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Heft 3: Landwirtschaft

Wir brauchen eine bäuerlich-ökologische, eine solarbasierte Agrarkultur. Nur so werden wir genügend Lebensmittel, Arbeitsplätze im ländlichen Raum und dauerhaft gute Umweltbedingen schaffen.
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Heft 3: Landwirtschaft

Von den Ameisen lernen: Der Kreislauf der Stoffe

Die Anstrengungen des Ökolandbaus, die Einbahnstraße bei Rohstoffen und Energie durch einen Kreislauf zu ersetzen, sind auch der Versuch Kostenwahrheit herzustellen. Das Beispiel des Stickstoffs macht deutlich: Die billigen Lebensmittel in den Regalen unserer Supermärkte sind teuer erkauft.

Text: Felix zu Löwenstein

Wenn es stimmt, dass die Gesamtkörpermasse aller Ameisen so groß ist wie die der Menschen, wirft das die Frage auf: Wieso schaffen es die Tiere, einen so kleinen Fußabdruck auf dieser Erde zu hinterlassen, während die Menschen in den letzten zwei Jahrhunderten ihr Lebensumfeld so stark verändert haben, dass die Geowissenschaft mit der Industrialisierung ein neues Erdzeitalter anbrechen sieht, das sie "Anthropozän" nennt?

Der Unterschied liegt im Ressourcenverbrauch. Während die Ameisen alle Stoffe, die sie zu ihrer Ernährung und zum Bau ihrer kunstvollen Behausungen benötigen, dem natürlichen Kreislauf entnehmen und sie in diesen zurückgeben, brauchen wir Menschen innerhalb weniger Generationen Ressourcen auf, die einmalig und endlich sind. Wir entnehmen sie Lagerstätten, wo sie sich im Verlauf der Erdgeschichte angesammelt haben, und verteilen sie ebenso großzügig wie nicht rückholbar in den scheinbar unendlichen Reservoirs der Atmosphäre und der Weltmeere.

Dort entfalten sie Wirkung. Sie verändern zum Beispiel die Zusammensetzung der Erdatmosphäre und damit die globale Durchschnittstemperatur. Oder sie überdüngen die Gewässer bis hin zum Umkippen aquatischer Ökosysteme.

Sich ein Beispiel an den Ameisen zu nehmen ist ein Grundanliegen der ökologischen Landwirtschaft. Sie will die Nährstoffe im Kreislauf halten und dem offenen System der Natur keine Stoffe hinzufügen, die ihm fremd sind.

Das Gegenbild dazu ist eine konventionelle Landwirtschaft, die ich deshalb industriell nenne, weil sie den Boden nicht als lebenden Organismus wahrnimmt, sondern als Substrat, in dem die Pflanzen wurzeln können, um nicht umzufallen, und das als Medium zur Verabreichung der Nährstoffe dient. Was ich damit meine, will ich am Beispiel von Stickstoff beschreiben.

Ackerbau als industrieller Prozess

Als Zentral-Atom in den Aminosäuren, aus denen Eiweiß und damit der wichtigste Baustein aller Lebewesen gebildet wird, ist Stickstoff, das Element mit dem Kürzel N, unabdingbar für das Pflanzenwachstum. Seine Quellen sind traditionell der Mist aus dem Stall, die Bodenlebewesen, die organischen Bestandteile des Bodens ("Humus") und Stickstoff bindende Leguminosen – Hülsenfrüchtler wie Klee, Luzerne oder Erbsen.

Seit 1910 das Haber-Bosch-Verfahren es möglich machte, Stickstoff aus der Luft zu gewinnen, konnte die Begrenztheit dieser Quellen überwunden werden. Die Fruchtbarkeit des Bodens und seine Fähigkeit, Nährstoffe zu mobilisieren, hatten ihre Bedeutung verloren.

Lange konnte man allerdings den durch künstlichen Stickstoff möglichen Ertragsfortschritt nur in geringem Umfang nutzen, weil man der Krankheitsprobleme nicht Herr werden konnte, die durch seinen Einsatz entstandenen. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als die Agrarchemie die Pestizide entwickelt hatte, konnten unterstützt durch die Pflanzenzüchtung die Erträge auf das heutige Niveau geschraubt werden. Der Ackerbau wurde nun nach dem Vorbild industrieller Prozesse organisiert.

Die Probleme dieser Entwicklung reichen über unerwünschte Nebenwirkungen der Pestizide auf die Gesundheit von Menschen und Umwelt weit hinaus.

Zunächst einmal braucht die Herstellung von Stickstoff-Dünger Energie – und zwar mehr als das, was für den Betrieb der Landmaschinen benötigt wird. Weltweit werden etwa zwei Prozent des gesamten Primärenergie-Verbrauchs zur Stickstoff-Synthese benötigt. Angesichts schwindender Vorräte an fossiler Energie stellt sich daraus als erstes die Frage, ob es nicht sinnvoll wäre, einen weniger energieabhängigen Pfad zu suchen.

Die zweite Quelle des Stickstoffs, der auf unsere Felder gelangt, ist nicht weniger problematisch. Es ist die Weite der argentinischen Pampa oder der Wälder des Amazonas, die zu riesigen Sojafeldern geworden ist, um unsere industrielle Tierhaltung mit Eiweißfutter zu versorgen. 2,5 Millionen Hektar, das entspricht mehr als einem Fünftel der deutschen Ackerfläche, werden dort allein für die deutsche Tierhaltung angebaut. Die darin enthaltenen Nährstoffe – vor allem der Stickstoff als Bestandteil des Proteins – werden über den Atlantik in unsere Ställe geschaufelt, durch den Stoffwechsel von Geflügel, Schweinen und Rindern geschleust und auf den Äckern ausgebracht.

