, sondern auch noch in 200 Jahren. Keine Frage, wir brauchen Nachhaltigkeit im Landbau. Deshalb muss der biologische Landbau weiterentwickelt und ausgebaut werden. Wenn Böden erst mal erodiert sind, kann man sie nicht so schnell wieder ersetzen. Dagegen zeigen ökologische und biodynamische Projekte wie Sekem in Ägypten, wie auch ausgelaugte Sandböden langsam fruchtbarer werden können, wenn man den Humusaufbau fördert.

Öko-Anbauverbände wie Demeter fordern geschlossene Kreisläufe. Wie soll sich das in einer arbeitsteiligen und globalisierten Landwirtschaft überhaupt durchsetzen lassen?

Kreisläufe bedeuten nicht, dass man den Markt abschottet. Wir wollen ja auch in Zukunft Kaffee trinken, und kultureller Austausch und fairer Handel sind eine gute Sache. Doch die Grundnahrungsmittel einer Gesellschaft sollten schwerpunktmäßig regional erzeugt werden. Es geht hier nicht nur um einzelne Umweltaspekte, sondern auch um Ernährungskultur und vielfältige Landschaften.

Bäuerliche und handwerkliche Lebensmittelherstellung in kleinem Rahmen haben jedoch heute mit vielen Herausforderungen und oft unverhältnismäßigen Kosten zu kämpfen. Zum Beispiel werden aus den Gesetzen zur Lebensmittelhygiene häufig die Auflagen, die für große, industrielle Anlagen und lange, teilweise globale Lieferketten gemacht sind, auch auf regionale Erzeuger angewandt.

Es gibt immer wieder einzelne Initiativen für freies Saatgut oder gegen Massentierhaltung. Wie können die zu einer breiten Bewegung werden, um die Agrarwende doch noch zu schaffen?

Mit "Meine Landwirtschaft" haben wir schon eine solche Bewegung. Am 17. Januar werden wir wieder unter dem Motto "Wir haben es satt" in Berlin demonstrieren. Da kommen Initiativen, Verbände und kritische Menschen mit ganz unterschiedlichem Hintergrund zusammen, die aber alle für eine nachhaltigere Landwirtschaft eintreten.

Die Verbraucher müssen Verantwortung übernehmen und den Dialog mit den Erzeugern suchen. Wir dürfen unsere Ernährungs- und die Agrarkultur nicht allein Konzernen überlassen. Die Gesellschaft kann es sich nicht leisten, Leute mit schlechtem Essen abzuspeisen. Wir müssen uns fragen, was die wahren gesellschaftlichen Kosten dieser Ernährung sind. Deshalb ist die Demonstration im Januar so wertvoll, weil Bauern und Verbraucher dort zusammenkommen.

Interview: Sandra Kirchner