Zu diesen beiden Problemen – Verbrauch endlicher fossiler Energien und Zerstörung der im globalen Ökosystem enorm wichtigen Steppen- und Urwaldflächen Südamerikas – kommt als drittes eine katastrophale Stickstoffbilanz. Denn von insgesamt 200 Kilogramm, die im Durchschnitt auf jedem Hektar als Kunstdünger oder Gülle und Mist landen, wird gerade einmal die Hälfte des Nährstoffes tatsächlich von den Pflanzen aufgenommen.

Die Überschuss-Werte bedeuten nichts anderes, als dass die andere Hälfte in die Gewässer entsorgt oder als Treibhausgas an die Atmosphäre abgegeben wird. Dabei dürfte die industrielle Tierhaltung eine größere Rolle spielen als der Ackerbau. Denn durch den konzentrierten Anfall von Hühnerkot, Schweine- und Rindergülle gelangt punktuell besonders viel Stickstoff in den Boden. Dasselbe gilt auch für die Überdüngung von Böden mit Phosphat.

Im Übermaß vorhandener Stickstoff verursacht gleich drei Probleme: die Beschleunigung der Klimaerwärmung durch Bildung von Stickoxiden und Ammoniak, die Verunreinigung des Grundwassers und damit Bildung von Nitrat im Trinkwasser sowie die Überdüngung von Oberflächengewässern.

"Todeszonen" in den Meeren

Schon lange bevor im Sommer 2010 die Umweltkatastrophe nach der Explosion der Ölplattform "Deepwater Horizon" die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf den Golf von Mexiko lenkte, begann dort ein Debakel, das genauso weit reichende Folgen hat, aber mangels ölverschmierter Pelikane keine fernsehtauglichen Bilder produziert: die Ausbreitung einer "Todeszone" im Mississippi-Mündungsgebiet. Dort wurde durch die Überdüngung in den flussaufwärts gelegenen Ackerbaugebieten, die vom längsten Strom der Welt durchflossen werden, das Algenwachstum so angeheizt, dass kaum noch Sauerstoff vorhanden ist.

Forscher der University of Maryland berichteten im Frühjahr 2010 in der Fachzeitschrift Science, dass diese Todeszonen durch die Produktion von Stickoxiden die Ozonschicht schädigen und zur globalen Erwärmung beitragen. Sie führen zudem auf direktem Weg zur Verminderung der Nahrungsproduktion, weil in diesen Zonen alles Leben auf dem Meeresboden abstirbt. So wird die Nahrungskette unterbrochen, die zur Entstehung von Fischbeständen erforderlich ist.

Solche Todeszonen gibt es weltweit. 169 davon listete im Sommer 2012 das Umweltprogramm der Vereinten Nationen UNEP auf. Davon seien nur 13 dabei, sich zu erholen. 415 weitere Gebiete seien hingegen kurz davor, dass auch ihnen durch den Zufluss von Düngemitteln der Erstickungstod drohe.

Vor vier Jahren verwies Schwedens Meteorologisches Institut in Göteborg darauf, dass sich die Fläche, auf der der Boden der Ostsee biologisch tot ist, immer schneller vergrößert. Schon ein Fünftel der Böden in der Kern-Ostsee zwischen Dänemark und den Åland-Inseln sei ohne Sauerstoff. Ein weiteres Drittel der Meeresböden ist angesichts fortschreitenden Sauerstoffmangels vom gleichen Schicksal bedroht. So wächst die Gefahr giftiger Algenblüten, und 30 bis 50 Prozent der tierischen Biomasse in der Ostsee sind in den letzten fünf Jahrzehnten verschwunden. Damit fehlen bis zu drei Millionen Tonnen Bodenlebewesen auf der Speisekarte der Fische. Wenn nichts geschieht, wird diese Entwicklung alle Anstrengungen, über verminderte Fischereiquoten die Erholung der Kabeljau-Bestände zu fördern, zunichtemachen.

Billige Lebensmittel teuer erkauft

Die Anstrengungen des Ökolandbaus, die Stickstoff-Einbahnstraße durch einen Kreislauf zu ersetzen, sind auch der Versuch Kostenwahrheit herzustellen. Das Beispiel des Stickstoffs, dem man noch viele andere hinzufügen könnte, macht deutlich: Die billigen Lebensmittel in den Regalen unserer Supermärkte sind teuer erkauft. Den Großteil der Kosten bekommen wir aber nicht an der Kasse berechnet. Wir zahlen sie zum Beispiel an die Trinkwasser-Lieferanten, die aufwändig Nitrat und Pestizide aus dem Wasser entfernen müssen. Und es zahlen die künftigen Generationen, die auf einer immer schmaleren Grundlage versuchen müssen, ihre Nahrung zu erzeugen.

Wenn dieser absurde Zustand beendet werden soll, dann wird das nur gehen, wenn teuer ist, was uns teuer kommt, und billig, was uns keine zusätzlichen Kosten verursacht. Die Politik verfügt über Instrumente, um auf diese Weise dem Markt seine Funktionsfähigkeit wiederzugeben. Lutz Ribbe beschreibt sie in seinem Beitrag ebenso wie die Beharrungskräfte, die alles beim Alten lassen wollen. Gegen diese Kräfte können wir unsere Zukunft verteidigen: als Marktteilnehmer durch unsere Entscheidung, was wir kaufen. Und als politische Menschen, indem wir uns für eine Ernährungswende engagieren.

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Die Kreisläufe schließen: Gasprobenentnahme für ein Lachgas-Projekt am Forschungsinstitut für biologischen Landbau. (Foto: Mercator-Stiftung)

Der Biolandwirt und Agrarwissenschaftler Felix Prinz zu Löwenstein ist Vorstandsvorsitzender des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft